Historismus (Geschichtswissenschaft)
Der 1879 geprägte Terminus Historismus bezeichnet
1. die Erkenntnis der Geschichtlichkeit aller menschlichen Wirklichkeit
2. polemisch eine Überbetonung des historischen Details in geistes- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen
3. eine Richtung innerhalb der Geschichtswissenschaft, die individualisierende Betrachtung als notwendig unterscheidende Merkmal der Geschichtswissenschaft gegenüber den Sozialwissenschaften sieht (vgl. Leopold Ranke, Benedetto Croce).
Diese Richtung der Geschichtswissenschaft wurde von Friedrich Nietzsche als Relativismus angegriffen.
Die Unterschiede zwischen Rankes Auffassung und einer zeitgenössischen zeigt sich an folgenden Zitaten:
„Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen; so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen.“ (Leopold von Ranke)
„Immer hat Geschichte zwei Komponenten: das, was geschehen ist, und den, der das Geschehene von seinem Orte in der Zeit sieht und zu verstehen sucht. Nicht nur korrigieren neue sachliche Erkenntnisse die alten; der Erkennende selber wandelt sich. Die Vergangenheit lebt; sie schwankt im Lichte neuer Erfahrungen und Fragestellungen.“ (Golo Mann)
Historismus ist eine Weltansicht, die alle Erscheinungen des kulturellen Lebens aus ihrer Geschichte heraus zu verstehen versucht, und damit das Einmalige und Individuelle heraushebt.
Literatur:
Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie, 1874
Benedetto Croce: Geschichte als Gedanke und Tat, 1938, deutsch 1944
Friedrich Meinecke: Die Entstehung des Historismus, 2 Bde 1936
Siehe auch: Historizismus, Eklektizismus
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