Jüdische Studentenverbindung
Als jüdische Studentenverbindungen bezeichnet man Studentenverbindungen, die in Deutschland und Österreich als Reaktion auf zunehmende antisemitische Übergriffe und Ausgrenzungsversuche seit den 1880er Jahren von jüdischen Studenten gegründet wurden und bis 1933 (in Deutschland), bzw. bis 1938 (in Österreich) bestanden. Die Zielsetzung war dabei recht unterschiedlich, die äußeren Merkmale (Couleur) wurden meist von den traditionellen Studentenverbindungen im deutschsprachigen Raum übernommen. Erste von Juden nur für Juden gegründete Verbindung war die Viadrina, gestiftet am 23. Oktober 1886 in Breslau.
Je nach Zielsetzung kann man diese Verbindungen folgendermaßen kategorisieren:
- Paritätische Verbindungen betrachteten die Abtrennung der Juden vom Rest des Bevölkerung als falschen Weg und wollten Juden und Nicht-Juden in ihren Reihen zusammenführen. Aufgrund des großen Andrangs von jüdischen Studenten und des geringen Interesses von anderer Seite entwickelten sie sich aber auch bald zu rein jüdischen Verbindungen. Erste Gründung war die Freie Wissenschaftliche Vereinigung in Berlin 1881, der sich bald weitere Vereinsgründungen in anderen Städten anschlossen.
- Deutsch-jüdische Verbindungen, wie die Viadrina Breslau, betrachteten die Juden in Deutschland als deutsche Bürger jüdischen Glaubens und als integralen Bestandteil der deutschen Gesellschaft und orientierten sich stark an den deutschen studentischen Traditionen. Sie wollten die Diskriminierung durch den Beweis ihrer Gleichwertigkeit mit dem Rest der Bevölkerung überwinden und zeigen, dass auch Juden schneidige und wehrhafte Verbindungsstudenten sein können und dadurch das Vorurteil der Feigheit und Weichlichkeit widerlegen. Die rechtliche Emanzipation der Juden in Deutschland nach der Reichsgründung von 1871 war für sie der Beweis, dass das Ziel erreichbar war. Sie vereinten deutsches Nationalbewusstsein und jüdische Kulturzugehörigkeit. Größter Verband war der Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (K.C.) von 1896.
- Zionistische Verbindungen, auch jüdisch-nationale Korporationen genannt, betrachteten die Versuche zur Integration der Juden in die deutsche Nation als vergeblich und die rechtliche Emanzipation der Juden in Deutschland als gescheitert. Sie teilten die Ziele des Zionismus und strebten die Bildung eines jüdischen Staates in Palästina an. Ihr Verbleib in Mitteleuropa hatte ihrer Auffassung nach nur provisorischen Charakter. Sie hielten sich aber trotzdem an die studentischen Traditionen Deutschlands. Ein wichtiger Verband war der Bund Jüdischer Corporationen (BJC, gegründet 1901) der im Jahre 1914 mit dem Kartell Zionistischer Verbindungen (KZV) zum Kartell Jüdischer Verbindungen fusionierte.
- Der konfessionelle Verband Bund Jüdischer Akademiker (BJA, gegründet 1903) nimmt eine Sonderstellung ein, da er eine akademische Gemeinschaft ausschließlich zur Pflege des jüdischen Glaubens ohne gesellschaftspolitische Ausrichtung war und auch in seiner Struktur viele typische Merkmale einer Studentenverbindung nicht aufwies. So lehnte der BJA die Unterscheidung zwischen Aktiven und Alten Herren ab, aber auch das akademische Fechten, das Farbentragen und die studentische Kneipe. Sein Ziel war die Hinwendung zur Kultur und Wissenschaft, aber auch zur jüdischen Religiosität.
Die deutsch-jüdischen, aber auch die zionistischen Verbindungen, sahen die traditionellen deutschen Formen des Verbindungsstudententums als geeignet an, sich gesellschaftlichen Respekt zu verschaffen. Besonders durch die kompromisslose Pflege von Mensur und Duell wollten sie Vorurteilen gegen jüdische Mitbürger entgegenwirken.
Es bestand das Prinzip, jede antisemitische Äußerung eines Studenten mit einer Säbelforderung zu beantworten, was einigen jüdischen Verbindungen bald den Ruf besonderer Aggressivität einbrachte und zu Verboten führte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind in dieser Angelegenheit mehrere Pistolenduelle mit tödlichem Ausgang überliefert.
Nichtjüdische Verbindungen reagierten nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Aufkündigen des Paukverhältnisses, was dem Mensurenfechten ein Ende setzte. Schließlich wurden Juden schlichtweg für nicht satisfaktionsfähig erklärt, was den Säbel- und Pistolenduellen ein Ende bereitete. Manche jüdischen Korporationen gingen so weit, dass sie ihre Mitglieder in Kampfsportarten (Boxen, Jiu-Jitsu etc.) ausbildeten, damit sie die tätlichen Auseinandersetzungen mit Kommilitonen überstehen konnten.
Am 30. Juni 1933 wurden alle jüdischen Verbindungen im Deutschen Reich für aufgelöst erklärt und ihr Eigentum beschlagnahmt. Die Altherrenschaften konnten unter der Aufsicht der Gestapo noch bis 1938 weiterexistieren. Wiedergründungen nach dem Zweiten Weltkrieg hat es nicht gegeben.
Literatur
- Adolph Asch, Geschichte des K.C. (Kartellverband jüdischer Studenten) im Lichte der deutschen kulturellen und politischen Entwicklung, London 1964
- Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Volltext: [1])
- Thomas Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung Bayerns von 1880 bis1914, Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister artium (M.A.), Würzburg 1987
- Thomas Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880-1933, in: Jürgen Setter (Hrsg.): Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des CC, Heft 27, Jever 1988
- Thomas Schindler, Der Kampf des Kartell-Convents (K.C.) gegen Antisemitismus, in: Einst und Jetzt, 36. Band, Jahrbuch 1991 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung
