Kampf ums Dasein
Der Kampf ums Dasein (Übersetzung von : "struggle for life") bezeichnet einen Ausdruck von Charles Darwin für einen Prozess, in dem sich die biotische Auslese unter natürlichen Bedingungen vollzieht.
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Zur Deutung der natürlichen Auslese an spezifischen Beispielen bei Darwin
Darwin verstand darunter sowohl den Kampf zweier hundeartiger Raubtiere in Zeiten des Mangels um Nahrung wie den Kampf einer Pflanze am Rande der Wüste gegen Trockenheit. Eine Pflanze, die alljärhrlich tausend Samen erzeugt, von denen nur einer zur Entwicklung kommt, kämpfe um ihr Dasein mit anderen Pflanzen derselben oder anderen Arten, die bereits den Boden bewachsen. In derart unterschiedlichen Bedeutungen verwendete Darwin der "Bequemlichkeit halber" den allgemeinen Ausdruck Kampf ums Dasein.
Zur Verwendung des Ausdrucks Kampf ums Dasein im Hauptwerk bei Darwin
Diese weite Begriffsbestimmung und der Hinweis auf die Verwendung des Begriffs im metaphorischen Sinn finden sich bereits in Darwins Hauptwerk "On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for life" (Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigeten Rassen im Kampf ums Dasein) von 1859. Im dritten Kapitel dieser Schrift mit dem Untertitel "Kampf ums Dasein" gliederte er dieses Thema wie folgt auf:
- Seine Beziehung zur natürlichen Zuchtwahl
- Der Ausdruck im weiten Sinne gebraucht
- Geometrisches Verhältnis der Zunahme
- Rasche Vermehrung naturalisierter Pflanzen und Tiere
- Natur der Hindernisse der Zunahme
- Allgemeine Konkurrenz
- Wirkungen des Klima
- Schutz durch Zahl der Individuen
- Verwickelte Beziehungen aller Tiere und Pflanzen in der ganzen Natur
- Kampf ums Dasein am heftigsten zwischen Individuen und Varietäten einer Art, oft auch heftig zwischen Arten einer Gattung
- Beziehung von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen
Zur Mißdeutung des Ausleseprinzips in ideologischen Interpretationen
Die von Darwin selbst empfundene Mißverständlichkeit des Ausdrucks wirkte sich in Interpretationen und vereinfachten Darstellungen des Selektionsprinzips sehr nachteilig aus, begünstigte manche Entstellung der Darwinschen Lehre durch ihre Gegner und diente auch der Begründung des Sozialdarwinismus, der eine Form des Biologismus darstellt. Im Sozialdarwinismus werden die von Darwin entdeckten Prinzipien unwissenschaftlich auf die Formen der Auseinandersetzung in der Gesellschaft übertragen.
Zum Kontext des Prinzips der natürlichen Ordnung bei Darwin im Selbstverständnis des herrschenden Liberalismus
Obwohl gesichert ist, daß Darwin seine Interpretation des Ausdrucks Kampf ums Dasein keineswegs auf Formen der Gesellschaft übertragen wollte, kann diese Formel nicht ohne den Kontext der damaligen sozialhistorischen und sozialökonomischen Auffassungen isoliert gesehen werden. So findet sich in seinem Notizbuch von 1838, also zwanzig Jahre vor der Veröffentlichung seines Hautwerkes, folgende Notiz:
"Wenn zwei Menschenrassen aufeinanderstoßen, dann verhalten sie sich genau wie zwei Tierarten: Sie bekämpfen und fressen einander, bringen Krankheiten übereinander und so weiter. Aber dann folgt das noch tödlichere Ringen, nämlich wer die am besten angepaßte Organisatonsform oder die Instinkte (i.e. menschlicher Intellekt) hat."
Darwin knüpfte das von ihm dargestellte Prinzip der natürlichen Ordnungsbildung an den Mitte des 19. Jahrhunderts herrschenden Liberalismus als ideologisch dominant gewordenes Spiel ökonomischer Ordnungsbildung an. Zur Zeit der Veröffentlichung seines Hauptwerks handelte es sich um ein übliches ideologisches Muster, das zwar noch auf Widerstand von Fraktionen der Christen stieß, jedoch in seinem Verständnis nicht so widersprüchlich war, daß er drohte, mit seiner Evolutionstheorie zum Außenseiter zu werden. Die rasche und relativ problemlose Aufnahme seiner auf Selektion aufbauenden Deszendenztheorie ist darauf zurückzuführen, daß sie vollständig konform mit der verbreiteten Weltanschauungen des ökonomischen und politischen Liberalismus war. Die dargestellte Ordnung, die sich in der Natur aus dem Prinzip Kampf ums Dasein ergab, war völlig analog zu der Whig-Ordnung eines Englands, das in jenen Jahren zur unangefochtenen und weltpolitischen Hegemonialmacht geworden war, auf der Basis der freien Konkurrenz, Freihandel und freiem Arbeitsmarkt.
Darwins Evolutionstheorie konnte daher als wissenschaftliche "Unterfütterung" der britischen Weltmachtstellung angesehen werden. Sie erhob das Erfolgsgeheimnis dieses Landes zum allgemeinen Naturgesetz: Das freie Spiel der Kräfte in Natur und Gesellschaft ergibt eine harmonische Ordnung, die sich selbst im Sinne des "Fortschritts" perfektionierte und immer wieder übertraf. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte der "Darwinismus" so aus britischer Sicht eine selbstgewisse Theorie des Status quo bilden, ohne der Gewissheit eines ernsten ideologischen Gegners, auch nicht der christlich-orthodoxen Auffassungen, die aber immer mehr isoliert wurden. Der Ausgangspunkt für die Fehldeutungen und -fehlinterpretationen ergaben sich erst, als sein natürliches Ordnungsprinzip auf dem europäischen Kontinent aufgenommen wurde.
Zur überholten Auffassung des Ordnungsprinzips für die natürliche Entwicklung
Heute wird der Begriff vom Kampf ums Dasein auf evolutionsbiologische Sachverhalte im wissenschaftlichen Schrifttum nicht mehr angewandt. Für Darwin bestand das Wesen der Selektion im Überleben der geeigneten Formen. Angesichts der heutigen statistischen Betrachtungen der natürlichen Auslese ist der Ausdruck Kampf ums Dasein selbst im metaphorischen Sinn nicht mehr brauchbar. Die zwischen Population und Umwelt bestehende Beziehung wird nach heutigen Erkenntnissen hauptsächlich durch Mutation und Selektion geregelt. Unter Selektion wird heute kein absolutes, auf einem Ausschließlichkeitsprinzip beruhender Eleminationsvorgang verstanden. Bestimmend wird nicht das Überleben angesehen, sondern der relative Beitrag der verschiedenen individuellen Genotypen zum Genpool der Folgegenerationen. Auf diesem Wege können bestimmte Gene und Genkombinationen im Genpool der Population der Art zunehmen, andere dagegen zurückgedrängt werden. Darauf beruht im wesentlichen der Erbwandel der Populationen und Arten und die Anpassung der Organismen an die Umwelt.
