Kinder der Landstrasse

thumbnail|Zigeuner, Spanien, um 1910 Kinder der Landstrasse als "Hilfswerk" entstand 1926 unter der Leitung von Pro Juventute und hatte zum Ziel, Jenische bzw. Fahrende sesshaft zu machen. Zu diesem Zweck wurden Müttern kurz nach der Geburt die Kinder weggenommen und in Heimen fremdplatziert; und dies geschah in rund 600 Fällen, bis diese Praxis 1972 aufhörte. Ziel von Kinder der Landstrasse war das Ansinnen, Menschen zu einer Lebensweise zu zwingen, die den "bürgerlichen Ordnungs- und Sauberkeitsvorstellungen" entsprachen.

Die rechtliche Grundlage bestand im Zivilgesetzbuch von 1912, welches bei pflichtwidrigem Verhalten der Eltern, dauernder Gefährdung oder ganz allgemein bei Verwahrlosung den Vormundschaftsbehörden das Recht gab, den Eltern das Sorgerecht über ihre Kinder zu entziehen. Obwohl schon das Zivilgesetzbuch eine Aufsicht über die Arbeit der Behörden erwähnte, wurde diese kaum wahrgenommen. Allein die Tatsache, dass die Eltern eines Kindes nicht sesshaft waren, genügte für eine Wegnahme des Kindes.

Mit strengen Mitteln wurde verhindert, dass Eltern Kontakt aufnehmen konnten zu ihrem Kind und umgekehrt. Die Kinder wurden in Pflegefamilien, Heimen, psychiatrischen Anstalten und sogar in Gefängnissen untergebracht. Einige Kinder endeten als Verdingkind, andere wurden sogar verkauft, vermutlich als billige Arbeitskräfte. Kindsmisshandlungen wurden als "Erziehung zur Arbeit" verstanden.

1972 veröffentlichte die Zeitschrift Beobachter die Schicksale von einigen Menschen, die aus ihrer Familie herausgerissen wurden. Die meisten Kinder und Eltern litten das ganze Leben lang unter den Aktivitäten des "Hilfswerks". Der Bund zahlte finanzielle Entschädigungen, doch die Verantwortlichen von "Kinder der Landstrasse" sowie die Mitglieder von Vormundschaftsbehörden, die ihre Aufsichtsfunktion nicht erfüllt haben, wurden nie bestraft. Nach heutigem Recht hätte die Tätigkeit des "Hilfswerks" als Völkermord eingestuft werden müssen.[1]

Weblinks

See also: Kinder der Landstrasse, Beobachter (Zeitschrift), Fahrende, Jenische, Pro Juventute, Verdingung, Völkermord