Moderne
Die Moderne war zunächst ein Begriff der Kunstgeschichte, mit dem Entwicklungen der Kunst seit dem 19. Jahrhundert bezeichnet werden sollten. Sie ist daraus zu einer umgangssprachlichen Bezeichnung der jüngeren Neuzeit geworden und wird seither auch in anderen Wissenschaften, zumal in der Soziologie, definitorisch und analytisch bearbeitet.
Die Moderne wurde geboren aus den voran gegangenen gesellschaftlichen Umbrüchen durch die Aufklärung und der "Entdeckung" des Menschen als Individuum. Gelegentlich wird die Moderne auch als eine Art Endstadium einer Entwicklung bezeichnet, für das es folglich keine Überwindung mehr gibt.
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Kunstgeschichtliche Betrachtung
Was die Prägung dieses Begriffes angeht, so zeigt Andreas Venzke ("Zeitschrift für Germanistik", 3/1995), dass "Die Moderne" in Deutschland erst mit dem Naturalismus aufkam: "[...] eben auf die Literatur bezog man den Begriff 'modern', so auch auf die entstehende naturalistische Bewegung. Allerdings beschlagnahmten die Naturalisten den Begriff nicht nur für ihre Ziele, sondern sie modelten ihn auch um, in 'die Moderne', die dann für einige Jahre nahezu gleichbedeutend für den Naturalismus stand." Bis dahin hieß es höchstens "das Moderne".
Kunsthistorisch betrachtet ist sie die Epoche, die im 19. Jahrhundert mit den revolutionären Werken der Suprematisten und Avantgardisten in Europa, zunächst in der Malerei, Bildhauerei und mit Theateraufführungen ihren Höhepunkt fand, und deren Ende in (zunächst West-)Europa durch das verheerende reaktionäre Wirken (vgl. entartete Kunst) der Nationalsozialisten erzwungen wurde. Viele der verfolgten Protagonisten flohen zunächst nach Frankreich, später in die Vereinigten Staaten und Israel, wo die weitaus meisten architektonischen (Spät-)Werke der Moderne entstanden. "Die Moderne" kehrte nie wieder nach Europa zurück.
Soziologische Betrachtung
Am stärksten haben in der Soziologie zunächst Ferdinand Tönnies (mit Hilfe des Begriffes Neuzeit, Geist der Neuzeit, 1935 [1998]) und danach eingehend der Strukturfunktionalismus versucht, die Moderne mit der funktionalen Differenzierung ineins zu setzen. Dadurch rückt ihr Beginn historisch weiter zurück.
Als Vorteil dieses Ansatzes wird gesehen, dass man dann auch analytisch über den "Beginn der Moderne" in z. B. Japan oder China sprechen kann (vgl. dazu unlängst: Ho-fung Hung, Early Modernities and Contentious Politics in Mid-Qing-China, c. 1740-1839, in: "International Sociology", 2004: S. 478-503), ohne dass dort damals von "Moderne" gesprochen worden wäre.
Epochengeschichtliche Betrachtung
Der Beginn der Moderne wird historisch häufig auf die Französische Revolution gelegt. So sieht der US-amerikanische Soziologe Daniel Bell den Hereinbruch der Moderne mit dem Jahr 1789. Andere sehen eher einen Prozess der Entstehung der Moderne, der sich allmählich nach 1789 im 19. Jahrhundert vollzieht.
Als wesentliche Elemente der Moderne werden angesehen:
- die Säkularisierung als Folge der Aufklärung und die damit verbundene Hoffnung, eine Art Menschheitsreligion würde an die Stelle der institutionalisierten Religionen treten.
- die Industrialisierung, auch Industrielle Revolution genannt, insbesondere der Übergang von der manuellen, handwerklichen Fertigung zu Massenproduktion durch Maschinen, damit auch die Ablösung der feudalen Gesellschaft (Ancien régime) durch Kapitalismus und Demokratie.
- der Fortschrittsglaube, d. h. die Vorstellung, dass die materiellen Errungenschaften des Menschen unbegrenzt wachsen (fortschreiten) könnten.
- die Rationalität, d. h. der Glaube an die Vernunft und die Vorherrschaft rationaler Überlegungen.
- die Autonomie gesellschaftlicher Bereiche, wie Ethik, Politik, Recht und Wirtschaft. siehe (Emanzipation)
Man muss sich zum Verständnis der Moderne deutlich machen, dass alle diese Elemente, die vielen von uns heute als selbstverständlich erscheinen, keineswegs immer und überall vorherrschende Überzeugungen waren und sind. Epochen lassen sich am besten dadurch kennzeichnen, was die Menschen dieser Epoche ohne Nachfragen als selbstverständliche "Wahrheiten" und Grundüberzeugungen akzeptieren. Diese Selbstverständlichkeiten ändern sich im Laufe der Zeit. Zu den Änderungen von Selbstverständlichkeiten siehe z. B. die Paradigmen-Theorie von Thomas S. Kuhn.
Neben der zeitlichen Dimension sollte auch die räumliche Begrenzung der Moderne betrachtet werden. Auch wenn moderne Einflüsse heute auf alle Kulturen festzustellen sind, so ist das beispielsweise in Asien vorherrschende zirkulare Denken dem linearen Denken des westlichen Fortschrittsglaubens deutlich entgegengesetzt.
Den kulturellen Höhepunkt erreicht die Moderne in Europa und Nordamerika in der Zeit vor und zwischen den beiden Weltkriegen. Der Begriff 'Klassische Moderne' bezeichnet die Vielfalt, heute noch als bahnbrechend angesehener, heterogener Stilrichtungen in den Bildenden Künsten.
Maler, wie beispielsweise Pablo Picasso, Franz Marc, Henri Matisse, Georges Braque,Piet Mondrian und Wassily Kandinsky, sind dafür typische Vertreter ("Klassische Moderne"). Besonders das deutsche Bauhaus hat sich als kulturelle Keimzelle der Moderne hervorgetan. In Österreich gilt dies insbesondere für den Architekten Adolf Loos und die Architekten und Vertreter angewandter Kunst, die die Wiener Werkstätte bildeten.
Während in Russland zunächst die Bolschewiki und in Italien die Faschisten wenigstens in der bildenden Kunst und insbesondere in der Architektur Konzepte der Moderne aufgriffen, haben die deutschen Nationalsozialisten diese größtenteils als "entartet" bekämpft. Auch Stalin war kein Anhänger der Moderne; seine Präferenzen in Kunst und Architektur lagen beim Sozialistischen Realismus.
Doch auch in anderen europäischen Ländern und in den USA stand die internationale Moderne im Gegensatz zu dem wiedererweckten Nationalismus und vielen fundamentalistischen Tendenzen.
Die Nachfolge-Epoche der Moderne nennt sich heute die Postmoderne und auch für die Wegbereiter der Moderne hat man zwischenzeitlich den richtigen Fachbegriff bereit: Die Protomoderne.
Zitat
- "Was wir Moderne nennen - also die Zeit zwischen der europäischen Aufklärung und dem Ersten Weltkrieg - hat uns mit idealistischen Zumutungen überlastet und mit humanistischen Idealen geködert. Deshalb haben wir heute eine ambivalente Einstellung zur Moderne: sie ist Utopie und Alptraum zugleich. Deshalb fällt es uns so schwer, souverän in eine neue Zeit einzutreten. Wir haben ein Entwöhnungstrauma der beendeten Moderne." Norbert Bolz (in Theorie der Müdigkeit - Theoriemüdigkeit, 1997)
Abweichende Bedeutungen
bei den Worten Mode und Modern (dies letztere bedeutet - wenn auf der ersten Silbe betont - auch das trockene Zerfallen, z.B. von Holz) sind zu beachten.
Analytisch gibt es Abgrenzungen zum Begriff "'Neuzeit'", aber auch Sinnüberschneidungen mit ihm. Überhaupt ist "die Moderne", seit sie im Naturalismus als Begriff in Deutschland eingeführt wurde, in ihrer inhaltlichen Bedeutung immer vage gewesen. Sie bezeichnete eigentlich immer nur jede neu aufkommende Stilrichtung oder Kunstgattung.
