Kantianismus
Der Kantianismus bezeichnet einen prinzipiellen und philosophischen Standpunkt, der auf dem Wirken der Schriften Immanuel Kants beruht, auch synonym mit dem Kritizismus Kants.
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Zu Kants Quellen seiner naturwissenschaftlichen Theorie des Himmels
Die Philosophie ist nach Kant die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft. In seinen Frühschriften entwickelte Kant bedeutsame materialistische und dialektische Momente. In seiner 1755 erschienen Schrift Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels versuchte er, eine Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Weltalls zu geben. Er stützte sich dabei in seinen Schlußfolgerungen auf die Entdeckungen von Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Isaac Newton. Ohne die Entdeckungen dieser Naturforscher hätte er die für seine Zeit tiefgründige naturwissenschaftliche Theorie des Himmels nicht schaffen und auch nicht zum Vorläufer von Pierre Simon Laplace werden können.
Zur Erklärung der Entstehung des Weltalls
Die Entstehung des Weltalls versuchte Kant in seinem Werk materialistisch zu erklären, indem er darauf hinwies, dass die Erscheinung der Welt nur dann erklärt werden könnte, wenn man sich unmittelbar mit dem Studium der Natur zuwende und die treibenden Kräfte der Entwicklung in der Selbstbewegung des Seins suche. Er leitete die Entwicklung der Welt aus dem ihr immanenten Gesetzmäßigkeiten her, allerdings erklärte er den Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach den Newtonschen Gesetzen mechanisch. Die Materie, aus der sich das Weltgebäude gebildet hat, besteht nach Kant aus den mit anziehenden und zurückstoßenden Kräften versehenen Masseteilchen. "Ich habe mich in der Tat mit größter Behutsamkeit aller willkürlichen Erdichtungen entschlagen", schreibt Kant.
Zur Erklärung der Ordnung des Weltalls durch zwei Kräftewirkungen
"Ich habe, nachdem ich die Welt in das einfachste Chaos versetzt, keine anderen Kräfte als die Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zur Entwicklung der großen Ordnung der Natur angewandt, zwei Kräfte, welche beide gleich gewiß, gleich einfach und zugleich gleich ursprünglich und allgemein sind. Beide sind aus der Newtonischen Weltweisheit entlehnt."(ebenda). Nach Kant war anfänglich der ganze von unserem Sonnensystem eingenommene Raum von der in ihre Grundstoffe aufgelösten Materie ausgefüllt, die jetzt die Körper unseres Sonnensystems bildet. Infolge der allgemeinen Schwere haben die dichteren Elemente die dünneren angezogen, andsererseits waren auch noch zwischen den dünneren Elementen abstoßende Kräfte vorhanden.
Zum Moment der Rotation als Ursprung der Entstehung der Zentralkörper
Es bildete sich zunächst aus dem anfänglichen Chaos eine große, in rotierende Bewegung begriffene Masse, die sich in der Richtung der Rotationsachse abplatten mußte. Diese Masse verdichete sich allmählich im Zentrum zu einem großen Zentralkörper, der Sonne, die von den übrigen Teilchen umkreist wurde. Daneben bildeten sich infolge der Verschiedenheit der Materie eine Reihe anderer untergeordneter Zentren, die außer ihrer Bewegung um den Hauptkörper auch noch eine Rotation um ihre Achse erhalten mußte. Auf diese Weise entstanden die Planeten, aus denen sich in ähnlicher Weise wieder die Monde herausbildeten. Die Darlegungen Kants über die Entstehung und Entwicklung der Welt sind als progressiv zu betrachten, zeigt sich doch in ihnen der dialektische Gedanke einer historischen Entwicklung der Naturerscheinungen, und die Kantsche Betrachtungsweise enthält in der Keimform den Gedanken, dass sich die Welt in einem Prozess der ununterbrochenen Veränderung und Entwicklung befindet, und den Gedanken des Zusammenhangs der Dinge und Erscheinungen in der natur(siehe objektiver Zusammenhang).
Friedrich Engels würdigte die Kantsche Theorie des Himmels als eine Entdeckung, die der religiösen und metaphysischen Weltauffassung einen Gegenpol setzte. Wenn die moderne Kosmogonie auch eine Reihe neuer Hypothesen über die Entstehung des Sonnensystems aufgestellt hat, so belibt doch die große historische Bedeutung der Kantschen Theorie des Himmels, nämlich der Versuch, vom materialistsichen Standpunkt die Entstehung der Planeten zu erklären, bestehen. Kant zeigte sich im Grunde in seinen Frühschriften als Materialist, wenn auch unter inkonsequenten Nebenbedingungen, denn neben der Natur läßt er auch noch ein göttliches Wesen gelten, das sich zwar nicht aktiv in den natürlichen Prozess der Weltschöpfung einschaltet, aber doch vorhanden ist.
Drei Schriften der Kritik als Grundlegung der philosophischen Fragen bei Kant
In seinen drei Kritiken, nämlich in der "Kritik der reinen Vernunft"(1781), in der "Kritik der praktischen Vernunft"(1788) und in der "Kritik der Urteilskraft" (1790) behandelt Kant dann eingehend grundlegende philosophische Fragen. Dass alle philosophischen Fragen, also auch die religiösen, sich letztlich auf eine anthropologische reduzieren, ist Kants eigentümliche Auffassung vom Gegenstand des philosophsichen Bewußtseins. Dies resümiert er am besten in seiner Einleitung zur Logik, wo er "Philosophie" definiert:
Zur Definition des Begriffs Philosophie bei Kant
"Nach dem Weltbegriffe ist die Wissenschaft von den letzten Zwecken der menschlichen Vernunft. Dieser hohe Begriff gibt der Philosophie Würde, d.i. einen absoluten Wert...... Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:
* 1. Was kann ich wissen? * 2. Was soll ich tun? * 3. Was darf ich hoffen? * 4. Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion, und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen,"(in: Kants gesammelte Schriften, Bd. 9. S. 23ff, Berlin 1910)
Zur Einteilung der Philosophie bei Kant: Regeln des Verstandes und des Willens
Nach den Kräften und Vermögen der Menschen (d.h. Verstand und Wille) wird die Philosophie eingeteilt in:
* 1. in die theoretische, die die Regeln des Verstandes enthält, und
* 2. in die praktische, die die Regeln des Willens enthält.
Die Betrachtung der Erkenntnisquellen (principia cognoscendi) führt Kant zu der Erkenntnis, dass diese entweder völlig a priori, durch den reinen Verstand oder a posteriori, durch die Erfahrung gegeben sind, d.h., sie sind entweder principia rationalis oder empirica.
Zur Übernahme des Begriffs Möglichkeit von Wolff für die Erkenntnistheorie
Kant bemühte sich in seinem erkenntnistheoretischen Schaffen vor allem um die Synthese von Rationalismus und Empirismus, und zwar durch die Überwindung beider Extreme. Der Leibniz-Interpret Christian Wolff lieferte Kant die methodische Grundlage zur Ausarbeitung der Erkenntnistheorie. Den Begriff der Möglichkeit der Dinge hat Kant einfach von Wolff übernommen und auf die Erkenntnistheorie ausgedehnt. Nach Wolff ist die Möglichkeit der Inbegriff des Denkbaren am Objekt, und logisch denkbar ist nach dem Identitätssatz und des Widerspruchs alles, was sich nicht widerspricht und seinen zureichenden Grunde (siehe Satz vom zureichenden Grund) hat. Kant hingegen erklärte, dass die bloße Denktätigkeit von Begriffen nicht genüge, um gegenständliche Erkenntnis zu begründen.
Zu Kants Darlegungen zu den Grenzen des Erkenntnisvermögens
In seinem theoretischen Hauptwerk, in der "Kritik der reinen Vernunft", begründete Kant im einzelnen, dass die reinen Verstandesbegriffe von sich aus kein Objekt näher zu bestimmen vermögen. Nach Auffassung Kants muß der Mensch, bevor er die Natur erforscht, das Erkenntnisvermögen untersuchen und die Grenzen der Erkenntnis feststellen. Die Kritik der Vernunft hat es daher nach Kant nicht mit dem Erkennen der Genstände zu tun, sondern mit der Ermittlung ihrer Grenzen und ihres Geltungsbereiches, und durch die Antinomie der reinen Vernunft gealngt er zur Unterscheidung der Grenzen der Sinnlichkeit (d.h. sinnliche Erscheinungen der Anschauung der Gegenstände) und der Vernunft.
Zur Antinomie als Mittel der Unterscheidung über das Wissen der Welt
Durch die Antinomie, in welche sich die Vernunft bei dem Versuch verstrickt, über die Welt als Ganzes Wissen zu gewinnen, gelangt Kant zur Unterscheidung des mundus sensibilis von dem mundus intelligibilis um die Widersprüche der Vernunft zu vermeiden. Die phänomenale Welt kann ihre Resultate nie aus reiner Vernunft ableiten, da sie der Wahrnehmung niemals entbehren kann, während die intelligible Welt ihrer Natur nach nicht wahrnhembar ist. Damit folgt in Kants "Kritik der reinen Vernunft" eine Trennung in eine Welt der Erscheinungen und in eine Welt der Dinge an sich oder Nomena (d.h. in die intelligible Welt).
Die Annahme einer Welt der Dinge an sich ist zweifellos als materialistsicher Zug in der Kantschen Erkenntnistheorie zu betrachten. Die Kantsche Philosophie birgt somit in ihren Zügen die Grundlage für die Erkenntnistheorie der beiden Grundrichtungen der gesamten Philosophie: für den Idealismus und den Materialismus. Insofern Kant von einer realen Außenwelt spricht, die der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt - denn jene liefert dem Menschen die Erfahrung, indem die Objekte auf die Sinne einwirken, die Empfindungen und Vorstellungen erzeugen -, stellt er sich faktisch auf den Boden des Materialismus, der eine unabhängige existierende Außenwelt als Erkenntnisgrundlage voraussetzt.
Zum Agnostizismus als Resultat der Unerkennbarkeit der Dinge bei Kant
Aber diese materialistische Erkenntnistheorie, nach der es Dinge gibt, die uns Empfindungen geben, auf den Menschen einwirken, wird bei Kant als materialistischer Standpunkt durch den Agnostizismus unwirksam, der sich darin zeigt, dass der Mensch über die wahre Beschaffenheit der Dinge nichts aussagen könne; das Ding an sich, d.h. die Welt und die Dinge außer uns, beleiben nach der Auffassung Kants unerkennbar. Was der Mensch erkennt, das sind nur die Erscheinungen der Dinge, die Phaenomena. Die Welt der Dinge an sich bleibt der Erkenntnis des Menschen verschlossen.
Zur Trennung der Kategorien, Anschauungsformen und Vernunftideen
Die Kategorien und die Anschuungsformen Raum und zeit finden also außerhalb der Erscheinungswelt kein Anwendungsgebiet. Kant trennt also bewußt zwischen verstandesmäßigen Kategorien, Anschauungsformen und den Vernunftideen, die nach dem Unbedingten streben. Die obersten Prinzipien der Vernunft nennt Kant Ideen, und er spricht dabei von:
- der Idee Gottes,
- der Idee der Freiheit und
- der Idee der Unsterblichkeit der Seele
Zum Resümee der Erkenntnis bei Kant: Versöhnung von Glauben und Wissen
Da der Mensch von der Welt der Noumena nichts wissen kann, so kann diese Welt als Reich der unbeschränkten Freiheit gelten, und mit ihrer Hilfe stellt Kant die Postulate des sittlichen Lebens auf. Jedoch sieht er sich veranlaßt, damit auch das Wissen aufzuheben - wobei es sich wohlverstanden nur um das Wissen von übersinnlichen Dingen und um den Glauben an diese handelt -, um dem Glauben Platz zu geben. In der "Kritik der reinen Vernunft" wird die Grundtendenz des Kantschen Philosophierens offenbar: Versöhnung zwischen Glauben und Wissen und die Ablehnung der prinzipiellen Erkennbarkeit der Welt.
Siehe auch: Carl Leonhard Reinhold, Friedrich Karl Forberg, Eric Weil
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