Ideologiekritik
Die Ideologiekritik ist in erster Linie ein Interpretationsansatz der Geisteswissenschaften. Sie geht von einer ideologisch verblendeten Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität aus. Indem die Ideologiekritik den Verblendungszusammenhang aufdeckt, möchte sie den Zugang zu wirklichen Verhältnissen freilegen.
Selbstverständlich wird Ideologiekritik auch außerhalb der geisteswissenschaftlichen Begrifflichkeit betrieben. Wahrheitsfindung und Aufhebung instrumenteller Vernunft findet in allen Lebenssituationen statt. Somit war ideologiekritische Reflexion schon immer ein progressives Moment in der Befreiung menschlichen Bewusstseins von Herrschaft, Unterdrückung und Verdinglichung. Ideologiekritik kommt daher vor allem in kreativ-künstlerischer Praxis zum Ausdruck.
| Inhaltsverzeichnis |
Begriffsgeschichte
Der Begriff der Ideologie (gr. idea, Erscheinung, und logos, Wort) wurde im späten 18. Jahrhundert vom französischen Philosophen Destutt de Tracy eingeführt. Hier war der Begriff noch eine neutrale Bezeichnung für eine dem Rationalismus entgegengesetzte Ideenlehre.
Der klassische Ideologiebegriff erhielt jedoch nach Prägung von Marx und Engels eine explizit negativ-kritische Bedeutung. In der Deutschen Ideologie (1845/6) entwickelten Marx und Engels ein Verständnis von Ideologie als falsche Bewusstseinsform der gesellschaftlichen Realität. Dieses falsche Bewusstsein verblendet den Individuen ihre wahren Lebensverhältnisse, neutralisiert ihre politische Potenz und unterstützt schließlich das Machtgefüge der herrschenden Klasse. Mit dem Entlarven dieser vom Kapitalismus präjudizierten Verblendung betrieben Marx und Engels Ideologiekritik.
Dieses Konzept wurde im 20. Jahrhundert vom westlichen Marxismus aufgenommen. So zum Beispiel Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918) oder Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923), für dessen Verdinglichungsanalyse die Idee einer ideologischen Verblendung zentral war.
Auch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die Begründer der Frankfurter Schule, übernahmen und erweiterten das Konzept der Ideologiekritik (Dialektik der Aufklärung, 1945). Aufgrund ihrer Auffassung "totaler" Ideologie, wird die Kritik hier als Negation des ganzen Verblendungszusammenhangs verstanden, und beschränkt sich nicht nur auf die vom Warentausch zwangsabstrahierte Verdinglichung (Marx, Lukács). Jene ökonomische Rationalität ist nämlich, im totalisierenden Ansatz der Dialektik der Aufklärung, einer historisch wirksamen, instrumentellen Vernunft untergeordnet.
Über diese Konzeption der frühen Frankfurter Schule führt Jürgen Habermas die Ideologiekritik in die Hermeneutikkontroverse ein. Hier wird sie dem Gadamerschen Konzept affirmativen Verstehens als kritisches Moment gegenübergestellt.
nominalistische Ideologiekritik
Max Stirner beschreibt in seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum die herrschende Moral- und Autoritätskultur wie folgt:
In der Geisterzeit wuchsen Mir die Gedanken über den Kopf, dessen Geburten sie doch waren; wie Fieberphantasien umschwebten und erschütterten sie Mich, eine schauervolle Macht. Die Gedanken waren für sich selbst leibhaftig geworden, waren Gespenster, wie Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw. Zerstöre Ich ihre Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige zurück und sage: Ich allein bin leibhaftig. Und nun nehme Ich die Welt als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum: Ich beziehe alles auf Mich.
Stirner betreibt über Erkenntnis und Empörung auf intuitivem Wege Ideologiekritik, und sucht in den "Fieberträumen" der extern installierten "solls" seinen eigensten Willen wie später Friedrich Nietzsche.
Hauptartikel: Der Einzige und sein Eigentum
Ideologiekritik bei Nietzsche
Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben ... (Götzendämmerung II: 960)
In den Arbeiten von Friedrich Nietzsche lassen sich ebenfalls frühe ideologiekritische Gedanken ausmachen. So etwa in der Parabel Über das Pathos der Wahrheit:
In irgend einem abgelegnen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte, aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben. Es war auch an der Zeit: denn ob sie schon viel erkannt zu haben, sich brüsteten, waren sie doch zuletzt, zu grosser Verdrossenheit, dahinter gekommen, dass sie alles falsch erkannt hatten. Sie starben und fluchten im Sterben der Wahrheit. Das war die Art dieser verzweifelten Thiere, die das Erkennen erfunden hatten.[1]
Auch im Zarathustra setzt sich Nietzsche mit Ideologien auseinander; der wandernde Prophet Zarathustra bringt den Menschen Kunde von seinen Eingebungen, wobei unterschiedliche Muster der Verbreitung dieser Weltanschauung eingesetzt werden; mal Predigt er vor den Vielen, mal zieht er mit kleinen Zahlen von Schülern durch die Lande.
Hauptartikel: Friedrich Nietzsche
Siehe auch: Frankfurter Schule, Erwin Waldschütz
Weblinks
- Nietzsches initiale Krise (infolge Konfrontation mit Stirner)
Kategorie:Politologie
Kategorie:Staatsphilosophie
Kategorie:Gesellschaftskritik
