Kaufkrafttheorie
Die Kaufkrafttheorie der Löhne besagt, dass bei Unterauslastung der Wirtschaft durch die Erhöhung von Löhnen inflationsfrei die Nachfrage nach Konsumgütern gesteigert werden könne. Es entstünden sowohl direkt als auch indirekt neue Arbeitsplätze, da die Unternehmer die erhöhte Konsumfreude als Signal werten, mehr zu investieren.
Die Kaufkrafttheorie der Löhne wird unter Anderem von Gewerkschaften zur Rechtfertigung von Lohnerhöhungen vertreten. Als Beispiel für die Gültigkeit der Kaufkrafttheorie wird oft auf die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren verwiesen, als Lohnsenkungen nach Auffassung der Anhänger der Kaufkrafttheorie die Krise verstärkten. Einen weitere positiven Effekt zum Wirtschaftswachstum sollen Skaleneffekte bringen. Da die Stückkosten bei steigender Produktion sinken, führe eine durch zusätzliche Kaufkraft entstehende stärke Nachfrage zu einem Wohlstandsgewinn.
Ein positive Bewertung der Kaufkrafttheorie findet sich beispielsweise bei Michal Kalecki in seinem Essay Place nominalne i realne (Nominal- und Reallöhne, Warschau 1939). In der Wissenschaft wird die Theorie jedoch überwiegend kritisch bewertet.
Kritik
Sowohl aus neoklassischer als auch aus neokeynesianischer Sichtweise ist der Zusammenhang zwischen Lohnniveau und Konsumnachfrage Begrenzungen unterworfen: Eine vollkommene Überwälzung von Einkommenssteigerungen auf eine höhere Binnennachfrage ist nicht zu erwarten, da das höhere Einkommen zu Teilen
- die Ersparnis
- die binnenwirtschaftlich irrelevante Importnachfrage erhöht
Nach den Modellen der Neoklassik stehen den möglicherweise vorliegenden positiven Skaleneffekten die direkten Kostenwirkungen steigender Löhne gegenüber. Die Neoklassik erachtet daher insgesamt höhere Stückkosten und somit einen negativen gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrteffekt als wahrscheinlich.
Modellunabhängig besteht bei zu starken Lohnsteigerungen und hoher Auslastung der Produktionsfaktoren die Gefahr einer steigenden Inflation. Außerdem können zu starke Lohnsteigerungen dann die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gefährden, wenn die starken Lohnsteigerungen zu entsprechend starken Preissteigerungen führen, sofern sie nicht im Falle flexibler Wechselkurse durch eine Abwertung der Landeswährung kompensiert werden.
Empirisch sind die Daten wenig eindeutig. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre war zurückzuführen auf das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, so dass Wirtschaftshistoriker unterschiedliche Ansichten über die Wirksamkeit der Kaufkrafttheorie vertreten. Historisch besteht zwar eine enge Korrelation zwischen Lohnsteigerung und Wirtschaftswachstum, aber eine eindeutige Kausalbeziehung ist nicht feststellbar. (In anderen Argumentationen wird gerade von den selben Kritikern Wirtschaftswachstum als notwendig erachtet, um Lohnsteigerung zu erreichen.)
Insbesondere in angelsächischen Ländern hat in den vergangenen Jahren die neokeynesianische Sichtweise verstärkt Anhänger gefunden. Sie geht davon aus, dass Kaufkrafteffekte kurz- bis mittelfristig (das können durchaus mehrere Jahre sein) durchaus eine Belebung der Wirtschaft erzielen, langfristig aber durch eine Verstärkte Inflation und höhere Zinsen zunichte gemacht werden.
Ohne Frage determiniert die Güternachfrage und die Nachfrage nach Dienstleistungen die Nachfrage nach Arbeit. Die Kaufkrafttheorie berücksichtigt allerdings nicht, dass es unter den Verhältnissen des Kapitalismus nicht ausreicht, kostendeckend zu wirtschaften, sondern dass Gewinne erzielt werden müssen (denn im Kapitalismus ist eine echt positive Mindestrendite Voraussetzung für eine Investition). Wenn die Gesamtnachfrage gerade mal den Arbeitseinkommen entsprechen würde, gäbe es allerdings keinen Gewinn. Gesamtwirtschaftlicher Gewinn entsteht nur dann, wenn die Gewinneinkommensempfänger selbst Nachfrage entfalten. Das heißt aber nicht etwa, dass sich Wachstum und Beschäftigung entwickeln, wenn die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer nur niedrig genug sind, sondern eben genauer: niedrige Einkommen der Arbeitnehmer erhöhen den Zwang der Gewinnempfänger ihre Konsum und Investitionsausgaben zu erhöhen. Tun sie das nicht (z.B. weil Investitionsprojekte nicht die erwartete Mindestrendite abwerfen und Konsumwünsche für die betroffenen Gewinnempfänger hinreichend erfüllt sind), so bewirkt eine Verringerung der Arbeitnehmereinkommen einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts.
interessenmotivierte Zustimmung
Generell ist die Zustimmung zur Kaufkrafttheorie sehr unterschiedlich, da die aus ihr folgenden Handlungsempfehlungen bestimmten gesellschaftliche Schichten einen relativen Vorteil bzw. relativen Nachteil versprechen. So rechtfertigen Arbeitnehmervertreter mit ihrer Hilfe Lohnsteigerungen, Arbeitgebervertreter befürchten durch höhere Löhne einen Einschnitt in ihren Gewinn. Arbeitnehmervertreter stimmen der Kaufkrafttheorie daher eher zu als Arbeitgebervertreter.
