Ideae innatae

Die ideae innatae (lateinisch: »angeborene Ideen« oder »eingeborene Ideen«) bezeichnen einen zentralen Begriff in der Geschichte der Philosophie, um den ausführlich in Auseinandersetzungen bezüglich der erkenntnistheoretischen Bedeutung gestritten wurde. Diese auf Platon zurückgehende Lehre, wonach die menschliche Seele in ihrer Präexistenz die Begriffe oder geistigen Wesenheiten - eben "Ideen" - geschaut habe. Die begriffliche Erkenntnis sei daher eine durch die Wahrnehmung angeregte Wiedererinnerung (Anamnesis). Mit dieser mythischen Deutung des Erkennens will Platon diesem eine eigene, erfahrungsunabhängige Grundlage geben. Innerhalb erkenntnistheoretischer Erörterungen wird in der Folgezeit immer wieder an diese idealistische Auslegung des Erkenntnisvorgangs angeknüpft.

Inhaltsverzeichnis

Zu den Auffassungen bei Aristoteles und Platon

Aristoteles beantwortete die Frage nach der Herkunft der allgemeinen Aussagen und Begriffe mit der idealistischen Schlussfolgerung, dass die Tätigkeit des Verstandes ihre Quelle sei.

Davon ausgehend, erklärten die Nachfolger des Aristoteles, gewisse Pinzipien und Grundbegriffe seien angeboren. An Anlehnung an die Erkenntnislehre der Stoiker sind die eingeborenen Ideen für Cicero (der diesen Begriff prägte) gemiensame Vorstellungen aller Menschen, die ih ihrer gleichen Natur begründet liegen. Als Allgemeinbegriffe, die dem menschlichen Verstand von Gott gegeben wurden, gelten die eingeborenen Ideen und vor allem die Gottesvorstellung selbst in der Scholastik. Die so entstandene Lehre von den ideae innatae verband sich mit Platons idealistischer Erkenntnistheorie (seine Lehre von der Anamnesis und den Ideen), die der im Mittelalter herrschenden scholastischen Anschauung sehr entgegenkam (Platonismus).

Zu den Auffassungen in der Neuzeit

In der neueren Philosophie nahmen die eingeborenen Ideen u.a. bei Rene Descartes (Cartesianismus), Nicolas Malebranche und Gottfried Wilhelm Leibniz an. Descartes verwendete diesen Begriff für Vorstellungen, die unabhängig von der Erfahrung, unmittelbar einleuchtend, also evident sowie klar und deutlich sind. Dies traf zu auf das Selbstbewußtsein (cogito ergo sum), auf die mit diesem gegebenen Ideen "Körper", "Geist" und "Gott" sowie die gesamte Mathematik. Leibnitz griff zwar explizit auf Platon zurück, modifizierte aber dessen Standpunkt dahingehend, daß er die eingeborenen Ideen als ursprünglich im menshclichen Verstand vorhanden annahm. Der Mensch würde sich die "Inhalte des Denkens aus unserem eigenen verschaffen können, wenn wir darin nachgraben"(in: Neue Abhandlugen über den menschlichen Verstand, XXI).

Dagegen wandten sich vor allem Pierre Gassendi und die französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts.

Die eindeutige Ablehnung bei John Locke

Gegen die Lehre von den eingeborenen steht die von den Stoikern stammende Annahme, daß die Seele eine vergleichsweise ursprünglich leere Wachstafel (tabula rasa) sei, in welche die Außenwelt ihre Zeichen eindrücke. Vor allem John Locke war, unter Verwendung dieser Vorstellung, gegen jene lehre aufgetreten. Nach ihm kann nichts im Verstande sein, was nicht vorher in den Sinnen gewesen sei (siehe Sensualismus). Locke unterzog sie einer umfassenden Kritik und bewies ihre Haltlosigkeit. Gleichzeitig analysierte er die Grundbegriffe, die durch ihre Evidenz die Illusion angeborener Ideen erzeugen. Allgemeine Begriffe würden stets durch Abstraktion aus den einzelnen konkreten Inhalten gebildet oder gewonnen. Was die Erkenntnisse angehe, so könnten sie schon deshalb nicht angeboren sein, weil alle Erkenntnisse von Gegenständen oder Relationen seien.

Die Vorstellung des Gegenstandes müsse aber der Erkenntnis, die sich auf ihn beziehe, voraufgehen. Doch die Substanz als Träger der Qualitäten, die in uns einfache Ideen bewirkten, bleibe etwas Unbekanntes; sie werde als ein Erzeugnis unseres subjektiven Denkens charakterisiert.

Die Entwicklung der Wissenschaft bestätigte Lockes Grundthese vom Ursprung der menschlichen Erkenntnisse aus der Erfahrung.

Locke verneinte auch, dass die Gottesidee angeboren sei, und behauptete, sie sei historisch im Prozess der rationellen Erforschung "des Aufbaus und der Ursachen der Dinge" entstanden. Er widerlegte überhaupt die Auffassung, die ethischen und religiösen Auffassungen seien angeboren.

Zur Auffassung bei Immanuel Kant und den Kategorien

Verändert findet man die Lehre von den eingeborenen Ideen bei Immanuel Kant. Während in jener erfahrungsunabhängige Erkenntnisinhalte angenommen wurden, behauptete dieser die Erfahrungsunabhängigkeit für die Erkenntnisformen. Solche Formen, die er als Voraussetzung jeglicher Erfahrung ansah, sind die der Anschauung (d.h. Raum und Zeit) und die der Verstandes (d.h. die Kategorien, siehe auch apriorische Anschauungsformen). Bis dahin wurden Erkenntnisinhalte als apriorisch angesehen wie in Kants Erkenntnisformen. Die Kategorien sind bei Kant Verstandesbegriffe, die unabhängig vom Gehalt der Erfahrung sind. Die Kategorien sind bei ihm keine Widerspiegelung des Inhalts, der in der sinnlichen Welt gefunden wurde, sondern bloß Formen, unter die der Verstand das aus der Sinnenerkenntnis zugeleitete Material subsumiert. Als solche Begriffe sind die Kategorien und beispielsweise alle Sätze der Mathematik apriorisch (Apriorismus). In direkter Anknüpfung an Kant vertrat im philosophisch-naturwissenschaftlichen Bereich Hermann von Helmholtz in seiner Schrift Vom Sehen des Menschen (1855) die Auffassung, daß die Gesetze des Geistes sowie Raum- und Zeitvorstllungen eingeboren seien (Nativismus).

Zu den Auffassungen im 20. Jahrhundert

Bis ins 20. Jahrhundert vertreten einzelne Philosophen und Naturwissenschaftler, so Bernhard Bolzano und Edmund Husserl die Idee von der angeborenen Wahrheit. Bolzano vertrat in Anlehnung an Leibniz angenommene "Wahrheiten an sich", die unabhängig davon existieren sollen, ob sie gedacht werden oder nicht, was auf den Gedanken des Vorhandenseins eingeborenern Ideen hinausläuft. Bei Husserl ist es innerhalb der Phänomenologie, wo "rein kategoriale", durch "ideierende Abstraktion" gewonnene Begriffe sowie die "intuitive Gegebenheit der Idee", im Anschluß an Belzano, eigeborene Wahrheiten und Begriffe voraussetzen. Sie spielen bei neuplatonischen Wissenschaftlern bis heute eine Rolle, vornehmlich in der von Kant vertretenden Spielart, ebenso in einigen Richtungen des Neuthomismus und der christlichen Religionen.

siehe auch: tabula rasa, sinnlich-rationale Erkenntnis, empirisch-theoretische Erkenntnis , Empirismus

See also: Ideae innatae, 18. Jahrhundert, 1855, 20. Jahrhundert, Apriorische Anschauungsformen, Apriorismus, Aristoteles, Bernhard Bolzano, Cartesianismus, Cicero