Kinderarbeit

Kinderarbeit bezeichnet den Einsatz von Kindern (definiert als Menschen unter 14 Jahren) zur Erwerbsarbeit. Heute arbeiten nach Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation ungefähr 250 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren, davon rund die Hälfte ganztags.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Kinderarbeit gibt es bereits seit Menschengedenken, aber mit der Industrialisierung nahm sie im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und den USA Ausmaße an, die die Gesundheit und Bildung der Bevölkerung massiv beeinträchtigten. Kinder ab vier, sechs oder acht Jahren arbeiteten in dieser Zeitepoche nicht nur als Hilfskräfte und Dienstboten, sondern auch zu einem großen Teil in der Textilindustrie, in Kohlegruben und Minen, zwischen 10 und 16 Stunden täglich. Manche Arbeiten im Bergbau konnten nur von Kindern wegen ihrer geringen Körpergröße ausgeführt werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ein Drittel der Fabrikarbeiter in den USA zwischen 7 und 12 Jahren alt.

Kinder, die arbeiten, hatten neben hohen Gesundheitsrisiken nur eine minimale Schulbildung. Nach einer Untersuchung im Jahr 1819 konnten von 715 Kindern, die arbeiten, nur 455 lesen, 351 ein wenig schreiben und 234 etwas rechnen.

Die Kinderarbeit ermöglichte den Familien ein zusätzliches und oft dringend notwendiges Einkommen. Die Unternehmen, die Kinder beschäftigten, fühlten sich daher als Wohltäter. Dabei beuteten sie die Kinderarbeiter aus, die meist nur den Bruchteil des Lohnes eines erwachsenen Arbeiters bekamen.

Die Kinderarbeit in dieser massiven, ausbeuterischen Form wurde bald zu einem sozialen Problem in den heutigen Industrienationen. Die Armee hatte wegen der vielen kranken Kinder zunehmend Probleme, gesunde Rekruten zufinden. Preußen erließ deshalb 1839 ein Gesetz, das Kindern unter 10 Jahren die Arbeit in Fabriken verbot; die 10 bis 16-jährigen durften nicht mehr als 10 Stunden täglich arbeiten, nicht mehr an Sonntagen und nicht mehr nachts. Im Jahr 1853 wurde das Mindestalter für die Fabrikarbeit auf 12 Jahre angehoben. Als Folge der Kinderarbeit wurde in Preußen die Gewerbeaufsicht gegründet.

In der Schweiz konnten zwischen 1800 und 1950 Bauern von den Behörden Verdingkinder, d.h. Waisen- und Scheidungskinder, auf einem Verdingmarkt ersteigern. Solche Kinder wurden meistens zu Zwangsarbeit eingesetzt.

Situation heute

Durch die UNO wurde die Kinderarbeit 1989 mit der UN-Kinderrechtskonvention geächtet. 2002 wurde mit dem ersten Welttag gegen Kinderarbeit ein internationaler Gedenktag eingerichtet, der jährlich am 12. Juni stattfindet. Seit 2003 wird im Rahmen dieses Gedenktages auch verstärkt auf den Kinderhandel (Versklavung) hingewiesen.

In manchen Gegenden, etwa im Süden Indiens, setzt jedoch allmählich eine Neubewertung der Kinderarbeit ein. Dort gibt es inzwischen teilweise eine gewerkschaftliche Organisation der Kinderarbeiter; Ziel ist dabei nicht die Abschaffung der Kinderarbeit, sondern eine "menschlichere Gestaltung" (beschränktere Arbeitszeiten, kein Verstecken der Kinderarbeit mehr, Gesundheitsschutz, etwas bessere Löhne). Nicht in allen Kontexten hat Kinderarbeit einen ausbeuterischen Charakter, manchmal hat sie durchaus auch mit Lernen zu tun, etwa in Familienbetrieben (informelles Lernen). Stärker sind Organisationen arbeitender Kinder in einigen Ländern Lateinamerikas und Afrikas. Sie haben sich als weltweite Kinderbewegung organisiert und 2004 in Berlin ein Welttreffen durchgeführt (siehe [www.pronats.de]). Die Bewegungen, die einige 10.000 Kinder repräsentieren und grossen Wert auf demokratische Strukturen legen, wehren sich auch gegen einen paternalistischen Umgang mit ihnen. So kritisieren sie auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die ein Verbot der Kinderarbeit fordert. So ein Verbot kann nach Ansicht der Kinder- und Jugendlichen der Bewegungen auch zur Verschlechterung der Situation von arbeitenden Kindern beitragen. Deshalb stehen sie auch dem "Global March against Child Labour", einer vor einigen Jahren durchgeführten Kampagne, kritisch gegenüber und weisen darufhin, dass hier hauptsächlich Erwachsene Kinder funktionalisierten. Dies ist ein Vorwurf, der zum Teil auch umgekehrt gegenüber den pädagogischen Begleitern der Bewegungen erhoben wird. Kinderarbeit in Afrika, Asien und Lateinamerika ist ein wichtiges Thema auch in der deutschen, international orientierten Bildungsarbeit (siehe Globales Lernen).

In Deutschland ist Kinderarbeit durch das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) definiert: Arbeit von Kinder oder Jugendlichen, die noch der Vollzeitschulpflicht unterliegen. Ausnahmen sind im Gesetz definiert und teilweise bei der Gewerbeaufsicht genehmigungspflichtig. Der Arbeitgeber muss dann vor Beginn der Arbeiten von Kindern Ausnahmegenehmigungen beantragen, die mit Auflagen, Hinweisen und/oder Bedingungen versehen sein können.

Seit den 90er Jahren hat es in Deutschland bzw. europaweit mehrere Versuche großen Stils gegeben, in der Öffentlichkeit das Problembewusstsein gegenüber diesem weltweiten Missbrauch zu schärfen:

Kinderarbeit im Tourismus

Gemäß IAO sind weltweit mindestens 10% der Beschäftigten im Tourismus Kinder. Davon werden laut UNICEF etwa eine Million sexuell ausgebeutet.

Ursachen

Die wichtigste Ursache für Kinderarbeit ist die Armut der Eltern. So ergab die Auswertung umfangreicher Daten über Privathaushalte in Entwicklungsländern, dass die meisten Eltern ihre Kinder niemals zur Arbeit schicken würden, wenn sie nicht äußerste Not dazu zwingen würde. Die Kinderarbeit führt umgekehrt aber auch zu einem erhöhten Angebot an billigen Arbeitskräften und damit zu niedrigen Löhnen. Die Kinderarbeit ist also auch eine Ursache für die Elternarmut. (Quelle: Spektrum der Wissenschaft Januar 2004)

Siehe auch

Armutsspirale, Kinderhandel, UN-Kinderrechtsorganisation, Wehrlosigkeit, Terre des Hommes, Corporate Social Responsibility

Literatur

  • Christine Plüss: Ferienglück aus Kinderhänden. Kinderarbeit im Tourismus. Rotpunktverlag Zürich, Oktober 1999. ISBN 3-85869-187-9
  • Liebel, Manfred; Overwien, Bernd; Recknagel, Albert (Hrsg.): Arbeitende Kinder stärken. Frankfurt/Main 1999
  • Liebel, Manfred; Overwien, Bernd; Recknagel, Albert (Hrsg.): Was Kinder könn(t)en. Frankfurt/Main 2000

Weblinks

See also: Kinderarbeit, 12. Juni, 18. Jahrhundert, 1800, 1839, 1853, 19. Jahrhundert, 1950, 1989, 1990er