Kanon des Neuen Testaments
Der Kanon des Neuen Testaments ist die Liste der Bücher des frühen Christentums, die in den Kirchen als Heilige Schrift akzeptiert sind und daher in das Neue Testament aufgenommen wurden.
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Der Kanon des Neuen Testaments in den christlichen Kirchen
Gemäß dem Kanon besteht das Neue Testament aus insgesamt 27 Schriften in griechischer Sprache, die über einen Zeitraum von 50 (konservative Schätzung) bis 100 (liberale Schätzung) Jahren etwa zwischen 60 und 160 n. Chr. entstanden sind. Dieser Kanon ist für die orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen identisch; nur die Reihenfolge der Schriften variiert leicht.
Für die katholische Kirche legte erst 1546 das Konzil von Trient den Kanon offiziell und autoritativ fest. Er ist jedoch bereits seit ca. 400 in Gebrauch durch allgemeine Übereinstimmung, auch bei den orthodoxen und protestantischen Kirchen, für die das Konzil von Trient nicht maßgebend ist.
Allein die syrische und äthiopische Kirchen haben je einen eigenen neutestamentlichen Kanon. Die syrische Kirche hat einen kürzeren Kanon, bei ihr gehören 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Judas, und Offenbarung nicht zum Neuen Testament. Die äthiopische Kirche hat dagegen einen nicht eindeutig festgelegten Kanon. Während in allen gedruckten Bibeln dieser Kirche nur die üblichen 27 neutestamentlichen Bücher enthalten sind, nennen einige Quellen bis zu 38 Bücher.
Nicht-orthodoxe Gruppen (Häretiker) haben sehr individuelle Listen von akzeptierten Büchern zusammengestellt: Beispielsweise stellte Marcion um das Jahre 160 herum eine Auswahl der heute im Neuen Testament enthaltenen Bücher zusammen, lehnte aber eine Reihe anderer ab, da er sie als verfälscht ansah. Seine Liste enthielt nur ein (nach seiner Vorgabe von jüdischen Einflüssen "gesäubertes") Evangelium (das des Lukas) und einige paulinische Briefe (Galater, 1. und 2. Korinther, 1. und 2. Thessalonicher, Kolosser, Philemon, Philipper, sowie ein unidentifizierter Brief an die Laodiceer).
Welche Bücher gehören zum Kanon des Neuen Testaments
Für 19 der Bücher des Neuen Testaments war die Zugehörigkeit zum Kanon nie umstritten. Diese sind die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe einschließlich der Pastoralbriefe und der 1. Johannesbrief.
Teilweise angezweifelt, aber schließlich anerkannt wurden die folgenden 8 Bücher:
- der Hebräerbrief (im Osten nie angezweifelt, aber im Westen),
- der Jakobusbrief,
- der 1. und 2. Petrusbrief (der erste wurde nur selten angezweifelt, der zweite dagegen oft),
- der 2. und 3. Johannesbrief,
- der Judasbrief und
- die Offenbarung des Johannes (im Westen nie angezweifelt, aber im Osten).
Teilweise anerkannt, aber schließlich nicht ins Neue Testament aufgenommen wurden
- der 1. und 2. Clemensbrief,
- die Didache,
- der Barnabasbrief,
- der Hirt des Hermas und
- das Hebräerevangelium.
Nie anerkannte Schriften sind unter anderem
- das Ägypterevangelium,
- das Basilidesevangelium,
- das Matthiasevangelium,
- das Thomasevangelium,
- die Offenbarung des Petrus und
- das Evangelium der Wahrheit.
Entwicklung des Kanons
Die hier aufgezeigte Entwicklung beruht auf erhaltenen Texten und Listen von Kirchenvätern. Listen von kanonischen Büchern wurden seit dem 2. Jahrhundert aus verschiedenen Gründen zusammengestellt. Das wichtigste Kriterium für die Aufnahme in den Kanon, das die Kirchenväter eingehend diskutierten, war die apostolische Autorität (aus der Sicht des betreffenden Kirchenvaters): Stammte das Buch von einem Apostel oder stand die Autorität eines Apostels dahinter? (Paulus bei Lukas und Apostelgeschichte, Petrus bei Markus.)
Zweites Jahrhundert
Die neutestamentlichen Schriften waren schon sehr früh in den Kirchen in Gebrauch, wurden abgeschrieben und weiterverbreitet: Eine Sammlung von Paulusbriefen war gemäß einigen Autoren (Trobisch, Robinson) schon um 70 im Umlauf. Um 150 existierte eine Sammlung der vier Evangelien, die für das Diatessaron von Tatian verwendet wurden. Mindestens Teile des Johannesevangeliums waren ca. 125 in Ägypten in Gebrauch. Auch die häufigen Zitate aus dem Neuen Testament der Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts weisen auf diesen verbreiteten Gebrauch hin.
Solche Schriften aus dem Neuen Testament -- oder möglicherweise ihnen zugrundeliegende schriftliche Quellen -- wurden schon früh mit den Schriften des Alten Testaments gleichgestellt. Hier einige Beispiele (wobei 1. Tim. und 2. Petrus nach einigen konservativen Autoren ebenfalls ins erste Jahrhundert gehören würden):
- Im 2. Petrusbrief 3,15f steht "Und achtet die Langmut unseres Herrn für Errettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben." In Vers 16 werden die Paulusbriefe mit "den übrigen Schriften" gleichgesetzt - mit τη γραφη (tê graphê, die Schrift) ist im Neuen Testament normalerweise das Alte Testament oder ein Teil davon gemeint.
- 1. Tim. 5,18: "Denn die Schrift sagt: Du sollst dem Ochsen zum Dreschen keinen Maulkorb anlegen, und: Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn." Das erste Zitat ist 5. Mose 24,5, das zweite findet sich nicht im Alten Testament, jedoch wörtlich in Lukas 10,7.
- Der zweite Clemensbrief zitiert Jesaja 54,1 als Gottes Wort "Denn die Einsame hat jetzt viel mehr Söhne als die Vermählte, spricht der Herr." und sagt im übernächsten Satz "Und wieder eine andere Schrift sagt Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten (ein Zitat von Matthäus 9,13). Er (Gott) meint das wirklich..."
Der Prozess der Kanonisierung des Neuen Testaments setzte im 2. Jahrhundert ein. Wesentlicher Anstoß war hier der Wunsch der christlichen Gemeinden, sich von den nun neu entstehenden gnostischen Überlieferungen (z.B. Markion, Thomasevangelium und andere Schriften von Nag Hammadi) abzusetzen.
Die älteste erhaltene Liste der kanonischen Bücher enthält der so genannte Muratorische Kanon, datiert auf 170-200. Die nur als Fragment erhaltene Liste umfasst die heute fast vergessene Petrus-Offenbarung, fünf der heute als kanonisch geltenden Briefe (1. und 2. Petrus, Hebräer, Jakobus und 3. Johannes) sind hingegen nicht erwähnt.
Irenäus von Lyon stellte am Ende des 2. Jahrhunderts seine kanonische Liste inspirierter Schriften zusammen, in der sechs der heute akzeptierten Briefe (Philemon, 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Hebräer und Judas) fehlen, aber zusätzlich der Hirt des Hermas aufgeführt ist.
Drittes Jahrhundert
Origenes bespricht ca. 230 in seinen Kommentaren alle heute enthaltenen Werke ausführlich, bezeichnet allerdings neben vier heute nicht im Neuen Testament enthaltenen Werken (Brief des Barnabas, Hirt des Hermas, Didache, Hebräerevangelium) auch sechs kanonische Briefe (Hebräer, 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Jakobus, Judas) als umstritten.
Auch die aus dieser Zeit erhaltenen Handschriften (z.B. Codex Sinaiticus, Codes Alexandrinus) spiegeln diese Meinungsvielfalt in den in ihnen enthaltenen Werken wieder, indem ersterer den 'Hirten des Hermas' und den Brief des Barnabas, letzterer die beiden Clemensbriefe enthält.
Viertes Jahrhundert
Eusebius von Caesarea, ca. 260-340, stellte in seiner Kirchengeschichte alle Pros und Contras für die einzelnen Bücher zusammen.
Cyril von Jerusalem führt um die Mitte des 4. Jahrhunderts in Jerusalem in seinen katechetischen Vorträgen einen Kanon auf, der bis auf die Offenbarung des Johannes alle Bücher des Neuen Testaments enthält. Athanasius von Alexandria führt 367 im 39. Osterfestbrief alle Bücher des heutigen Neuen Testaments auf, weicht im Alten Testament aber noch etwas von der heute üblichen Liste ab. Gregor von Nazianz listet in einem Gedicht alle Bücher des heutigen Neuen Testaments bis auf die Offenbarung des Johannes auf.
Die 3. Synode von Karthago (eine lokale Synode) 397 hat eine Liste von Büchern, die als Heilige Schrift bezeichnet werden dürfen. Vom 5. Jahrhundert an wurde dieser Kanon allgemein akzeptiert. Es waren jedoch auch in den folgenden Jahrhunderten noch Handschriften in Gebrauch, die etwa die Offenbarung des Johannes oder den Brief an die Hebräer ausließen oder den Barnabasbrief einschlossen.
Weiterführende Information
Siehe auch
Liste der Bücher der Bibel, Kanon des Alten Testaments, Neues Testament, Textkritik des Neuen Testaments, Geschichte des Christentums, Biblische Einleitungswissenschaft, Apokryphen
Literatur
- Bruce M. Metzger: The Canon of the New Testament: Its Origin, Development, and Significance, Clarendon Press. Oxford 1987, ISBN 0198269544
- F. F. Bruce: The Canon of Scripture, InterVarsity, 1989, 083081258X
- Geoffrey Mark Hahneman: The Muratorian Fragment and the Development of the Canon (Oxford Theological Monographs), Oxford University Press, ISBN 0198263414
- William J. Abraham: Canon and Criterion in Christian Theology: From the Fathers to Feminism, Oxfort University Press, 2002, ISBN 0199250030
- Lee Martin McDonald: The Formation of Christian Biblical Canon: Revised and Expanded Edition, Hendrickson, 1995, ISBN 1565630521
- Lee Martin McDonald und James A. Sanders (Hrsg.): The Canon Debate, Hendrickson, 2002, ISBN 1565635175
- David Trobisch: Die Endredaktion des Neuen Testaments: Eine Untersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (Novum testamentum et orbis antiquus), Oxford University Press, 2000, ISBN 0195112407
Quellentexte
- Muratorischer Kanon
- Kanon des Eusebius
- Kanon von Cyril, englisch
- 39. Osterfestbrief des Athanasius (englisch)
- Gedicht des Gregor von Nazianz (englisch)
- Liste der 3. Synode von Karthago (englisch)
Weblinks
- Frank Bechhaus: Entstehung des neutestamentlichen Kanons
- The Development of the New Testament Canon (englisch)
- Catholic Encyclopedia: Canon of the New Testament (englisch)
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