Hospitalismus

Unter dem Hospitalismus versteht man insbesondere alle negativen Begleitfolgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthalts. Es gibt zwei Arten des Hospitalismus.

Inhaltsverzeichnis

Infektiöser Hospitalismus

Der Begriff beschreibt die Möglichkeit einer Infektion innerhalb eines Krankenhauses oder Heimes mit Bakterien oder Viren. Besonders während einer Operation, bei Dauerkatheter, bei mangelnder Hygiene, bei Nachlässigkeit mit medizinischen Geräten und bei mangelnder Desinfektion.

Symptome und Beschwerden:

generelle (auch nicht infektionsbedingte) Probleme des Hospitalismus:

Ein besonderes Problem in der Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege sind körperliche Misshandlungen (zum Beispiel Liegenlassen in Kot und Urin) durch hilfloses oder überfordertes Personal. Unter anderem auch daher kann es zu den genannten Erscheinungen wie Wunden oder Geschwüren bei den Betroffenen kommen.

Psychischer Hospitalismus

Psychischer Hospitalismus wird auch als Hospitalismus-Syndrom, Hospitalschaden, Deprivationssyndrom, anaklitische Depression oder Deprivation bezeichnet.

Er äußert sich durch Entwicklungsverzögerungen und Entwicklungsstörungen bei längerem Krankenhaus- oder Heimaufenthalt infolge unpersönlicher Betreuung und mangelhafter individueller Zuwendung. Durch die Einweisung in ein Heim, die lieblose Betreuung zu Hause, die Trennung der Eltern oder gar Kindesmisshandlung kommt es oft zu einer ängstlich-widerstrebenden oder einer ängstlich-vermeidenden Bindung des Kindes an die ErzieherIn. Das Urvertrauen der Kinder wird frühzeitig wieder zerstört. Psychischer Hospitalismus kommt häufig in Krankenhäusern, Waisenheimen und auch in manchen Familien vor, wenn die Kinder "wie am Fließband" und unter Zeitdruck "abgefertigt" werden. - Walter Züblin sprach in seinem Buch "Das schwierige Kind" 1971 von "verblödeten Autisten" und "unansprechbaren Idioten".

Mit dem psychischen Hospitalismus verwandt ist die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen; sie werden sich selbst überlassen. Früher hat man den Hospitalismus daher auch als Frühverwahrlosung bezeichnet.

Ähnliche Erscheinungen kommen auch bei Erwachsenen in Krankenhäusern, Seniorenheimen und in der Psychiatrie vor, wenn sie lieblos betreut werden und von der übrigen Bevölkerung abgeschnitten sind.

Symptome und Beschwerden:

Ähnliche Störungen kommen auch bei Tieren vor. In einem Tierversuch hat man Küken isoliert in verschiedenen Käfigen gehalten und beobachtet. Nach einiger Zeit saßen sie in einer Ecke des Käfigs und starrten die Wand an. Bei Pferden im Stall kann man beobachten, dass sie sich teilweise hin- und herwiegen, wenn sie sich nicht wohlfühlen. Manche Zootiere, die lange Zeit in Gefangenschaft leben, neigen zu motorischer Unruhe (z.B. an der Wand hin und her rennen).

Folgen und Komplikationen

Die Folgen von infektiösem Hospitalismus sind gravierend. Gerade alte, geschwächte oder chronisch kranke Menschen, auch Leute mit Dauerkatheter oder frisch Operierte, infizieren sich mit Krankheitserregern. Auch die Nachlässigkeit und die mangelnde Desinfektion der Räume und der medizinischen Geräte sowie die persönliche Hygiene sind ein großes Problem in Krankenhäusern und Arztpraxen und können zu gefährlichen Infektionen führen.

Die Folgen von psychischen Hospitalismus (Deprivation, Deprivationssyndrom, anaklitische Depression) sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Es kommt zu psycho-affektiven Störungen, also zu Verzögerungen und Veränderungen im Antrieb, in der Wahrnehmung und im Fühlen und Denken. Die Kinder retardieren und/oder entwickeln später zum Beispiel eine Bindungsstörung (ICD-10 F94) oder eine Anpassungsstörung (ICD-10 F43). Langzeitpatienten in Krankenhäusern, Altenheimen und Anstalten können regredieren und beispielsweise von einer Depression (ICD-10 F32) betroffen sein.

Vorbeugung

Genaue Beachtung der Hygienevorschriften in Krankenhäusern und Arztpraxen, Dauerkatheter nicht länger als nötig, häufige Händedesinfektion, Reinhaltung der Kleidung, Desinfektion des medizinischen Gerätes, Medizinbehälter nicht offen stehen lassen, Medikamente nicht länger als nötig anwenden (Resistenzbildung!), peinliche Sauberkeit bei und nach Operationen.

Mittlerweile ermöglicht man Hautkontakt zwischen Mutter und Kind im Krankenhaus (so genanntes Bonding. Waisenkinder werden vorzugsweise in besonders ausgewählten Pflegefamilien untergebracht. Für körperlich, geistig oder seelisch behinderte Menschen gibt es das Betreute Wohnen. Es gibt Besuchsdienste, die sich um alte und kranke Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen kümmern.

Differentialdiagnose

Es gibt auch andere Störungen mit ähnlichen Symptomen, z.B. der frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom, manche Arten der Depression, die schizoide Persönlichkeitsstörung und bestimmte Formen der Schizophrenie. Ähnliches Verhalten kann auch bei ständiger Kindesmisshandlung vorkommen. Auch die geistige Behinderung ist vom Hospitalismus abzugrenzen, kann allerdings in Kombination auftreten.

Ausblick

Durch die Einsparungen in der Folge der Hartz-IV-Reformen werden die Pflegekräfte in Krankenhäusern, Altersheimen und Waisenheimen noch stärker als bisher belastet. Möglicherweise wird es daher in Zukunft vermehrt zu Gewalt gegen Alte und Kranke und zu stärkerer Vernachlässigung kommen. Schon jetzt sterben in Deutschland jährlich etwa 10.000 Menschen durch Pflegefehler, Fehlernährung und Gewalt. Schlimm ist, dass die Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen in den Heimen zu selten stattfinden und vorher angekündigt werden.

Aber auch die teilweise mangelnde Hygiene in den Krankenhäusern und Arztpraxen ist ein großes Problem.

Ein Lichtblick in der Betreuung alter und kranker Menschen sind Einrichtungen des Betreuten Wohnens, die Hospizbewegung für pflegebedürftige Leute, die ambulante Pflege und integrative Therapieprogramme wie in Geel.

Siehe auch: Pagodenwackeln, Kopfwackeln, Anpassungsstörung, Belastungsstörung, Bindungsstörung, Rooming in, Heimkritik, Ambulante Pflege

See also: Hospitalismus, Aggression, Anaklitische Depression, Angst, Anpassungsstörung, Apathie, Asperger-Syndrom, Autismus, Bakterien, Belastungsstörung