Historisch-kritische Methode
Historisch-kritische Methode ist die Bezeichnung für einen Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Bekannt ist sie vor allem als eine Methode der biblischen Exegese. Tatsächlich werden historisch-kritische Methoden aber überall dort angewandt, wo ein schriftlich überlieferte Traditionen in mehreren, voneinander abbweichenden Varianten vorliegen oder wo ein Prozess der Verschriftlichung von paralleler mündlicher Überlieferung begleitet wird.
Wissenschaftliches Arbeiten ist dadurch gekennzeichnet, dass es sich nicht über seine Ergebnisse definiert, sondern darüber, dass alle in Frage kommenden Fakten mit intersubjektiv nachvollziehbaren Methoden geprüft werden. Sofern Wissenschaftlichkeit beansprucht wird, ist es daher notwendig, über die angewandten Methoden Rechenschaft abzulegen. Seit der Aufklärung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der Sinn eines Textes herausgearbeitet werden müsse, den der Verfasser in seinem historischen Umfeld zum Ausdruck bringen wollte, bevor eine weitergehende Interpretation erfolgen könne. Diese Herangehensweise ist der Kern der historisch-kritische Methode.
Zu den Werkzeugen der historisch-kritischen Methode gehören z.B.
- Kanonkritik
- Textkritik
- Formkritik
- Sozialgeschichtliche Kritik
- Traditionskritik
- Literarkritik
- Redaktionskritik
- Übersetzungskritik
Die Bezeichnung Historisch-kritisch verweist auf eine Kombination zweier Grundannahmen dieser hermeneutischen Methoden:
- Historisch ist diese Exegese, weil sie davon ausgeht, dass die zu untersuchende Textgestalt eine Geschichte hat. Dies gilt zum Beispiel für Sagen. So kann eine Sage über Jahrhunderte mündlich überliefert worden sein und dabei zahlreiche Veränderungen erlebt haben. Diese Sage wird vielleicht von zwei verschiedenen Schriftstellern notiert. Die Drucklegung erlebt mehrere Auflagen, bei denen korrigierend oder aus anderen Gründen in den Text eingegriffen wurde. Der Text, der aktuell in einer Sagensammlung erscheint, ist nicht in dieser Form ursprünglich, sondern er hat eine Geschichte.
- Kritisch ist die Methode nicht im umgangssprachlichen Sinn. Ihr Ziel ist nicht, die Bibel zu kritisieren. Kritisch ist die Methode, weil sie davon ausgeht, dass es allgemein einsichtige Kriterien für die wissenschaftliche Untersuchung der historischen Textgestalt gibt. Das bedeutet keineswegs, dass jeder Wissenschaftler mit seinen Untersuchungen zum gleichen Ergebnis kommen muss. Jeder einzelne Untersuchungsschritt muss vielmehr für andere nachvollziehbar sein; ob er tatsächlich nachvollzogen wird ist eine Frage der Qualität des Argumentes. Unterschiedliche Bewertungen von Details zeitigen wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedliche Bewertungen.
Ein häufiges Missverständnis, mit dem die historisch-kritische Methode konfrontiert ist, ist, dass sie der Bibelauslegung den Blick auf das Ganze verstelle. Aufgabe der historisch-kritischen Methode ist nicht durch Neuinterpretation der Bibel eine neue Basis für das christliche Leben aufzubauen, sondern der Auslegung der Bibel eine Basis zu geben, in der die Auslegenden im Sinne der Hermeneutik ihre Voraussetzungen besser kennen. Ergebnisse der historisch-kritischen Methode können insofern sogar für eine Auslegung wertvoll sein, die von der Vorstellung der Verbalinspiration des biblischen Textes getragen ist.
Kategorie: Methoden biblischer Exegese
Kategorie:Christentumsgeschichte (Neuzeit)
