Irrationalismus
Der Irrationalismus (lat. irrationalis : unvernünftig ) bezeichnet Weltanschauungen, die auf verschiedene Weisen das wissenschaftliche Denken für unfähig erklären, die bestimmenden Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Realität zu erkennen, und dieses durch andere - für die Vertreter und Anhänger höhere - Erkenntnisfunktionen wie Intuition, Erleben, Wesensschau u.a. ersetzen wollen.
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Charakterisierung
Der Irrationalismus in seinen verschiedenen Formen stellt eine philosophische Anschauung dar, die die mit wissenschaftlichen Mitteln vollzogene Erkenntnis durch den Menschen für unmöglich erklärt. Dem Irrationalismus gelten die Realität ihrem Wesen nach oder bestimmte ihrer Bereiche (etwa das Leben, die psychischen Prozesse, die Geschichte) als nicht von Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten beherrscht, als irrational. Alle Vorstellungen dieser Art orientieren sich auf außerrationale Formen menschlicher Erkenntnis, die dem Menschen eine individuelle Gewissheit über Wesen und Ursprung des Seins geben sollen. Dabei werden solche Gewissheitserlebnisse zumeist nur wenigen Auserwählten (als "Künstlergenies", "Übermenschen" u.a.) zugeschrieben, nicht aber als allen Menschen zugänglich angesehen. Ein damit verbundener "Geistesaristokratismus" hat häufig auch eine soziale Stoßrichtung.
Irrationalismus als Modul philosophischer Systeme
Der Irrationalismus ist keine selbstständige, einheitliche philosophische Strömung, sondern Moment und Bestandteil der verschiedensten philosophischen Strömungen und Systeme. Mehr oder weniger starke Momente des Irrationalismus sind allen Philosophien eigen, insofern sie dem wissenschaftlichen Denken (dem Verstand, der Ratio, der Vernunft) nicht zugängliche Bereiche der Wirklichkeit behaupten (Gott, Unsterblichkeit, religiöse Probleme, Dinge an sich u.a.), von Prinzipien ausgehen, die als solche des Verstandes ausgegeben werden, tatsächlich aber den Anforderungen wissenschaftlichen Denkens nicht genügen (Rationalismus, jeder Idealismus überhaupt) oder (meist unbewusst) irrationale Gegebenheiten feststellen, sobald sie die Geschichte und Gesellschaft in ihre philosophischen Reflexionen einbeziehen (z.B. im mechanischen Materialismus).
Rückwirkung auf die wissenschaftliche Forschung
Allerdings hat der philosophische Irrationalismus mit seiner erkenntnistheoretischen Orientierung auf Bereiche wie Intuition, intellektuelle Anschauung, Erlebnis u.a. die wissenschaftliche Forschung zur verstärkten theoretischen Beschäftigug mit solchen menschlichen Erkenntnisarten und -formen genötigt, die von rationalistischen, aber auch vielfach von empiristischen philosophischen Systemen der Vergangenheit ausgespart wurden. Die irrationalistisch vorbelasteten Ausdrucksweisen wurden später zwar häufig aufgegeben, ihre theoretisch ernst zu nehmenden Inhalte jedoch gingen in neue Formen ein, wie z.B. in die Kreativitätsforschung.
Bedingungen für das Auftreten irrationalistischer Auffassungen
Von Irrationalismus im engeren oder eigentlichen Sinne spricht man bei Weltanschauungen, denen die genannten Momente in starkem Maße immanent sind und die darüber hinaus das wissenschaftliche Denken zugunsten sogenannter höherer Erkenntnisfunktionen, das Denken überhaupt zugunsten der Intuition abbauen wollen und gegen den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsgedanken auftreten. Besonders häufig tritt der Irrationalismus in sozialen, politischen und geistigen Krisenperioden der menschlichen Gesellschaft auf, und zwar als geistiger Reflex und zugleich als Versuch, die Krise einer Gesellschaftordnung zu bewältigen. Theoretisch tritt der Irrationalismus in solchen Weltauffassungen auf, die sich als Kampfansage gegen die Vorherrschaft des Denkens der Aufklärung und des Rationalismus begreifen. Irrationalismus im philosophischen Sinne existiert also in gesellschaftlichen Krisensituationen seit der Herausbildung philosophisch rationalistischer, aufklärerischer Systeme und als Gegenreaktion auf diese.
Positionen des philosophischen Irrationalismus
Vorläufer dieser Art von Irrationalismus waren Friedrich Heinrich Jacobi, vor allem Schelling. In Schellings Schrift Philosophie der Offenbarung (1843) liegt der "erste Versuch [vor], Autoritätsglauben, Gefühlsmystik, gnostische Phantasterei in die freie Wissenschaft des Denkens einzuschmuggeln" (Friedrich Engels).
Zum tragenden weltanschaulichen Bestandteil wird der Irrationalismus in den Philosophien Kierkegaards, Arthur Schopenhauers und Friedrich Nietzsches. Von diesen gehen mannigfaltige Einflüsse auf die verschiedenen Strömungen, vor allem auf die deutsche Philosophie aus, die über die Lebensphilosophie, den Neuhegelianismus, den Existentialismus und Antirationalismus ihren Höhepunkt in der Ideologie zum deutschen Nationalsozialismus finden. Sogar dem Kritischen Rationalismus Karl Poppers, einer Philosophie, die sich gerne als besonders rational präsentiert, wurde Irrationalismus attestiert, insbesondere durch den australischen Philosophen David Stove.
Irrationalismus in neuzeitlichen philosophischen Systemen
Die Philosophie der Gegenwart huldigt über weite Strecken dem Irrationalismus. Ausgesprochene Erscheinungsformen des Irrationalismus in der Gegenwart sind vor allem der Neuthomismus, der Existentialismus, der Pragmatismus und der Personalismus. Starke Elemente des Irrationalismus finden sich auch im Neupositivismus bzw. im Positivismus. Irrationalistische Nischen im Positivismus ergen sich aus der dogmatischen Beschränkung des theoretischen Vorgehens auf analytische und erfahrungswissenschaftliche Sätze, die philosophische Begründungen, Bewertungen und Verallgemeinerungen dann in den Bereich des Irrationalen verweisen müssen. Irrationalismus ist überall dort zu finden, wo Bereiche deklariert werden, die den rationalen wissenschaftlichen Denken prinzipiell unzugänglich sind. Sie sind entweder sub- oder transrational.
Subrationale Bereiche irrationalistischer Weltsicht
Subrationale Bereiche irrationalistischer Weltsichten subjektiv-idealistischer Form sind z.B.:
- der Wille (bei Schopenhauer und Nietzsche)
- die Seele (bei Ludwig Klages)
- der Trieb (bei Sigmund Freud)
- das Leben (bei Wilhelm Dilthey, Henri Bergson)
Transrationale Bereiche in objektiv-idealistischen Weltanschauungen
Transrationale Bereiche in objektiv-idealistischer Weltanschauungen sind z.B.
- die göttliche Vorstellung (bei allen Formen religiös beeinflußter Philosophie wie z.B. dem Neuthomsimus)
- das Ur-Eine, der Ur- oder Ungrund, der sich angeblich aller rationalen Fassbarkeit entzieht (in allem mystisch philosophsichen Denkweisen von Plotin bis Martin Heidegger)
- die menschliche Existenz (bei Kierkegaard und Karl Jaspers)
bei subjektiv-idealistischen Philosophien.
Arationale Positionen im Irrationalismus
Dabei müssen Philosophien, in denen die in diesen Bereichen adäquaten Erkenntnisformen direkt der rationalistischen Erkenntnis entgegensetzt sind (z.B. bei Klages' Konzeption des "Geistes als Widersacher der Seele"), nicht in jedem Falle antirationalistisch sein. Sie können auch arational sein, d.h., es wird davon ausgegangen, dass die Erkenntnisformen in ihrem Wesen etwas völlig anderes seien als Vernunft und Verstand (wie z.B. die "Existenzerhellung" bei Jaspers), mit diesen in keinerlei Berührung stehen und nicht auf sie zurückgeführt werden können.
Der philosophische Irrationalismus erklärt die der objektiven, rationalen Analyse unzugänglichen Bereiche zum wahrhaft Schöpferischen (als Leben, Trieb, Wille, Seele) und stellt sie dem Mechanizismus der toten Natur oder des abstrakten Geistes gegenüber (z.B. in Bergsons élan vital, Nietzsches Wille zur Macht, Klages' Schauungen der Seele und Empfindungen des Leibes, Diltheys Erlebnis u.a.).
Irrationalismus in neuzeitlichen Theorien und Programmen
Gesellschafts- und kulturtheoretisch wenden sich irrationalistische Weltanschauungen häufig gegen die sozialen und kulturellen Neuerungen, die sie als Folge des umfassenden Einsatzes von Wissenschaft und Technik und damit der Vorherrschaft aufklärerisch-rationalistsicher Kultur- und Geisteswerte ansehen, die von den Vertretern des Irrationalismus als Zeichen sinkender, wahrhaft schöpferischer Kulturkräfte (so etwa bei Oswald Spengler in seiner Schrift "Untergang des Abendlandes"). Der Irrationalismus auf dem Gebiet der politischen Theorien und Programme hatte seine reaktionärsten Erscheinungsformen in Deutschland im sogenannten Jungkonservatismus (bei Arthur Moeller van den Bruck, Othmar Spann, Carl Schmitt u.a.) und im Nationalsozialismus. In diesen Lehren wird geleugnet, dass das soziale Gemeinwesen ein durch gesellschaftliche Gesetze geregeltes Zusammenleben der Menschen ist und deklariert einen Gesellschaftszustand, der auf einem völkisch-mystischen oder rassistischen "Blut-und Boden-Kultur" basiert. In seinem Gefolge tritt ein blinder "Führer-Mythos" auf, der der "Masse" schöpferisches Denken und Handeln abspricht und dies biologistisch zu begründen versucht.
