Hans Henny Jahnn

Hans Henny Jahnn (* 17. Dezember 1894 in Stellingen (heute Teil Hamburgs); † 29. November 1959 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller, Orgelbauer, Musikverleger (Ugrino-Verlag) und Hormonforscher.

Der Sohn eines Schiffbauers emigrierte zusammen mit Gottlieb Harms 1915 nach bestandenem Abitur nach Norwegen, um dem 1. Weltkrieg zu entgehen. 1918 kehrte er zunächst nach Hamburg zurück, zog dann aber aufs Land (Eckel bei Klecken). Hier lebte er mit Gottlieb Harms (1893 - 1931, Musikschriftsteller) und Franz Buse (1900 - 1971, damals Bildhauer) in freier Lebensgemeinschaft mit Teilung von Tisch und Bett. Auch andere Personen, wie Ellinor Philips (1893 - 1970), Jahnns spätere Ehefrau, wohnten dort.

1919 gründeten Jahnn, Harms und Buse gemeinsam die Glaubensgemeinschaft Ugrino. Sie entstand - wie viele ähnliche Gruppen in der Weimarer Republik - aus dem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung heraus und als Flucht vor der - von vielen als enttäuschend empfundenen - Wirklichkeit der Zeit. Die Glaubensgemeinschaft Ugrino wollte alte Kunstwerke aller Art erhalten und neue schaffen. Insbesondere sollten auf einem riesigen eigenen Grundstück, das teilweise auch gekauft wurde, Sakralbauten errichtet werden (Architekt: Jahnn). Letztlich blieben aber die meisten Pläne der Glaubensgemeinschaft Ugrino unausgeführt. Erfolgreich war lediglich die Gründung des Ugrino-Verlags (1921) zusammen mit Gottlieb Harms, in dem Werke barocker und vorbarocker Komponisten erschienen. Jahnn selbst war aber nur Verleger, nie Herausgeber.

Gleichfalls im Jahr 1919 veröffentlichte Jahnn zum ersten Mal ein Drama, Pastor Ephraim Magnus, für das er 1920 mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet wurde (UA 1923). Weitere Dramen folgten. Viele Zuschauer taten sich schwer mit Jahnns Stücken, stellen sie doch oft extreme Gefühlslagen und krasse Handlungen dar (Inzest, Homosexualität, Verstümmelung...). Die Stücke wurden oft harsch kritisiert und erlebten nur wenige Aufführungen. Entsprechend schwer hatte es Jahnn auch, einen Verleger zu finden.

Seit Beginn der Zwanzigerjahre befasste sich Jahnn mit der Konstruktion von Orgeln. Er wollte Orgeln so wiederherstellen bzw. neu bauen, dass sie dem Klangideal des Barock entsprachen (Orgelbewegung). Trotz ähnlicher Forderungen bekannter Männer wie Albert Schweitzer hatte Jahnn es nicht leicht, seine Vorstellungen durchzusetzen. Auch sein Ruf als Autor skandalumwitterter Theaterstücke machte es ihm zeitweise schwer, Aufträge zu bekommen. Dennoch hat Jahnn in seinem Leben ca. 100 Orgeln restauriert bzw. neu gebaut. Die meisten davon sind jedoch heute, zu Beginn des 21. Jhs. nicht mehr in spielfähigem Zustand.

In den ausgehenden Zwanzigerjahren verfasste Jahnn den Roman Perrudja.

Obwohl Jahnn seit Beginn der Dreißigerjahre vor den Nationalsozialisten gewarnt hatte, wollte er doch nicht endgültig emigrieren und den Kontakt mit Deutschland nicht verlieren. Er war überzeugt, dass er als Schriftsteller nur in Deutschland seinen Lebensunterhalt sichern konnte. Darum blieb er z. B. Mitglied der Reichsschrifttumskammer. Die Nationalsozialisten standen ihm skeptisch gegenüber (aufgrund seiner Stücke wurde er in der Nazi-Presse u. a. als "Kommunist und Pornograph" bezeichnet) und durchsuchten mehrfach seine Wohnung in Hamburg. Darum verließ Jahnn bereits im Frühjahr 1933 Deutschland und hielt sich während der Nazi-Zeit meistens im Ausland auf, kehrte aber immer wieder für kurze Zeit nach Deutschland zurück. Seit 1934 wohnte er auf Bornholm in Dänemark, wo seine Schwägerin Sibylle, gen. Monna Harms auf Jahnns Rat einen Bauernhof erworben hatte, den er bis 1950 bewirtschaftete. Auf Bornholm verfasste er auch den größten Teil seines Hauptwerkes Fluß ohne Ufer, einer gewaltigen Trilogie von über 2000 Seiten, deren letzten Band Epilog er nicht abschloss. 1950 kehrte er zurück nach Hamburg und setzte sich vor allem gegen die Entwicklung von Atombomben und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ein. 1956 reiste er nach Moskau, 1959 verstarb er in Hamburg an einem Herzinfarkt. Sein letzter, wiederum unvollendeter Roman Jeden ereilt es erschien erst posthum 1968, die Erzählung Die Nacht aus Blei, ein Auszug daraus, erschien schon im Jahr 1956.

Im Zentrum von Jahnns Werk steht durchgehend die existentielle Angst vor dem Dasein, die dem Menschen unauflöslich bleibt und nur vom Eros und der Liebe konterkariert werden kann. Der Verlust von Liebe und Sexualität ist daher immer ein tragischer Sturz in fundamentale Qualen über die reine Trauer hinaus. Diesen Pessimismus ergänzt Jahnn durch eine antichristliche, fast heidnische Ästhetik, welche sich gegen die Zivilisation zugunsten eines archaischen Mythos erhebt.

Mit seinem Werk ist Jahnn eine singuläre Erscheinung in der deutschen Literatur und lässt sich keiner Bewegung zuordnen. Die spätexpressionistischen Elemente in seinem Frühwerk überwand er schnell zugunsten eines originären Stil in der Art eines "magischen Realismus".

Inhaltsverzeichnis

Werke

Werkausgaben

Prosa

Dramen

Auswahlbände

Sonstiges

Literatur

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Personendaten
Jahnn, Hans Henny
Deutscher Schriftsteller
17. Dezember 1894
Stellingen (heute Hamburg)
29. November 1959
Hamburg

See also: Hans Henny Jahnn, 17. Dezember, 1894, 1959, 29. November, Albert Schweitzer, Atombombe, Bornholm, Der Kreis