Hethitische Sprache
Die hethitische Sprache (Sprache der Hethiter, abgeleitet von bibl.-hebr. het <Land Het>; heth. Eigenbezeichnung nesili oder nesumnili <Nesisch, Sprache der Leute aus Kanes> ; engl. hittite) ist eine kleinasiatische, heute ausgestorbene indoeuropäische Sprache. Ihre Schriftzeugnisse gelten als die ältesten indoeuropäischen überhaupt und reichen bis ins frühe 2. Jahrtausend v. Chr. zurück. Zusammen mit den luwischen Sprachen sowie dem Palaischen und dem Lydischen bildet es den anatolischen Zweig des Indoeuropäischen.
| Inhaltsverzeichnis |
Indoeuropäisch, Anatolisch, Hethitisch
Stellung des Hethitischen im anatolischen Zweig der indoeuropäischen Sprachen:
Luwisch, Karisch, Lykisch und Pisidisch und Sidetisch werden gelegentlich als "luwische Sprachen" zusammengefasst, da sie näher untereinander verwandt zu sein scheinen.
Eine Zeit lang wurde die Zugehörigkeit des Hethitischen (und damit auch der übrigen anatolischen Sprachen) zu den indoeuropäischen Sprachen bezweifelt. Die Gründe liegen in den zum Teil stark abweichenden grammatischen Erscheinungen des Hethitischen (siehe "Sprachliche Besonderheiten"). Es wurde vielmehr vermutet, daß es sich beim Hethitischen (nur) um eine sehr nahe Verwandte des Indoeuropäischen handele und mit ihm das sog. Indo-Hethitische bilde.
Heute wird durchgehend die Meinung vertreten, daß die hethitische Sprache sich wie die übrigen indoeuropäischen Sprachen aus einer Sprache entwickelt hat, die - so wird vermutet - zur Zeit des Wechsels vom 3. zum 2. Jahrtausend v. Chr. im Gebiet der unteren Wolga von den Trägern der sogenannten Kurgan-Kultur gesprochen wurde. Diese Grundsprache wird im allgemeinen als indoeuropäische Grundsprache (seltener: indoeuropäische Ursprache) bezeichnet. Als sich in der Folgezeit der Kulturverband löste (die Gründe liegen noch weitgehend im Dunkeln), löste sich auch der gemeinsame Sprachverband in einzelne Sprachen bzw. Sprachzweige.
Die besonderen Eigenheiten des anatolischen Zweiges werden nun damit begründet, daß sich die Sprecher der späteren anatolischen Sprachen bereits zu einem sehr frühen Stadium aus dem gemeinsamen Kulturverband lösten und sich deren Sprachen eigenständig weiterentwickeln konnten.
Schriftzeugnisse und Entdeckung
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten französische Archäologen nahe dem türkischen Dorf Bogazkale (früher: Bogazköy) einige Tontafelfragmente. Die darauf befindlichen Texte waren in einer lesbaren Variante der akkadischen Keilschrift verfaßt, von denen aber die Archäologen kein Wort verstanden, da sie größtenteils in einer unbekannten Sprache verfaßt waren. Die Veröffentlichungen blieben weitgehend unbeachtet.
Erst 1902 vermutete ein schwedischer Wissenschaftler, dass die gefundenen Texte in einer indoeuropäischen Sprache abgefaßt wurden. Er stütze seien These auf die in Tell el-Amarna gefundene Korrespondenz zwischen dem hethitischen Großkönig und dem Pharao Amenophis IV. (Echnaton).
1906 entdeckten zwei deutsche Archäologen, Hugo Winckler und Theodor Makridi, in Bogazkale eine Tafel mit einem längeren Text. Dieser Text war beiden inhaltlich bereits bekannt. Es handelte sich um eine Version des Friedensvertrages zwischen einem hethitischen Großkönig Hattusili und dem ägyptischen Pharao Ramses II.
Die eigentliche Entzifferung des Materials und die Postulierung der Verwandtschaft zu den indoeuropäischen Sprachen ist aber erst dem Tschechen Bedrich Hrozny 1915 zuzurechnen.
Zu den umfangreichen Texten, deren Originale in der Hauptverwaltung der UNO in New York aufbewahrt werden, zählen neben dem bereits erwähnten Friedensvertrag auch religiöse und juristische Texte. Darunter auch eine Art Verfassung, die Telipinu um 1500 v. Chr. fixieren ließ.
Auf der überwiegenden Anzahl der in Bogazkale gefundenen Tontafeln ist auch Alltägliches notiert, z. B. Vorratslisten. Ihnen ist auch der hohe Anteil von Bezeichnungen alltäglicher Dinge am bekannten Wortschatz zu verdanken.
Die hethitischen Sprachdenkmäler und Textzeugnisse werden in drei Sprachstufen oder Epochen aufgeteilt, und zwar
- Althethitisch (1570 bis 1450 v. Chr.)
- Mittelhethitisch (1450 bis 1380 v. Chr.)
- Junghethitisch (1380 bis 1220 v. Chr.)
Sprachliche Besonderheiten
Eine Besonderheit stellt die - im Kreis der Linguisten nicht unumstrittene aber weitgehend akzeptierte - Laryngaltheorie dar. Diese unterstellt das Vorkommen von mehreren Laryngalen (Kehlkopflauten, wie z. B. [h]) in der Grundpsrache. Einer dieser Laryngale ist im Hethtischen auch in der Schrift erhalten. Dort wird er mit dem Zeichen <h> wieder gegeben.
Entgegen der sonst bei indoeuropäischen Sprachen üblichen drei Genera (grammtisches Geschlecht) Femininum, Maskulinum und Neutrum unterscheidet das Hethtische nur zwei, und zwar Genus Commune und Genus Neutrum. Die Bezeichnungen stammen noch aus einer Zeit, in der man die - heute weitgehend widerlegte - These vertrat, das im Hethitischen Femininum und Maskulinum zu einen gemeinsamen (frz. commune) Genus verschmolzen sind. Heute geht man davon aus, daß das Hethitische einen viel älteren Zustand erhalten hat. Hiernach unterschied die indoeuropäische Grundsprache nur zwischen belebten Personen oder als belebt gedachte Sachen (Animata) und unbelebten Sachen (Inanimata). Im Hethitischen werden diese nahezu unverändert als Genus Commune (Animat) und Genus Neutrum (Inanimat) fortgesetzt. In den meisten übrigen indoeuropäischen Sprachen teilten sich die Animata später auf in Feminina (weibliches) und Maskulina (männliches Geschlecht). Diese grammatische Unterscheidung des Sexus (natürliches Geschlecht) ist dem Hethitischen fremd.
Literatur
- Friedrich, Johannes: Hethitisches Elementarbuch, 1. Teil Kurzgefaßte Grammatik, Winter, Heidelberg 1960
einzige deutschsprachige Darstellung der Grammatik, leider teilweise veraltet, aber immer noch brauchbar - Meier-Brügger, Michael: Indogermanische Sprachwissenschaft, 7. Aufl., De Gruyter, Berlin 2000. ISBN 3-11-014478-6
modernere Darstellung der gesamten Indogermanistik, leider nur unzureichende Informationen zum Hethitischen - Held, Warren H. Jr.: Beginning Hittite, Slavica, Columbus 1988. ISBN 0-89357-184-9
englischsprachiges Grammatik- und Textbuch, sehr schlechter Satz und Druck, gute, aber sehr kurze Darstellung der Grammatik, die weniger die historische Dimension berücksichtigt - Watkins, Calvert: Hittite. In: The Cambridge Encyclopedia of the World's Ancient Languages, ed. R. D. Woodard, Cambridge 2004, pp. 551-75.
Knappe Darstellung in einem Sammelwerk, sehr aktuell.
Weblinks
- Hethitologie Portal Mainz
- http://www.hethitologie.de
Informationen zur Hethitogie, enthält eine umfangreiche Sammlung von Biographien; darunter: Emil Forrer, Johannes Friedrich, Jürgen Seeher
Kategorie:Einzelsprache
