Kaste

Der Begriff Kaste (portugiesisch casta – Kiste, Schublade, im übertragenen Sinn auch Geschlecht, Stamm) wird in der Völkerkunde und der Soziologie, sowie - entlehnt - in der Biologie benutzt.

Inhaltsverzeichnis

Ethnologie und Soziologie

Der Begriff "Kaste" wird in erster Linie mit einem aus Indien bekannten sozialen Phänomen assoziiert. Er wird aber auch umgangssprachlich oder soziologisch allgemein benutzt und auf einzelne Gruppierungen anderer und sogar moderner Gesellschaften angewandt.

Indien

Die Kastenzugehörigkeit hat in Indien Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Individuums. Sie bestimmt u.a. die Partnerwahl und die Berufswahl. Im täglichen Leben hat dies Einfluss auf alles was "roti aur beti" (Hindi) betrifft: "Brot und Tochter". Man isst nicht mit jedem zusammen, Hochkastige empfinden ein gemeinsames Mahl mit Niedrigkastigen als verunreinigend. Die arrangierten Hochzeiten werden meist innerhalb der Kaste organisiert.

Beim "Kastensystem" sind zwei, sich ergänzende Aspekte zu berücksichtigen:

  1. die Zugehörigkeit zur Varna, und
  2. die Zugehörigkeit zur Jati.

Varna

Varna (वर्ण) ist Sanskrit und bedeutet wörtlich "Farbe". Traditionell nimmt man an, dass damit die Hautfarbe gemeint war, wobei die Kaste desto höher war, je heller die Haut war, worin sich die Rassenzugehörigkeit verschiedener Einwanderer- bzw. Erobererwellen widerspiegele. Es gibt vier Varnas: die Brahmana, die Kshastriya, die Vaishya und die Shudra. Das System der Varnas lässt sich als die ideologische Ebene des Kastensystems beschreiben, da es eine Legitimation für die gesellschaftliche Hierarchie bietet.

Das System der Varnas ist religiös begründet, nämlich auf den Mythos vom ersten (Riesen-)Menschen, aus dessen Körperteilen die einzelnen Varnas entstanden (der erste aus dem Kopf, der zweite aus den Armen, der dritte aus den Schenkeln, der vierte aus den Füßen).

Demnach unterscheidet man in der Sozialordnung von oben nach unten den

Dieser Mythos ist im 10. Buch des Rigveda (Purushasukta) beschrieben (ca. 900 v.Chr.). Wirklich ausformuliert wurde die Regeln des Kastensystems jedoch erst in der Manusmriti (200 v.Chr und 200 n.Chr.).

Nach indischer Vorstellung sind mit der Kastenzugehörigkeit bestimmte kosmische und soziale Pflichten (Dharma) verbunden. Die Pflicht eines Kshatriya ist beispielsweise zu kämpfen und in den Krieg zu ziehen (vgl. Bhagavadgita).

Jati

Die Varnas gliedern sich in hunderte von Jatis (जाति) auf. Der Begriff leitet sich ab aus der Sanskritwurzel "jan" für geboren werden. Dies weist auf die Hauptbedeutung von Jati hin: Geburtsgruppe. Dies ist durchaus auch im Sinne von Großfamilie oder Clan zu verstehen. Die Jatis sind somit die soziale und familiäre Dimension des Kastensystems und erinnern in gewissem Maße an die mittelalterliche Ständeordnung.

Die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt theoretisch nicht möglich sind. Die Jati dient neben der beruflichen auch der ethnischen, sozioökonomischen und kulturellen Differenzierung; sie verbindet eine Volksgruppe durch besondere, gemeinsame, sittliche Normen und strenge Heiratsordnung, bei mehr oder weniger strenger Abschließung gegenüber anderen Jatis. Die Jatis haben in gewisser Weise auch die Funktion eines Sozialversicherungs-Systems, das in der kulturellen und sozialen Tradition verankert ist.

Die soziale Mobilität innerhalb der Jati ist nicht sehr groß; jedoch können bestimmte Jatis als ganze sozial aufsteigen, wie dies im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der britischen Kolonialherrschaft vor allem den Kaufmanns- und Schreiber-Jatis gelungen ist. In der Praxis kommen auch Abspaltungen sozial höher oder niedriger rangierender Teilpopulationen mit Bildung neuer Jatis vor. Die Jatis gliedern sich in Subjatis auf.

Den Aufstieg ganzer Jatis hat der indische Soziologe M.N. Srinivas als "Sanskritierung" bezeichnet. Jatis von niedrigem Rang übernehmen den Lebensstil, die Rituale und die Symbole höherer Jatis und steigen dadurch langfristig auf. Dabei werden nicht nur die Elemente der klassischen indischen Kultur übernommen, sondern parallel dazu auch westliche Symbole. Als Vorbilder dienen meist Jatis mit hohem wirtschaftlichen Status.

Wenn ein Inder wissen möchte, zu welcher Kaste ein anderer Inder gehört, fragt man in Hindi nach der "Jati" oder im Englischen nach der "community" (nie nach der "cast", da dieser Begriff zu viele unangenehme Konnotationen hat). Den Begriff "Varna" würde man dafür ebenso nicht verwenden.

Veda-Studium

Die Brahmanen betrachten sich als die einzige "reine" Varna und alle anderen als "vermischt". Die ersten beiden Varnas machen heute nur noch ca. 10% der Bevölkerung Indiens aus. Die ersten drei Varnas betrachten sich als "Zweimalgeborene" (dvija). Mit "zweimalgeboren" ist gemeint, dass es nach der natürlichen Geburt noch eine "kulturelle" Geburt gibt, die in Form eines Initiationsritus (Upanayana) vollzogen wird. Diese "zweite Geburt" berechtigt zum Studium der heiligen Texte (Veda).

Die Zugehörigkeit zu den oberen Varnas war eng gekoppelt mit Kenntnissen des Veda, der heiligen indischen Texte. Man unterschied zwischen "Chaturvedi" (die - theoretisch - alle vier Veden studiert hatten), "Trivedi" (drei Veden) und "Dvivedi" (zwei Veden). Dies sind heute noch häufige Familiennamen. Wissen und das Privileg zu dessen Weitergabe ist weiterhin ein wichtiges Abgrenzungkriterium der ersten zu den übrigen Varnas: Das Studium der Veden betrachten sie nicht nur als ihre Pflicht, sondern auch als ihr (Vor-)Recht, die Weitergabe dieses Wissens an Außenstehende (nicht "Zweimalgeborene) ist tabuisiert.

Beruf

Die ursprünglichen Berufszuordnungen sind heute weitgehend nur noch theoretischer Natur: Lediglich ein Bruchteil der Brahmanen ist heute Priester (beliebt sind die Brahmanen dagegen als Köche in besseren Restaurants, da die Oberschicht keine von Niederkastigen zubereiteten Speisen essen würde), nur wenige Kshatriyas sind Soldaten (die meisten Berufsoffiziere wurden - jedenfalls bis zur Ermordung Indira Gandhis 1984 - von den Sikhs gestellt). Die Berufszugehörigkeit wird vielmehr durch die Jati bestimmt.

Heirat

Die Jatis dienen nicht allein der beruflichen Zuordnung, sondern auch der sozialen und ethnischen. Sie unterschieden sich innerhalb Indiens je nach Region ganz erheblich, so dass z.B. eine Heirat zwischen dem Punjab und Bengalen trotz theoretisch "gleichwertiger" Jati bei Befolgung der traditionellen Vorschriften praktisch ausgeschlossen ist. Auf indischen Websites zur Partnersuche finden sich sehr oft Suchfunktionen nach Kastenkriterien, sowohl in Bezug auf die Varna als auch auf die Jati. Auch wenn es im modernen Indien starke Tendenzen zur "love-marriage" gibt, haben die traditionellen Regeln ihre Bedeutung keineswegs verloren.

Reinheit und Unreinheit

Für die Hierarchie zwischen verschiedenen Jatis spielen die Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit eine große Rolle. Als besonders rein gelten die Brahmanen, die Priesterkaste. Als besonders unrein gelten hingegen jene Jatis, die mit unreinen Berufen zu tun haben, wie z.B. die Wäscher, Friseur und Müllbeseitiger. Die reinen Kasten sind bestrebt, sich möglichst von den unreinen Kasten fernzuhalten. Aus diesem Grund wird auch heute noch unberührbaren Kasten oftmals der Zugang zu Tempeln verwehrt.

Unberührbare Kasten

Die westlichen Vorstellung von "Kastenlosen" ("Paria") beruhen weitgehend auf veralteten Beschreibungen. Dabei ist in erster Linie das Indienbuch des französischen Abbé Dubois zu nennen, das bis heute immer wieder kritiklos abgeschrieben wird, wiewohl es schon bei seiner Entstehung vor rund zwei Jahrhunderten überholt war. (Der französische Geistliche betrachtete das indische Kastenwesen als Teufelswerk und bemühte sich nicht ernsthaft, ihm gerecht zu werden.) Echte "Kastenlose" gibt es kaum. Die sogenannten "Unberührbaren" sind meist Angehörige der niedrigsten Kasten bzw. Unterkasten, wovon über 3.000 existieren.

Seit der indischen Unabhängigkeit werden den Angehörigen unberührbarer Kasten bestimmte Quoten bei der Besetzung von Stellen in der öffentlichen Verwaltung zugestanden. Dies hat dazu geführt, dass in diesem Bereich Unberührbare nicht mehr benachteiligt werden. Auch in der Politik hat sich einiges verändert: der letzte Staatspräsident Shri Kocheril Raman Narayanan (im Amt 1997-2002) ist Angehöriger einer unberührbaren Kaste.

Der in Indien auch gebräuchliche Begriff "Harijan" für Unberührbare stammt von Mahatma Gandhi. Er bedeutet wörtlich in etwas "Kinder Gottes" oder präziser "Vishnu-geboren". Die offizielle Bezeichnung für Unberührbare ist "scheduled castes". Der von Dr. Ambedkar geprägte Begriff "Dalit" für Unberührbare hat eine eher kämpferische Konnotation und bedeutet "Unterdrückte, Ausgebeutete".

Die von Bhimrao Ramji Ambedkar gegründete "neo-buddhistische" Bewegung der "Dalits" ist klar gegen das Kastensystem ausgerichtet. Die meisten Angehörigen des Neo-Buddhismus sind ehemalige Angehörige unberührbarer Kasten. Auch das Christentum ist bei vielen Dalits und der sog. Stammesbevölkerung relativ stark vertreten.

Sri Lanka

In Sri Lanka wird die Kastenzugehörigkeit nicht nur von der tamilischen Bevölkerungsgruppe beachtet, sondern auch von den buddhistischen Singhalesen. Der Buddhismus bietet jedoch keine religiöse Legitimation des Kastensystems, wie dies beim Hinduismus der Fall ist. Es gibt aber auch keine klare Offensive gegen das Kastensystem. In den Jatakas (Heiligengeschichten aus dem Leben Buddhas) finden sich durchaus noch Details, die den alten Geist des Kastensystems widerspiegeln.

Bali

(siehe einstweilen Bali)

Lateinamerika

Analog zum indischen Kastensystem bezeichnete man auch im kolonialen und nachkolonialen Lateinamerika die Angehörigen verschiedener Hautfarben und dementsprechender sozialer Differenzierung als Kasten. Siehe: Krieg der Kasten

Sonstige

Vorwiegend durch Kasten geprägte Gesellschaften sind bei einigen Stämmen im übertragenen Sinne anzunehmen, in der Neuzeit sonst nicht mehr vorhanden. Doch können auch in nach sozialen Schichten und Funktionen reich untergliederten und sehr durchlässigen (mobilen) Gesellschaften einzelne Gruppierungen dennoch ausgeprägte "Kasten"-Züge aufweisen (z.B. im Klerus, im Offiziersstand, als Kader einer Diktatur). Sie werden dann meistens als andere soziale Muster ausgedeutet.

Das Kastenwesen ist insbesondere bei den kurdischen Jezidi, in Indien, auf Ceylon, in Nepal und auf Bali verbreitet.

Auch die christlichen und muslimischen Inder z.B. in Kerala haben sich ein ausgeprägtes Bewußtsein ihrer Kastenzugehörigkeit bewahrt. Die vier Hauptkasten der indischen Muslime lauten Shekh, Khan, Beg und Saiyad (auch Säyäd oder Sayid).

Literatur

Biologie

Im biologischen Sinne stellt eine Kaste eine funktionell, vielfach auch morphologisch spezialisierten Form einer sozial im Verband eines Tierstaates lebenden Tierart dar.

Eine Kastenbildung findet man z.B. bei Ameisen, Termiten, Hornissen, Wespen und Bienen. Bei Säugetieren ist eine Kastenbildung bei den Nacktmullen verwirklicht. Der Begriff ist dem sozibaren" sind meist Angehörige der niedrigsten Kasten bzw. Unterkasten, wovon über 3.000 existieren.

See also: Kaste, Ameisen, Bali, Bengalen, Bhagavadgita, Bhimrao Ramji Ambedkar, Biologie, Brahmanen, Buddhismus, Dalit