Instinkttheorie

Die Instinkttheorie, präziser: die „physiologische Theorie der Instinktbewegungen“ erhebt - wie jede wissenschaftliche Theorie - den Anspruch, ein Gesamtkonzept für ihr Fachgebiet (hier: die Ethologie) zur Verfügung zu stellen. Ein solches Gesamtkonzept erlaubt es zum einen, im Experiment gewonnene Beobachtungen mit anderen Beobachtungen in Beziehung zu setzen und hierdurch unter Umständen Zusammenhänge zwischen völlig unterschiedlichen Phänomenen zu entdecken. Umgekehrt können zum anderen aus den Grundannahmen einer Theorie heraus Vorhersagen und Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden, die Anstoß für neue Fragestellungen und Experimente geben. Die Instinkttheorie hat sich seit den 1930er Jahren in diesem Sinne als enorm fruchtbar erwiesen und letztlich auch der Soziobiologie und der Verhaltensökologie den Weg bereitet.

Der große Vorteil einer umfassend ausformulierten Theorie ist, dass man mit ihrer Hilfe anschauliche Modelle konstruieren kann. Die Aussagen und Ergebnisse der klassischen Verhaltensforschung fanden gerade dank solcher Modelle weit über das akademische Fach Biologie hinaus Beachtung und bis heute Eingang in die Lehrpläne unserer Schulen.

Inhaltsverzeichnis

Modelle zur Erklärung von Verhalten

Das psychohydraulische Instinktmodell

thumb|Psychohydraulisches Instinktmodell nach K.Lorenz Mit diesem Modell veranschaulichte Konrad Lorenz 1937 seine Theorie der Doppelten Quantifizierung: Instinktbewegungen sind das Ergebnis einer spontan ansteigenden Handlungsbereitschaft (Wasserstand im Gefäß), die von einer im Nervensystem produzierten aktionsspezifischen Energie (Zufluss) gespeist wird. Ausgelöst wird die Instinktbewegung (abfließendes Wasser) normalerweise durch einen Schlüsselreiz (Gewicht), der aber erst eine Reizschwelle (Feder, die das Ventil gegen die Abflussöffnung drückt) überwinden muss. Zwischen Reiz und Reaktion vermittelt schließlich noch ein angeborener Auslösemechanismus.

Zwar ist die Stärke der inneren Handlungsbereitschaft einer direkten Messung nicht zugänglich, Reaktionsstärke und Reizstärke können aber quantitativ bestimmt werden und erlauben damit einen Rückschluss auf die Höhe der spezifischen Handlungsenergie.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Reaktionsstärke einerseits und der Stärke der Reize und inneren Faktoren andererseits:

Eine längere Zeit nicht durchgeführte Instinktbewegung „versetzt den Organismus als Ganzes in Unruhe und veranlasst ihn, aktiv nach den sie auslösenden Reizkombinationen zu suchen.“ Nach dem englischen Begriff appetitive behaviour bezeichnete Lorenz diese Verhalten als Appetenzverhalten.

Führt diese Suche nicht zum Erfolg, hat sich soviel Energie aufgestaut, dass die Handlung auch ohne auslösenden Schlüsselreiz ausgeführt wird. Diese Handlung wurde von Lorenz erstmals beschrieben und als Leerlaufhandlung bezeichnet.

Intentionsbewegungen sind schwache Reaktionen, die durch schwache Reize beziehungsweise eine geringe Antriebsenergie ausgelöst werden. Beispiel: Nähert man sich einer Gruppe von Möwen, die nebeneinander auf einem Brückengeländer aufgereiht sind, so fliegen die nächsten rasch auf, weiter entfernte rücken nur weiter weg, noch weiter entfernte wippen nur ein bisschen, und noch weiter entfernte reagieren gar nicht.

Übersprungbewegungen sind Verhaltensweisen, die in Konfliktsituationen spontan auftreten und vom Beobachter als der Situation nicht angemessen gedeutet werden.

1978 überarbeitete Konrad Lorenz sein Modell: der eine Zufluss wurde durch mehrere Zuflüsse ersetzt, die endogene automatische Reizerzeugung und zusätzliche aufladende Reize darstellten. Das Gewicht, welches den Schlüsselreiz symbolisierte, wurde durch einen Becher mit Wasser ersetzt, der die Tankfüllung erhöht und damit das Ventil öffnet. Aber auch dieses Triebstaumodell gilt heut als überholt, da die zentrale Annahme der aktionsspezifischen Energie nicht verifiziert werden konnte.

Das Kybernetische Modell

Bernhard Hassenstein erklärt 1973 die Steuerung von Verhalten mit kybernetischen Modellen und konstruiert zur Veranschaulichung Funktionsschaltbilder. Beispiel: Verhaltenssteuerung der Nahrungsaufnahme thumb|Steuerung der Nahrungsaufnahme nach Hassenstein

Der äußere Reiz der Nahrung (1) wird im Koinzidenzelement (2) mit der Stärke der Motivation verrechnet. Sind beide hoch genug, wird das Verhalten der Nahrungsaufnahme (3) ausgelöst. Über einen Fühler (4) wird das Ausführen des Verhaltens an das Instinktzentrum zurückgemeldet und die Motivation gesenkt. Durch die Nahrungsaufnahme wird dem Körper Substanz zugeführt (5), dies erhöht die Regelgröße, den Versorgungszustand. Ein Messfühler (6) registriert die Verschlechterung des Versorgungszustandes und meldet dies an das Instinktzentrum, woraufhin die Motivation zur Nahrungsaufnahme wieder steigt.

Anmerkungen zur Plausibiltät der Modelle

Die Erkenntnisse der Neurobiologie und der Hirnforschung haben inzwischen deutlich gemacht, dass die Steuerung von Verhalten wesentlich komplexer ist, als von Lorenz und Hassenstein angenommen.

Prekär an einer Theorie ist zudem, dass stets die Gefahr von Zirkelschlüssel besteht: Dann nämlich, wenn nur untersucht wird, was aus den Grundannahmen der Theorie abzuleiten ist, und wenn die Ergebnisse danach einzig im Licht der theoretischen Annahmen gedeutet werden. So hat Prof. Hanna-Maria Zippelius 1992 beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, dass die von Konrad Lorenz in die Ethologie eingeführte Leerlaufhandlung einerseits eine unmittelbare Folge der Instinkttheorie sei, andererseits aber auch zu ihrer Bestätigung diene. Ähnlich verhält es sich mit der von Lorenz und anderen postulierten Übersprungbewegung.

Prof. Wolfgang Wickler, wie Zippelius ein Schüler von Konrad Lorenz, hatte 1990 sogar schon angemerkt: "Die aktionsspezifische Energie erwies sich als modernes Phlogiston und das psychohydraulische Modell trotz raffinierter Veränderungen als untauglich, die Bereitschafts- und Zustandsänderungen im Tier adäquat abzubilden." Eine eingehende Begründung blieb Wickler schuldig, sie wurde dann aber von Zippelius nachgeliefert.

Zu bedenken sind schließlich auch die Worte von Prof. Klaus Immelmann: "Selbstverständlich darf ein solches Instinktmodell aus der Frühzeit der vergleichenden Verhaltensforschung – was häufig vergessen wurde – wirklich nur als Modell verstanden werden. Es vermag keineswegs eine echte Erklärung der zugrundeliegenden Vorgänge zu geben und soll lediglich darauf hinweisen, dass es im Verhalten über- und untergeordnete Instanzen gibt...“ (Klaus Immelmann, 1986)

Literatur


siehe auch: Verhaltensbiologie, Instinkt, Reaktionskette

See also: Instinkttheorie, 1937, Angeborener Auslösemechanismus, Appetenzverhalten, Bernhard Hassenstein, Ethologie, Funkkolleg, Handlungsbereitschaft, Hanna-Maria Zippelius, Hirnforschung