Kasuistik
Kasuistik bezeichnet einen Begriff aus der Moraltheologie und der Rechtswissenschaft und anderen Gebieten. Das Wort ist abgeleitet von lat. casus "Fall" und bezeichnet das Bestreben, allgemeine moralische oder rechtliche Grundsätze auf Einzelfälle zu beziehen in der Form "wenn – dann" und diese immer differenzierter auszulegen.
Durch diese jahrhundertealte Praxis, möglichst komplizierte und unwahrscheinliche Grenzfälle zu konstruieren erhielt der Begriff der Kasuistik den "pejorativen Beigeschmack von spitzfindiger Spielerei mit Eventualitäten" (Peter Kunzmann).
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Kasuistik als Thema der Theologie
Beispiel: Einschränkung des Tötungsverbotes durch den Fall Notwehr
- Grundsatz: Du sollst nicht töten.
- Kasuistik: Wenn aber du selbst oder ein anderer von einem Angreifer lebensgefährlich bedroht wird und du die Möglichkeit hast, den Angriff abzuwehren, musst du das tun und darfst dabei den Tod des Angreifers als äußerste Konsequenz in Kauf nehmen.
Die kasuistischen Systeme katholischer Moraltheologen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts strebten hermetische Lückenlosigkeit an. Auch die evangelische Erbauungsliteratur dieser Zeit kannte detaillierte Lebensleitbilder. Den einzelnen Christen und den Seelsorgern im Beichtstuhl sollten feste Richtlinien und Urteilsmaßstäbe für möglichst alle denkbaren Umstände und Verhaltensweisen gegeben werden. Das Ergebnis waren oft angstbesetzte und zwanghafte Haltungen.
Viele, vor allem protestantische Theologen lehnen heute im Bereich der christlichen Ethik jede Kasuistik ab und vertreten eine reine Gesinnungsethik. Sie berufen sich dabei nicht zuletzt auf die Bergpredigt, haben jedoch Schwierigkeiten, "gut" und "böse" mit konkreten Inhalten zu füllen.
Anwendung in der Rechtswissenschaft
Positives Recht kann ohne Kasuistik nicht auskommen. Das Funktionieren der Rechtsordnung hängt jedoch von einer breiten Akzeptanz der zugrundeliegenden Werte ab.
Anwendung in der klassischen Rhetorik
Hier wird unter Kasuistik die Geschicklichkeit, die Gewandtheit im Streitgespräch verstanden im Zusammenhang eines "Beweises" falscher oder zweifelhafter Thesen. Ein Kasuist wird so bezeichnet, wenn er sich im Streitgespäch als geschickter und gewandter Teilnehmer auszeichnet.
siehe auch André Jolles Einfache Formen: Kasus als Gattung
Anwendung in der Medizin
Hier wird mit Kasuistik eine Veröffentlichung bezeichnet, bei der die Beschreibung der Krankengeschichte im Vordergrund steht.
Kategorie:Ethik
Kategorie:Juristische Methodenlehre
