Karma

Unter Karma (Sanskrit, n., कर्मन, karman, Pali, kamma, Wirken, Tat) wird ein spirituell-esoterisches Konzept verstanden, nachdem jede Aktion - physisch wie geistig - unweigerlich eine Konsequenz hat, vielleicht auch erst im nächsten Leben. In den indischen Religionen ist die Lehre des Karma eng mit dem Glauben an den Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) bzw. die Reinkarnation und damit an die Gültigkeit des Ursache-Wirkungsprinzips auf geistiger Ebene auch über mehrere Lebensspannen hinweg verbunden.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Karma bezeichnet im Buddhismus, Hinduismus und Jainismus das sinnliche Begehren, die Taten die dadurch entstehen und die Wirkungen von Handlungen und Gedanken in moralischer Hinsicht, insbesondere die Rückwirkungen auf den Akteur selbst. Karma entsteht demnach durch eine kosmische Gesetzmäßigkeit (Dharma), und nicht infolge einer Beurteilung durch einen Weltenrichter oder Gott. Göttliche Gnade ist hier nicht vorgesehen. Wichtig hierbei ist, dass sowohl gutes wie auch schlechtes Karma den Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) erzeugt.

Hinduismus

Die Vorstellungen von Karma und Samsara wurden etwa ab dem 6.Jh. v.Chr entwickelt und bilden die Basis sowohl für den Brahmanismus als auch den Hinduismus. Die Idee ist den ewigen Kreislauf der Wiedergeburten Samsara zu überwinden. In den Upanishaden gelingt dies über die spirituelle Erkenntnis, dass die Individualseele Atman mit der Weltseele Brahman in ihrem Wesenskern identisch ist. Dieser Weg wird auch als Jnana Yoga bezeichnet.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Dharma (kosmisches Gesetz). Es gibt im Hinduismus keine Gesetze, die für alle Menschen gelten, wie die zehn Gebote. Die Erfüllung des eigenen Dharma ist ausschlaggebend, ob Taten gutes oder schlechtes Karma bewirken. Der Dharma eines Kriegers (Kshatriya-Kaste) ist eben Krieg zu führen und zu töten. Tötet ein Krieger einen Feind bewirkt dies kein schlechtes Karma, da er seinen Dharma erfüllt hat. Tötet jedoch ein Zivilist einen anderen Menschen, hat dies sehr wohl schlechtes Karma zur Folge. Die Verknüpfung der Karma- mit der Dharma-Vorstellung beinhaltet eine sehr starke ethisch-moralische Kompononente. Die Theorie von Karma erklärt u.a. auch das Rätsel unverschuldeten Leids und die gesellschaftliche Ungleichheit.

Über die Frage in welchem Zusammenhang Tat und Wirkung stehen, gibt es im Mahabharata mehrere Variationen. Eine weit verbreitete Überzeugung besteht darin, dass die Werke ihre Wirkung automatisch erzeugen. Es gibt jedoch auch differenzierte Erklärungen. Zwei Ursachen für die Bindung der Seele, nämlich Nichtwissen (avidya) und Begierde (lobha) bewirken, dass die Tätigkeit der Sinnesorgane Unruhe und Trübung der Erkenntnis verursacht. Dies verhindert den Eintritt der erlösenden Einsicht. Die Werke heften sich an das Denkorgan (manas), stören die erlösende Erkenntnis und bedingen die Beschaffenheit der Verkörperungen (Mbh.12).

Zu der Frage, wie sich die Früchte der Taten realisieren gibt es mehrere Auffassungen: die Seele verlässt den Leib und bezieht ohne zwischenzeitliche Vergeltung einen neuen, durch Karma bedingten Leib. Oder die Vergeltung findet teils im Jenseits, teils in der neuen Existenz statt. Eine dritte Variante ist, dass für gute Werke eine Belohnung im Himmel - oder Brahmas Welt - ohne Wiederkehr zu erwarten ist, für schlechte eine Strafe in der Hölle, jedoch nicht als endgültiger Zustand, sondern z.B. im Wechsel mit Tiergeburt. Gute Werke, die religiösen Verdienst (punya) schaffen, sind Riten, Fasten, Wallfahrten oder Geschenke an Brahmanen, Tempelbauten.

Der Mensch ist dabei frei und verantwortlich. Wichtig ist, dass selbst eine schlechte Tat wegen ihrer etwaigen guten Motive eine gute Wirkung zur Folge haben kann. Die geschilderten Ansätze gehören zum Standpunkt der Werktätigkeit (pravritti): man tut etwas, um einen gute Wirkung zu erzielen.

Die gegensätzliche Strömung besteht in der Nichttätigkeit (nivritti). Der Weg besteht darin, sich aus der Welt zurückzuziehen. Die Ursache des leidvollen Zustands wird im Lebensdurst, d.h. dem Willen zum Leben gesehen. Die Wiedergeburt bringt nur eine neue vergängliche Existenz. Durch Werk wird man gebunden, durch Wissen (vidya) und Nichttätigkeit (nivritti) erlöst. Auf dem Aufgeben aller auf Erfolg gerichteten Handlungen beruht das Ideal des Gleichmuts.

Beide Strömungen, d.h. pravritti (Werktätigkeit) und nivritti (Nichttätigkeit) sind im Mahabharata vertreten und wurden in der Bhagavad Gita harmonisiert.

Buddhismus

Ein gutes Verständnis der buddhistischen Karmalehre wird durch einen Einblick in die Begriffe Unpersönlichkeit (Pali Anatta) und Bedingtheit (Pali Paccaya, Paticcasamuppáda) aller Daseinsphänomene, insbesondere der Seele ermöglicht.

Hier wird die negative Tat oder der negative Gedanke durch das Verhaften der Sinne erklärt. Die Unkenntnis darüber, dass Bindung (Lobha), Hass (Dosa) und Unwissenheit (Moha) Leiden bewirkt ist hierbei zuerst zu überwinden. Die drei Wege zu positivem Karma sind demnach

  1. Bescheidenheit
  2. Güte und
  3. Einsicht

Gutes Karma führt zu einer "Belohnung" entweder schon im gegenwärtigen Leben oder zu einer Wiedergeburt in entsprechenden menschlichen Verhältnissen bzw. in der Göttersphäre. Negatives Karma ist die Ursache für eine Wiedergeburt unter negativen Umständen mit dem Ziel als Seele (und nicht mit dem Verstand) unmittelbar durch Erleben die Ganzheit des Lebens zu erfahren. Hier wird also nicht von Lohn oder Strafe im engeren Sinne gesprochen, sondern von natürlicher Gegenbewegung im Zuge einer universellen Vervollkommnung der Seele durch Lernerfahrung. Einige Religionen in denen Karma eine Rolle spielt, glauben auch, dass hierdurch eine Rückentwicklung z.B. durch eine Wiedergeburt als Tier oder Dämon möglich ist. Teilweise werden als Orte für den Ausgleich positiven Karmas und für negatives Karma auch diverse verschiedene Höllen oder Paradiese beschrieben.

Dieser Glaube, der insgesamt einerseits zu Schicksalsergebenheit führt und andererseits zur Bemühung, das Schicksal in eine positive Richtung zu steuern, bezeichnet, genau genommen, den die Wiedergeburt erzeugenden oder Charakter und Geschick der Wesen beeinflussenden heilsamen oder unheilsamen Willen (kushala- oder akushala-cetana) sowie die damit verbundenen Geistesfaktoren.

Höchstes Ziel des karmagläubigen Wesens ist es, den Kreislauf der Wiedergeburt durch Erkenntnis zu entkommen indem kein Karma mehr erzeugt wird. Handlungen hinterlassen dann keine Spur in der Welt. Im Buddhismus wird dies als Eingang ins Nirvana bezeichnet.

Entscheidend für die bei einer Handlung erzeugte karmische Prägung ist die der Handlung zugrunde liegende Absicht (Motivation). Hierbei gilt die Annahme, dass das Denken als Handlungsform den körperlichen Handlungen und denen der Rede übergeordnet ist.

Mit Hinsicht auf die Zeit des Eintritts der Wirkung Vipaka können im Buddhismus drei unterschiedliche Arten von Karma differenziert werden:

  1. Bei Lebzeiten reifendes Karma (Pali Ditthadhamma-vedaniya-kamma)
  2. Im nächsten Leben reifendes Karma (Pali Upapajja-vedaniya-kamma)
  3. In späteren Leben reifendes Karma (Pali Aparapariya-vedaniya-kamma)

Manche Taten oder Haltungen mögen auch ohne Karmawirkung bleiben, falls die zum Eintritt der Wirkung erforderlichen Umstände fehlen oder sie infolge zu geringer Intensität durch das Übergewicht von entgegenwirkenden Tendenzen keine Wirkung erzeugen können (z.B. wenn positive Absicht negative Auswirkung übertrifft). In diesem Falle wird von wirkungslosem Karma (Pali Ahosi-kamma) gesprochen.

Mit Hinsicht auf die Funktionen des Karma unterscheidet man:

  1. Wiedergeburterzeugendes Karma (PaliJanaka-kamma), erzeugt bei der Wiedergeburt und während des Lebensfortganges die Daseinsgruppen.
  2. unterstützendes Karma (PaliUpatthambhaka), vermag keine Karmawirkung zu erzeugen, sondern diese bloß im Gange zu erhalten.
  3. unterdrückendes Karma (PaliUpapilaka), unterdrückt die Karmawirkungen.
  4. zerstörendes Karma (Pali Upaghataka oder upacchedaka), zerstört ein schwächeres Karma und läßt nur seine eigene Wirkung zu.

Anstelle des Karma-Begriffes verwenden buddhistische Autoren gerne auch die Termini "Prägungen" oder "Samen". Alle Formen des menschlichen Handelns (der Buddhismus unterscheidet drei Handlungen: die des Körpers, die der Rede sowie die des Geistes) erzeugen demnach karmarelevante Prägungen.

Zitate:
Wer andre Wesen quält, die auch nach Wohlsein streben,
so wie er selbst, der hat kein Glück im nächsten Leben.
Wer andre Wesen schont, die auch nach Wohlsein streben,
so wie er selbst, der findet Glück im nächsten Leben.
Dhammapada, 3. Jhd. v. Chr.

Eigner der Taten sind die Wesen, Erben der Taten, die Taten sind der Schoß, der sie gebiert, sind ihre Freunde, ihre Zuflucht. Was immer für Taten sie tun, gute oder böse, deren Erben werden sie sein. M. 135. (XIV,5) Culakammavibhanga Sutta.

Nicht findet man der Taten ‘Täter', Kein ‘Wesen', das die Wirkung trifft. Nur leere Dinge zieh'n vorüber: Wer so erkennt, hat rechten Blick. Und während so die Tat und Wirkung, im Gange sind, wurzelbedingt, kann, wie beim Samen und beim Baume, man keinen Anfang je erspäh'n. (Vis. XIX) Culakammavibhanga Sutta.

Jainismus

Der Jainismus geht davon aus, dass sich in der Welt zwei Prinzipien gegenüber stehen: Geistiges und Ungeistiges. Das Geistige beruht auf einer unendlichen Anzahl individueller Seelen (Jiva). Das Ungeistige umfasst die 5 Kategorien: Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit. Alles Stoffliche ist beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen oder Wasser.

Die ursprüngliche Reinheit und Allwissenheit der Seele (Jiva) wird jedoch durch feinstoffliche Substanzen, die als Folge von Karma eindringen, getrübt. Dies zwingt zum Verbleib im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), bis alles Karma getilgt ist. Eine solche Reinigung der Seele wird im Jainismus durch sittliche Lebensweise und strenge Askese erreicht. Ist eine Seele von allen Verunreinigungen befreit, so steigt sie in den höchsten Himmel auf, um dort in ruhiger Seligkeit zu verharren.

Etymologie

Im Sanskrit ist "Karman", grammatikalisch betrachtet, das vom Verb "kri" ("tun, handeln") abgeleitete Substantiv (neutrum), und "Karma" dessen Nominativform (singular).

Auch heisst im Thailändischen "kam"/"kama" sinnliche Lust, also das Haften der Sinne und des Bewusstseins an Dingen oder Vorstellungen, und auch das Handeln des Menschen aus diesem Haften heraus. "wenkam" indes bedeutet das gute oder schlechte Schicksal, das aus guten oder schlechten Taten hervorgeht.

Somit bedeutet "Karma" also

Weblinks

See also: Karma, Atman, Bhagavad Gita, Brahman (Philosophie), Buddhismus, Dhammapada, Dharma, Dämon, Esoterik, Gott