Hermeneutik

Die Hermeneutik (von griechisch ερμηνευτική [τέχνη], altgriechische Aussprache hermeneutiké [téchne] - [die Kunst des] Interpretierens, Übersetzens, Erklärens und Auslegens) leitet sich her von Hermes dem Götterboten, der den Menschen den Götterwillen immer verschlüsselt, also interpretationsbedürftig gebracht hat, und bezeichnet ursprünglich die Lehre vom Verstehen eines Textes; Schleiermacher hat unter dem Begriff der Hermeneutik das Programm einer umfassenden Lehre vom Verstehen entworfen. Der Frankfurter Soziologieprofessor Oevermann prägte den Begriff der objektiven Hermeneutik.

Inhaltsverzeichnis

Anwendungsgebiete der Hermeneutik

Große Bedeutung besitzt die Hermeneutik nach wie vor bei der Auslegung von Texten, Kunstwerken oder Musikstücken.

In der Theologie findet die Hermeneutik in Form der Biblischen Hermeneutik Anwendung. Sie hat das Verstehen der Bibel zum Gegenstand. Zur Debatte steht hier zum Beispiel, inwieweit biblische Texte wörtlich zu verstehen sind. Ganz grundsätzlich wird aber auch gefragt, inwieweit eine Biblische Hermeneutik sich überhaupt als Spezialfall einer allgemeinen Hermeneutik verstehen kann.

Gadamer versteht die Hermeneutik universal als Weltdeutung. Man spricht daher von einer hermeneutischen Philosophie. Weitere wichtige Vordenker und Vertreter dieser Philosophierichtung sind z. B. Wilhelm Dilthey und Martin Heidegger.

Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist die Rechtshermeneutik, die die Frage nach der Anwendung und Interpretation von Gesetztestexten stellt: muss das Gericht sie wörtlich verstehen oder gibt es Spielraum für eine übertragene Anwendung?

Wissenschaftstheoretisch kann ein hermeneutischer Ansatz einem naturwissenschaftlichen Ansatz (Empirie) entgegengestellt werden. W. Dilthey stellte so Naturwissenschaften und Hermeneutik (Geisteswissenschaften) einander gegenüber: Naturwissenschaften erklären etwas, fragen nach Ursachen (erklären z. B. den Tod eines Menschen medizinisch). Geisteswissenschaften versuchen etwas (im umfassenderen Sinne) zu verstehen (fragen z. B. Was ist der Tod? Wie gehe ich mit ihm um?).

In den Sozialwissenschaften unterscheidet man subjektive und objektive Hermeneutik. Während erstere das „einfühlende Verstehen“ z. B. in die persönliche Situation eines Menschen bezeichnet (auch Empathie genannt), ist die objektive Hermeneutik bemüht, die tatsächlichen Beweggründe, Botschaften eines Handelns oder einer Situation zu verstehen. Dies geschieht unter anderem durch die Interpretation von Kontextmerkmalen einer Situation oder eines Ereignisses. Die objektive Hermeneutik stellt auch eine Methode der qualitativen Sozialforschung dar.

Kritik an der Hermeneutik

Ungeklärt ist die Frage nach der Validität oder, bescheidener ausgedrückt, nach der Glaubwürdigkeit hermeneutischer Aussagen. Eine aussichtsreiche Möglichkeit resultiert, wenn man die hermeneutischen Aussagen als abduktive Schlüsse i. S. von C. S. Peirce auffasst und dann untersucht, ob die Regeln dieser Schlussform eingehalten wurden, ob beispielsweise von der hermeneutischen Hypothese Vorhersagen auf andere, noch unbekannte Merkmale des Erkenntnisgegenstandes deduziert und dann empirisch überprüft wurden. Diese Form der Gültigkeitskontrolle spielt z. B. in der medizinischen Differentialdiagnostik eine bedeutende Rolle.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

See also: Hermeneutik, Abduktion, Auslegung, Auslegungskunst, Bibel, Biblische Hermeneutik, Charles Peirce, Deduktion, Differentialdiagnose, Doppelte Hermeneutik