Heysesche s-Schreibung
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Die Heysesche s-Schreibung bezeichnet in der deutschen Sprache eine Regel zur Unterscheidung, ob nach einem Vokal ss oder ß geschrieben wird. Die Regel lautet wie folgt:
- Nach kurz gesprochenem Vokal wird ß durch ss ersetzt.
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Geschichte der Heyseschen s-Schreibung
Die Heysesche s-Schreibung wurde im Jahr 1829 erfunden. Es ist ungeklärt, ob sie Johannn Christian August Heyse (1764-1829) oder seinem Sohn Karl Wilhelm Ludwig Heyse zuzuschreiben ist.
Zunächst fand die neue Regel wenig Freunde. Auch Karl Wilhelm Ludwig Heyses Sohn Paul Heyse (1830-1914), dem 1910 als erstem Deutschen der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, verwendete diese Schreibweise nie.
Im Jahr 1876 protokollierte die 1. Orthographische Konferenz zum Thema Heysesche s-Schreibung:
- Demnächst empfahl Hr. Scherer, für jetzt bei der allgemein verbreiteten Adelungschen Regel stehen zu bleiben; Heyse sei bisher im wesentlichen nur in Schulen durchgedrungen, und aus Österreich können Redner bezeugen, daß auch wer danach unterrichtet werde, die Heysesche Regel später wieder aufzugeben pflege.
Erst 1879 kam die Heysesche s-Schreibung zu Ehren, indem sie in Österreich als Rechtschreibregel eingeführt wurde.
Im Jahr 1902 wurde die Heysesche s-Schreibung auf der 2. Orthographischen Konferenz aufgegeben, da sie zu vermehrten Schreibfehlern geführt hatte. Statt dessen wurde die sogenannte Adelungsche s-Schreibung eingeführt.
Bei der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 wurde die Heysesche s-Schreibung erneut als Schreibregel vorgeschlagen. Im Zuge der Korrektur dieser Reform beschäftigt sich der Rat für Deutsche Rechtschreibung auch mit dieser Regel, die nach wissenschaftlichen Studien wieder zu häufigeren und neuartigen Schreibfehlern geführt hatte.
Vorteile der Heyseschen s-Schreibung
Stammprinzip
Bei manchen Wörtern ergibt sich mit der Heyseschen s-Schreibung eine Angleichung an den Wortstamm, z.B. bei "Hass", "hassen", "er hasst" (gegenüber "Haß", "hassen", "er haßt" in Adelungscher Schreibung). Allerdings gibt es hiervon viele Ausnahmen wie z.B. "schließen", "er schloss" (in Adelungscher Schreibung: "schließen", "er schloß").
Bessere Laut-Buchstaben-Zuordnung
Die Heysesche s-Schreibung setzt die Ausspracheregel fort, nach der ein kurzer betonter Vokal durch Verdoppelung des nachfolgenden Konsonanten angezeigt wird. Dies soll vor allem Nicht-Muttersprachlern das Erlernen der deutschen Sprache erleichtern. Nach der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 gibt es allerdings 12 Gruppen von Ausnahmen von dieser Regel.
Schwächen der Heyseschen s-Schreibung
Zu der Zeit, in der die Heysesche s-Schreibung in Österreich verwendet wurde, und auch nach der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 wurden die hauptsächlichen Schwächen der Heyseschen s-Schreibung offenbar:
Erhöhung der Fehlerzahl
Nach der duch die 2. Orthographischen Konferenz eingeführten Adelungschen s-Schreibung kann ein Wort nur auf "s" oder "ß" enden, nicht aber auf "ss". Die Heysesche s-Schreibung ermöglicht aber alle drei Schreibweisen. Bei einem Zweifelsfall steigt daher die Wahrscheinlichkeit, einen Fehler zu machen, deutlich an. In der Tat konnte eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Harald Marx eine bis zu 30% erhöhte Fehlerhäufigkeit in diesem Bereich nachweisen.
Beispiele für die falsche Anwendung der Heyseschen s-Schreibung sind seit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 vermehrt in der Presse und sogar in Schulbüchern zu finden.
Übergeneralisierung
Die Heysesche s-Schreibung führt häufig zur Übergeneralisierung, indem sie folgendermaßen verstanden wird:
- Nach kurzem Vokal folgt "ss", nach langem Vokal oder Doppelvokal folgt "ß".
Dieses Mißverständnis führt zu neuen Schreibfehlern wie "Ausweiß", "Kisste", "Ergebniss", "Zeugniss" oder "Ohne Fleiß kein Preiß". Entsprechende Schreibfehler sind seit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 sowohl in den Schulen als auch in der täglichen Schriftsprache (z.B. Tagespresse) vermehrt zu finden.
Ausspracheunterschiede
Die Heysesche s-Schreibung bietet keine Lösung für das Problem unterschiedlicher Aussprache von Worten. So werden z.B. die Wörter "Spaß" und "Fußball" zwar üblicherweise mit langem Vokal gesprochen, in vielen Gegenden aber mit kurzem Vokal.
Erschwertes Lesen
In der Adelungschen s-Schreibung wird mit dem "ß" anstelle des "ss" ein Silbengelenk markiert. Das bedeutet, daß das Auge duch den weit aufragenden Buchstaben "ß" eine Silbengrenze schnell erfassen kann. Diese Eigenschaft ist in der deutschen Sprache besonders wichtig, da durch Aneinanderhängen von Wörtern beliebig neue Wörter gebildet werden können. Derart zusammengesetzte Wörter lassen sich in der Adelungschen Schreibweise leicht lesen:
- Schlußstrich, Nußecke, haßerfüllt
In Heysescher Schreibweise sind die Wörter deutlich schwerer lesbar, da dem Auge die Orientierung fehlt:
- Schlussstrich, Nussecke, hasserfüllt
Die erschwerte Lesbarkeit bei fehlendem Silbengelenk läßt sich durch die Lektüre einer Schweizer Tageszeitung ausprobieren. In der Schweiz ist die Ligatur "ß" weithin ungebräuchlich, wird aber derzeit von vielen Schweizern wiederentdeckt.
Weiterführende Informationen
Artikel
- Horst Fröhler: Rechtschreibreform – Ja oder Nein? Wien, Sept. 1997
- Theodor Ickler: Die sogenannte Rechtschreibreform - ein Schildbürgerstreich, St. Goar: Leibniz, 1997
- Harald Marx: Rechtschreibleistung vor und nach der Rechtschreibreform: Was ändert sich bei Grundschulkindern? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, 31(4), S. 180-189, Verlag Hogrefe, Göttingen
- Frank Müller, Nele Winkler: Totenschein für das Eszett. In: Literaturkritik, Ausgabe 1 (Januar 2004)
Weblinks
- Karin Pfeiffer: Fallgruben der Logik
