Kaschmir
thumb|200px|Karte (2002) Kaschmir (कश्मीर) ist ein ehemaliges Fürstentum im Himalaya, das heute von Indien und Pakistan gleichermaßen beansprucht wird.
| Inhaltsverzeichnis |
Geografie
Heute teilt sich Kaschmir auf den indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, die pakistanischen Nordgebiete, das teilautonome pakistanische Azad Kaschmir, sowie einige chinesische Gebiete (Aksai Chin) auf. Zum indisch besetzten Gebiet (amtlich Jammu and Kashmir) gehören 222 236 km² mit rund 10,1 Mio. Einwohnern; zum pakistanisch besetzten Teil 83.888 km², 1,3 Mio. Einwohner.
Die größte Provinz des indischen Kaschmirs ist Ladakh.
Geschichte
Kaschmir hat seinen Ursprung im Kaschmir-Tal mit dem alten Handelsplatz Srinagar im Hochgebirgsraum des Vorderen Himalaja. In seiner langen, wechselvollen Geschichte hat es sich als Kreuzungspunkt von Karawanenstrassen (historische Seidenstraße) zwischen Vorder-, Zentral- und Südasien entwickelt. Zugleich war und ist es auch heute noch Schnittpunkt ausgedehnter buddhistischer, kaschmirisch-hinduistischer und ab dem 13. Jh. zunehmend islamischer Herrschaftsbereiche. Kaschmir hat von alters her eine Brücken- und Knotenfunktion zwischen Vorder-, Zentral- und Südasien.
Von 1846 bis 1947 war das Kaschmirgebiet ein großes, von hinduistischen Dogra-Maharadschas geführtes, halbselbständiges und mehrheitlich muslimisches Fürstentum unter britischer Verwaltung. Der Norden Kaschmirs war muslimisch geprägt, der Süden hinduistisch und der Osten buddhistisch. Ein machtpolitisches Ungleichgewicht herrschte jedoch dadurch vor, dass hohe Positionen und öffentliche Ämter fast ausschließlich durch Dogra-Hindus aus Jammu besetzt wurden. Protestbewegungen von Moslems, wie z.B. 1930 gegen die autoritäre Herrschaft des Maharadschas wurden immer häufiger und zumeist blutig niedergeschlagen.
Die Ursache für das heutige Spannungsverhältnis in Kaschmir (Kaschmirkonflikt) ist einerseits begründet durch den Eroberungsfeldzug 1819 der Sikhs von Panjab (Indien) aus, die das moslemische Kaschmir mit dem hinduistischen Jammu vereinigten und andererseits im Teilungsprozess Britisch-Indiens im Jahr 1947, in dessen Folgen die Staaten Pakistan und Indien gegründet worden. Die Teilung in das moslemisch dominierte Pakistan (einschließlich Ost-Pakistan, das heutige Bangladesch) und in die hinduistisch geprägte Indische Union folgte der so genannten „Zwei-Nationen-Theorie“.
Danach sollten die Distrikte Britisch-Indiens, die nach dem letzten verfügbaren Bevölkerungszensus von 1941 eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung aufwiesen, Pakistan zufallen. Im umgekehrten Falle sollten muslimische Minderheitengebiete in der Indischen Union verbleiben. Dieses Kriterium traf auch für die semi-autonomen Fürstentümer und damit auch für Kaschmir zu. Dennoch fiel das muslimisch dominierte Kaschmir an Indien. Darüber hinaus wurde der bereits in der Kolonialperiode schwelende Hindu-Moslem-Konflikt immer weiter auf die Ebene der Staatspolitik übertragen, der dadurch kontinuierlich an Brisanz gewann, obwohl die Mehrheit der Bewohner Kaschmirs eine gemäßigte religiöse Einstellung besaß.
Kaschmir blieb nach der Teilung Britisch-Indiens zunächst unabhängig, wurde aber bald zu einer militärischen Konfliktregion. Der damalige Maharadscha Hari Singh versuchte durch Verzögerungen in der Entscheidung, sich auf die pakistanische oder indische Seite zu schlagen, die Souveränität zu wahren. Nach der Invasion von durch Pakistan unterstützten muslimischen Stammeskriegern und der fortlaufenden Rebellion gegen seine Herrschaft (besonders im Bezirk Punch) bat der Herrscher im Oktober 1947 Indien um militärischen Beistand und schloss sich demonstrativ dem Land als Bundesstaat an. Binnen weniger Tage verlegte Indien massiv Truppen in die Krisenregion, um Aufständischen und eingesickerten Kämpfern zu begegnen. Pakistan akzeptierte den Beitritt zu Indien nicht. Die Eskalation führte letztlich zum ersten indisch-pakistanischen Krieg, der 1949 mit der De-Facto-Zweiteilung Kaschmirs unter Vermittlung der Vereinten Nationen endete. Seitdem existiert im Süden der indische Bundesstaat Jammu und Kaschmir (etwa 2/3 des Territoriums), während der Norden mit Azad Kashmir und den Northern Areas (Nordgebiete) unter pakistanischer Verwaltung steht. Die Grenzlinie zwischen dem pakistanischen und indischen Teil bildet die Waffenstillstandslinie („Line of Control“) von 1949. Sie ist etwa 500 km lang und steht unter dem Mandat der Vereinten Nationen.
Die vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 1949 geforderte Volksabstimmung über den Beitritt Kaschmirs zu Indien oder Pakistan oder die Gründung eines eigenen Staates hat bis heute nicht stattgefunden.
Die pakistanische Sichtweise fokussiert den muslimischen Nationalismus und den Souveränitätsanspruch über einen Raum mit 77% muslimischer Bevölkerung, die unter anderem einen Anschluss an Pakistan sowie die uneingeschränkte Kontrolle über den Oberen Indus (Jammu und Kaschmir) und dessen Nebenflüsse für die Bewässerung der zentralen Ebenen Pakistans fordert.
Aus indischer Sicht steht vor allem die Vermeidung eines Präzedenzfalles durch Loslösung aus dem Staatsverbund Indiens und die Sicherung der Verkehrswege in das Hochtal von Kaschmir im Vordergrund. Das Regierungsprinzip des säkularen Nationalismus, d.h. keine Abhängigkeit der Regierung von Religionen, sollte für ganz Kaschmir gelten und somit auch für die muslimisch dominierten Bereiche. Indien sieht in der Kaschmirfrage daher keinen Diskussionsbedarf.
Neben Indien und Pakistan ist die Volksrepublik China als dritte Partei indirekt am Kaschmirkonflikt beteiligt. Nach der gewaltsamen Besetzung des im Osten Kaschmirs gelegenen Aksai Chin - Plateaus durch chinesische Truppen (1956 und 1962), näherte sich Indien verstärkt der Sowjetunion an. Aufgrund der gleichgerichteten Interessenlage gegen Indien wurde Pakistan zum Verbündeten Chinas. Es trat 1963 seinerseits einen schmalen Streifen um die Mount Godwin Austen (K2) - Gipfelregion an China ab. Dieses ehemals zu China gehörende Gebiet wurde seit der britischen Kolonialzeit von Pakistan kontrolliert. Im Gegenzug erhielt Pakistan chinesische Hilfe beim Bau des Karakorum-Highways.
Das Gebiet von Aksai Chin war bis 1956 ein autonomes Fürstentum, das sich an der Politik des Maharadschas von Kaschmir orientierte. Die Chinesen begründeten die Besetzung mit der Rückgewinnung des ihrer Meinung nach von Britisch-Indien 1846 unrechtmäßig beanspruchten Gebietes. Außerdem planten sie eine Straße von Westtibet durch Aksai Chin weiter nach China, welche ab 1958 auch gebaut wurde. Sowohl die indische als auch die pakistanische Regierung nehmen sowohl auf internationaler Ebene als auch in Südasien für sich in Anspruch, die rechtmäßigen Vertreter der kaschmirischen Interessen zu sein. Während die indische Seite einen multikulturellen und Minderheiten tolerierenden Staat propagiert, der aber keinerlei Separationsbestrebungen der einzelnen Bundesstaaten akzeptiert, erhebt Pakistan den Anspruch, alle Moslems in einem einzigen pakistanischen Moslemstaat zu vereinigen.
Bereits 1947 zeichnete sich jedoch eine weitere Option ab. Kaschmirische Nationalisten forderten die Gründung eines von Indien und Pakistan unabhängigen Binnenstaates Kaschmir, der sich idealer Weise aus dem pakistanisch-kontrollierten Azad Kashmir und dem indisch-kontrollierten Jammu und Kaschmir zusammensetzen sollte. Diese Lösungsvariante wird bis heute nicht nur von Indien und Pakistan aus strategischen, ökonomischen und soziokulturellen Erwägungen abgelehnt, sondern auch von einer Mehrheit der kaschmirischen Bevölkerung, welche einen unabhängigen muslimischen Staat Kaschmir fordert.
Pakistan verlangte die Lösung der Kaschmir-Frage auf der Basis der entsprechenden Resolutionen der Vereinten Nationen und des Selbstbestimmungsrechts des kaschmirischen Volkes, insbesondere der Moslems.
Im Zuge des einsetzenden Entspannungsprozesses Ende 2003 schlug der pakistanische Präsident Pervez Musharraf einen völligen Truppenabzug (des indischen und pakistanschen Militärs) aus der umstrittenen Himalaja-Region vor. Indien lehnt dies mit Hinweis auf die instabile, komplexe Sicherheitslage und wegen der Gefahr des Einsickerns von Extremisten aus Pakistan ab. Der zentrale Streitpunkt zwischen beiden Ländern, wonach sie beide den alleinigen Anspruch auf ganz Kaschmir erheben, wurde in dem bisherigen Annäherungsprozess ausgeklammert.
Kurzübersicht
ca. 5. Jhdt. - Fürstentum der Kidaraniten
12. Jhdt. - Vordringen des Islam
1846 - Kaschmir wird Teil von Britisch-Indien
1947 - Großbritannien entlässt Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit, wodurch ca. 8,4 Mio. Menschen flüchten oder zwischen den beiden Staaten umgesiedelt werden, über 1 Mio. Menschen sterben bei Pogromen und auf der Flucht, pakistanische Freischärler sickern in Kaschmir ein, Maharadscha Hari Singh erklärt den Anschluss Kaschmirs an Indien und ruft indische Truppen ins Land, 1. Indisch-Pakistanischer Krieg
1949 - Waffenstillstand, Festlegung der Waffenstillstandslinie („Line of Control“), Teilung von Kaschmir (2-Nationen-Theorie), Forderung eines Referendums über einen eigenen Staat Kaschmir durch die Vereinten Nationen
1957 - Jammu und Kaschmir wird Bundesstaat von Indien
1960 - Indus-Wasservertrag zwischen Pakistan und Indien, über die Nutzung der in das Indus-Tal mündenden Flüsse
1962 - Chinesisch-Indischer Krieg, China besetzt Aksai-Chin (westlicher Teil der indischen Region Ladakh)
1965 - Pakistan greift indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir an, 2. Indisch-Pakistanischer Krieg und Waffenstillstand
1966 - Frieden von Taschkent und offizielle Anerkennung der „Line of Control“
1971/1972 - 3. Indisch-Pakistanischer Krieg, Niederlage Pakistans, Verlust von Ost-Pakistan und Gründung des neuen Staates Bangladesch
1974 - Absetzung des letzten Mirs (Fürst) von Azad Kaschmir und Angliederung des Gebietes an Pakistan
1984 - Beginn der Kämpfe auf dem Siachen-Gletscher zwischen Pakistan und Indien, um den von Indien kontrollierten Zugang zum Tal von Leh
1986/1987 - China und Indien ziehen Truppen im Ladakh-Grenzgebiet zusammen, erste Anschläge moslemischer Extremisten auf indische Einrichtungen, die einen autonomen Kaschmirstaat fordern oder den Anschluss an Pakistan
1988 - Schiitische Revolte in Gilgit
1990 - Terror im Kaschmir-Tal erreicht Höhepunkt, Flucht von über 100.000 Hindus (Kashmiri Pandits) aus dem Tal nach Jammu, Indien und Pakistan verstärken ihre Truppen an den Grenzen, Ermordung des höchsten religiösen Moslem-Führers (Mirwait Mohammed Farooq)
1999 - Freischärler dringen vom pakistanischen in den indischen Teil um die Stadt Kargil ein, 4. Indisch-Pakistanischer Krieg
2000 - Bundesstaat Jammu und Kaschmir fordert von Indien weitgehende Autonomie, was vom indischen Staatspräsidenten abgelehnt wird
2001 - Selbstmordanschlag islamischer Extremisten auf das Parlament in Srinagar und in Neu Dehli, im Gegenzug sperrt Indien alle Verkehrsverbindungen nach Pakistan
2002 - Beiderseits der „Line of Control“ Aufmarsch von großen militärischen Verbänden und Einheiten, einzelne Gefechte, Pakistan droht im Falle eines Krieges mit einem nichtkonventionellen Gegenschlag: Atomwaffen
seit Anfang 2004 - Entspannung der Situation in Kaschmir, trotzdem kommt es laut dem Heidelberger Institut für Konfliktforschung und dem Südasieninstitut der Universität Heidelberg immer noch nahezu wöchenlich zu Anschlägen in Kaschmir, denen zahlreiche Zivilisten zum Opfer fallen.
2005 - Indien und Pakistan haben im April in der umkämpften Grenzregion Kaschmir erstmals seit fast 60 Jahren wieder eine direkte Busverbindung aufgenommen. Die Reisemöglichkeit gilt als wichtiger Schritt in den Friedensbemühungen der bislang verfeindeten Atommächte.
Wirtschaft
Nach der Region benannt ist die kostbare Kaschmirwolle, die zum Ende des Winters durch kämmen aus dem Unterfell der Kaschmirziege gewonnen wird. Pro Tier werden ca. 150 Gramm gesammelt, die dann (von Hand) von den einzelnen Oberhaaren (Grannen) gereinigt werden müssen. Der Verkaufspreis der Wolle richtet sich nach deren Qualität; die Haare sollten möglichst fein (dünn), lang und hell (weiß) sein.
Siehe auch: Siachen-Gletscher
Weblinks
- http://www.kashmiri.tv (Engl.)
- http://www.birdsofkashmir.com (Engl.)
- http://depts.washington.edu/uwch/silkroad/ (Engl.)
- http://www.ikashmir.org (Engl.)
- http://www.panunkashmir.org (Engl.)
- http://www.jammukashmir.net (Engl.)
- http://www.koshur.org Kashmiri (Engl.)
- http://www.KashmirHerald.com Kashmiri Online Magazine (Engl.)
- http://www.koausa.org/Crown/history.html Geschichte (Engl.)
- http://www.ummah.org.uk/kashmir/history.htm Geschichte (Engl.)
