Wiener Kaffeehaus
Das Wiener Kaffeehaus (Betonung auf der 2. Silbe "fee": Gesprochenen Inhalt Aussprache Datei (?)) ist eine typische Wiener Institution, die bis heute ein wichtiges Stück Wiener Tradition bildet. Der Schriftsteller Peter Altenberg charakterisiert das Kaffeehaus als nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft. thumb|280px|Kaffeehauskultur: Die Tageszeitung
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Eigenart
Anders als in normalen Cafés ist es im Wiener Kaffeehaus durchaus üblich, dass ein Gast, der nur einen Kaffee bestellt hat, stundenlang an seinem Tisch sitzen bleibt und die vorhandenen Zeitungen studiert. Zum Kaffee serviert der Kellner das obligatorische Glas mit frischem, kalten Leitungswasser, das zum Kaffee oder danach getrunken wird. In manchen Kaffeehäusern bringt der Kellner bei längerem Aufenthalt auch unaufgefordert Wasser nach. thumb|280px|Im Café Central Die Einrichtung des typischen Wiener Kaffeehauses reicht von gemütlich-plüschig bis hin zu kühl-stilvoll. Als klassisch gelten Thonet-Sessel und Kaffeehaustische mit Marmorplatten. Eines der am besten erhaltenen Kaffeehäuser ist das Café Sperl, das über eine unverfälschte Einrichtung verfügt. Das Café Central im Palais Ferstel ist in einer monumentalen Neorenaissance-Halle untergebracht, das Café Prückel hingegen besitzt eine originalgetreu erhaltene Einrichtung aus den 1950er Jahren. Oft gibt es vor dem Lokal den so genannten Schanigarten, wo man im Freien bei Kaffee die vorbeigehenden Leute beobachten kann.
Im Kaffeehaus werden meist kleine Speisen wie Würstel und Mehlspeisen, Kuchen, Torten oder die berühmten Buchteln im Café Hawelka geboten. Einige Kaffeehäuser bieten allerdings auch eine volle Auswahl an Gerichten der Wiener und internationalen Küche an.
In vielen klassischen Wiener Kaffeehäusern (z.B. Café Diglas, Café Central, Café Prückel) wird abends, ab 18 oder 19 Uhr, an bestimmten Tagen der Woche Klaviermusik gespielt - ab und zu auch untermalt mit speziellen Themenprogrammen und anderen Darbietungen wie z.B. literarischen Lesungen.
Die Betreiber von Kaffeehäusern sind die so genannten Kaffeesieder.
Geschichte
Die Legende besagt, dass die Wiener während der Befreiung von der 2. Türkenbelagerung im Jahre 1683 einige Säcke mit seltsamen Bohnen fanden, die sie zunächst für Kamelfutter hielten und verbrennen wollten. Ein Dolmetscher namens Georg Franz Kolschitzky habe die Säcke statt dessen an sich genommen und das erste Kaffeehaus gegründet.
Tatsächlich stammt das erste Wiener Kaffeehaus etwa aus dieser Zeit und wurde aber 1685 von einem Griechen namens Johannes Theodat gegründet.
Das neue Getränk fand bei der Wiener Bevölkerung großen Anklang, sodass die Zahl der Kaffeehäuser rapide anstieg. In der Frühzeit der Kaffeehäuser trugen die Kaffeevarianten keine Namen. Statt eine Melange oder einen Verlängerten zu bestellen, reichte der Kellner eine Farbpalette, auf der die Stärke des Kaffee in Farbabstufungen von Schwarz bis milchig-weiß symbolisiert war. Der Gast wählte, in dem er auf die gewünschte Farbe zeigte.
Seine Blütezeit erlebte das Wiener Kaffeehaus Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, als so genannte Kaffeehausliteraten wie Peter Altenberg, Alfred Polgar, Karl Kraus, Hermann Broch und Friedrich Torberg ihre Stammcafés zur bevorzugten Lebens- und Arbeitsstätte machten. Viele bekannte Künstler, Wissenschaftler und Politiker der Zeit wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Egon Schiele, Gustav Klimt, Adolf Loos, Theodor Herzl oder auch Leo Trotzki waren häufige Gäste im Kaffeehaus. Auch in Prag, Budapest, Lemberg und anderen Großstädten Österreich-Ungarns gab es viele Kaffeehäuser nach Wiener Vorbild, die z. T. heute noch bestehen.
Spätestens durch die nationalsozialistische Judenverfolgung und Verfemung der modernen Kunst ging ab 1938 die Blütezeit des Kaffeehauses zu Ende. Ab 1950 begann das "Kaffeehaussterben", als einige berühmte Wiener Kaffeehäuser schließen mussten, verursacht durch veränderte Freizeitgewohnheiten (z. B. der wachsenden Beliebtheit des Fernsehens) und das Aufkommen "moderner" Espresso-Bars. Trotzdem gibt es auch heute noch etliche dieser typischen Wiener Lokale, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben, zumal seit den 1990er Jahren allgemein ein neues Interesse an der Kaffeehaus-Tradition zu beobachten ist.
Klassische Kaffee-Zubereitungsarten
In Wiener Kaffeehäusern werden unter anderem folgende Kaffee-Zubereitungsarten angeboten:
Kleiner und großer Schwarzer oder Mokka
Schwarzer oder Mokka nennt man in Wien schwarzen Kaffee, der wie ein Espresso mit heißem Wasser unter Druck extrahiert wird. Die Kaffehäuser bieten ihn als kleinen Schwarzen oder in doppelter Menge als großen Schwarzen an.
Die Kaffeeportion (in Österreich per Gesetz mindestens 7,5 g) wird in einer Espressomaschine mit ca. 220-250 ml Wasser je nach Einstellung bis zu 60 Sekunden lang extrahiert. Das Ergebnis ist ein dünner und bitter schmeckender Kaffee. Durch die lange Extraktionszeit lösen sich auch die schädlichen Gerbstoffe aus dem Kaffee, die in einem kurz zubereiteten Espresso nicht enthalten sind.
Kleiner und großer Brauner
Kleiner Brauner ist die Bezeichnung für einen kleinen Schwarzern, der zusätzlich mit Obers serviert wird. Der Obers, um aus dem kleinen Schwarzen einen kleinen Braunen zu machen, sollte traditionell in einem winzigen Porzellankännchen, das an einen etwas größeren Fingerhut erinnert, extra am Tablett serviert werden, damit der Gast selbst das Mischungsverhältnis bestimmen kann.
Ein großer Brauner ist die doppelte Menge.
Schale Gold
Eine Schale Gold ähnelt dem Braunen, sie wird jedoch mit ein wenig mehr Obers zu goldbrauner Farbe komponiert und ist damit heller als der Braune.
Verlängerter
Ein Verlängerter ist ein kleiner Brauner mit Wasser verdünnt.
Melange
Eine Melange ist ein Verlängerter mit heißer Milch zu gleichen Teilen, meist mit Milchschaum.
Franziskaner
Der Franziskaner ist eine Melange mit Schlagobers statt der Milchschaumhaube.
Kaffee verkehrt oder Milchkaffee
Der Kaffee verkehrt bzw. der Milchkaffee (wobei das "il" wie "üh" gesprochen wird: Gesprochenen Inhalt Gesprochene Bestellung Datei (?)) besteht aus viel Milch mit wenig Kaffee. Serviert wird eine große Schale aufgeschäumte Milch mit einem kleinen Kännchen Mokka zusammen mit Zucker und einem Glas Wasser auf einem Silbertablett.
Wiener Eiskaffee
Der Wiener Eiskaffee ist ein eisgekühlter flüssiger Kaffee mit einer oder mehreren Kugeln Vanille-Eis, oft mit Schlagobers garniert.
Einspänner
Der Einspänner ist ein großer Schwarzer im Glas mit sehr viel Schlagobers, serviert mit einem extra Staubzucker-Streuer am Tablett.
Kapuziner
Der Kapuziner ist ein kleiner Mokka mit wenigen Tropfen Schlagobers, sodass der Kaffee die Farbe einer Kapuzinerkutte annimmt.
Jedoch bieten nicht alle Kaffeehäuser diese Vielfalt an und auch die Wienerinnen und Wiener haben ihre Lieblingsvarianten. Die gängisten Bestellungen sind der Verlängerte, der Mokka, der kleine oder große Braune und die Melange. Die italienischen Verwandten des kleinen Schwarzen und der Melange, Espresso, Cappuccino und Cafe Latte (mit reichlich Milch), aber auch der Irish Coffee, haben sich mittlerweile im Angebot eines Kaffeehauses eingebürgert.
Spezielle Zubereitungsarten
Seltener auf der Karte findet man u.a. den Fiaker (ein Glas Mokka mit Rum, heiß serviert), den Kaffee Maria Theresia (ein doppelter Mokka im Stielglas mit einem Schuss Orangenlikör), den Obermayer (ein doppelter Mokka auf den man sehr kalten Schlagobers mithilfe eines umgedrehten Kaffeelöffels aufsetzt), die Kaisermelange (Melange mit Eidotter und Cognac), den Mazzagran (ein doppelter Mokka, der abgekühlt und mit einem Eiswürfel serviert wird), den Verkehrten Neumann (benannt nach seinem Erfinder; ein großer Brauner, dem zuerst die Milch, dann erst der Kaffee überbrüht wird) und den Pharisäer (ein großer Brauner mit einem Schuss Cognac oder Irish Cream.)
Bekannte Wiener Kaffeehäuser
In Wien gibt es über 1100 Cafés aller Art, fast 1000 Espresso-Bars und über 200 Café-Konditoreien. Die bekanntesten Kaffeehäuser sind:
Im 1. Bezirk (Innere Stadt)
thumb|Café Landtmann
- Bräunerhof, Stallburggasse 2 - Thomas Bernhards Stammcafé in Wien
- Café Central, im Palais Ferstel, Eingang Herrengasse 14 (Ecke Strauchgasse) - Peter Altenbergs Stammcafé und zeitweise auch feste Adresse
- Café Demel, Kohlmarkt 14 - die berühmteste Konditorei Wiens, weniger ein typisches Kaffeehaus
- Café Diglas, Wollzeile 10
- Café Einstein, Rathausplatz 4
- Café Griensteidl, Michaelerplatz 2 - 1990 neu eröffnet am Ort des traditionsreichen Café Griensteidl (1847-1897)
- Café Hawelka, Dorotheergasse 6
- Kleines Café, Franziskanerplatz 3
- Café Korb, Brandstätte 9
- Café Landtmann, Dr.-Karl-Lueger-Ring 4
- Café Mozart, Albertinaplatz 2 (Albertina)
- Café Museum, Operngasse 7
- Café Prückel, Stubenring 24 (Ecke Dr. Karl-Lueger-Platz)
- Café Sacher, Philharmonikerstraße 4
- Café Schottenring, Schottenring 19
- Café Schwarzenberg, Kärntner Ring 17 (Schwarzenbergplatz - innere Ringseite)
- Café Tirolerhof, Führichgasse 8
In anderen Bezirken
- Café Berg, 9. Bezirk, Berggasse 8
- Café Dommayer, 13. Bezirk, Dommayergasse 1-3/Johann-Strauß-Platz
- Café Eiles, 8. Bezirk, Josefstädter Straße 2
- Café Florianihof, 8. Bezirk, Florianigasse 45
- Café Hummel, 8. Bezirk, Josefstädter Straße 66
- Café Ritter, 6. Bezirk, Mariahilferstraße 73, Ecke Ammerlingstraße
- Cafe Sperl, 6. Bezirk, Gumpendorfer Straße 11
- Café Stein, 9. Bezirk, Währinger Straße 6
- Café Weidinger, 16. Bezirk, Lerchenfelder Gürtel 1
- Café Weimar, 9. Bezirk, Währinger Straße 68, in der Nähe der Wiener Volksoper
- Café Wilder Mann, 18. Bezirk, Währinger Straße 85 QuickTime-VR 360°x180° Panoramafoto
- Café Westend, 7. Bezirk, Mariahilferstraße 128 (gegenüber Westbahnhof)
- Café Falk, 22. Bezirk, Wagramer Straße 137
Literatur
Führer und Kochbücher
- Thomas Martinek: Kaffeehäuser in Wien. Ein Führer durch die Wiener Kaffeehäuser. 3. A. Falter, Wien 1996 ISBN 3-85439-168-4
- Rick Rodgers: Das Kaffeehaus. 120 klassische Rezepte und Geschichten aus Wien, Budapest und Prag. Christian-Verlag, München 2003 ISBN 3-88472-572-6 (Kochbuch mit vielen Fotos)
- Wolfram Siebeck: Die Kaffeehäuser von Wien. Eine Melange aus Mythos und Schmäh. Heyne, München 1996 ISBN 3-453-11530-9 / Edition Wien, Wien 1996 ISBN 3-85058-125-X (versucht Atmosphäre, Qualität und Zeitungsangebot zu bewerten, mit vielen Fotos)
- Hans Veigl: Wiener Kaffeehausführer. 2. A. Kremayr und Scheriau, Wien 1994 ISBN 3-218-00587-6
Geschichte und Kaffeehausliteratur
- Eichinger, Georg/Sawatzki, Dieter/Zey, René (Hrsg.): "Im Café. Vom Wiener Charme zum Münchner Neon". Edition Harenberg, Dortmund 1991, 3. Auflage, ISBN 3-88379-521-6
- Kurt-Jürgen Heering (Hrsg.): Das Wiener Kaffeehaus. Insel, Frankfurt am Main 2002 ISBN 3-458-33018-6
- Franz Hubmann: Café Hawelka - ein Wiener Mythos. Literaten, Künstler und Lebenskünstler im Kaffeehaus. Brandstätter, Wien 2001 ISBN 3-85498-111-2
- Michael Rössner (Hrsg.): Literarische Kaffeehäuser, Kaffeehausliteraten. Böhlau, Wien u. a. ISBN 3-205-98630-X
- Helfried Seemann/Christian Lunzer: Kaffeehaus-Album. 1860-1930. Die Wiener Kaffeehäuser in zeitgenössischen Photographien. Album, Wien 1993 ISBN 3-85164-026-8
- Hans Veigl (Hrsg.): Lokale Legenden. Wiener Kaffeehausliteratur. Kremayr und Scheriau, Wien 1991 ISBN 3-218-00530-2 / Hanser, München 1991 ISBN 3-446-16429-4
- Bartel F. Sinhuber: "Die Wiener Kaffeehausliteraten". J&V Edition Wien Dachs Verlag Ges.m.b.H. , Wien 1993 ISBN 3-85058-091-1
Weblinks
- Literatencafés - ein Spaziergang durch das Wien der Jahrhundertwende
- Website der Fachgruppe Wien der Kaffeehäuser - Informationen rund um Wiener Kaffeehäuser: Traditionen, Anekdoten, Kaffee
- Wiener Kaffeehäuser - Reisebericht mit Kaffeehaus-Lexikon
- Österreichischer Kaffee- und Tee- Verband Kaffeerezepte und Kaffee-Wissen
- Wiener Kaffee Museum Geschichtliches zum Kaffee in Österreich
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