Kommerzielle Koordinierung
Der Bereich Kommerzielle Koordinierung (auch unter der Kurzform KoKo bekannt) war eine 1966 im Ministerium für Außenhandel der DDR eingerichtete Abteilung. Sie war mit Politbürobeschluß ab 1972 direkt dem Zentralkomitee der SED speziell Erich Honecker und Wirtschaftssekretär Günter Mittag untergeordnet und wurde zudem vom Ministerium für Staatssicherheit durch eine eigene Abteilung mit ca. 140 Mitarbeitern kontrolliert.
Hauptaufgabe war die Devisenbeschaffung mit allen legalen und illegalen Mitteln, über die Möglichkeiten des "normalen" Außenhandels hinaus. Geleitet wurde der Bereich seit der Gründung von Alexander Schalck-Golodkowski. Sein langjähriger Stellvertreter war: Manfred Seidel, Oberst des MfS (OibE); Vorgänger Horst Roigk, beide ehemals HA XVIII des MfS.
Der seit den 70er Jahren stetig ansteigende Lebensstandard in der DDR war nicht zuletzt durch Importe aus den Westen ermöglicht worden. Die Kosten hierfür konnten nur zum Teil durch reguläre Exporte von laufenden Produktionsgütern erwirtschaftet werden. Im großen Umfang wurden die aus der UdSSR bezogenen Rohöllieferungen veredelt und weiter verkauft. Der Verfall der Ölpreise ließ die Gewinnmargen jedoch stetig sinken.
Die Versorgung mit Devisen zur Deckung der Importe basierte dabei auf mehreren Bereichen: Zum einen konnten mit den Intershops, die sich auf Flughäfen, Bahnhöfen und an Grenzübergängen und Transitstrecken befanden und den Bedarf der Reisenden aus den westlichen Ländern decken sollten, Gelder erwirtschaftet werden. Hierbei war von Vorteil, dass die Reisenden die Waren meist günstiger als im Herstellungsland erwerben konnten. Auch wurden über das Versandhaus Genex Devisen erwirtschaften.
Der Genex-Kataloghandel richtete sich an Bürger der Bundesrepublik mit Verwandten und Bekannten in der DDR. Konnten DDR-Bürger nicht alle Produkte kaufen oder mussten sie auf Konsumgüter mitunter Jahre warten, so war eine Lieferung binnen weniger Wochen möglich, wenn die Bestellung über Genex erfolgte und die Rechnungen mit Devisen beglichen wurden. So wurden in den Katalogen Lebensmittel, Kleidung ja sogar ganze Häuser und auch Fahrzeuge der Marken Trabant, Wartburg und VW angeboten. Selbst bei den DDR-Fahrzeugen wurden die Autos kurzfristig geliefert, während DDR-Bürger mehrere Jahre warten mussten, sofern die Bezahlung mit Mark der DDR erfolgte.
Doch die über den Intershop und Genex erwirtschafteten Gelder konnten den Devisenbedarf nicht decken. So kaufte KoKo auch im westlichen Ausland kleinere Unternehmen auf, verwaltete SED-Parteibetriebe im westlichen Ausland (meist Bundesrepublik, Österreich; Treuhandfirmen auch in Lichtenstein, Luxemburg, Schweiz) und verkaufte letztlich sogar Waffen, Kunstwerke, und auch Reliquien aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zum Aufspüren dieser Kunstwerke bei Privatleuten und zur Absicherung der Geschäfte wurde eng mit den Fachabteilungen des MfS, der Zoll- und Steuerfahndung zusammengearbeitet. Koko profitierte auch von den Geldern aus Häftlingsfreikäufen, Müllexporten aus Westberlin, Blutplasmaexport, Textil- und Zigarettenschmuggel u.a. Außerdem wurden mit Geldern in Millionenhöhe an westlichen Waren- und Termingeldbörsen spekuliert. Das KoKo-Geflecht schien bei der Auflösung der Abteilung im März 1990 undurchschaubar, nur wenige hatten Einblick in die geheimen KoKo-Geschäfte. Für DDR-Normalbürger war der Bereich bis zur Wende 1989 völlig unbekannt.
Der Hauptsitz der Koko mit 100 Mitarbeitern und Dienstsitz Schalcks befand sich in Berlin-Mitte, Wallstraße 17-22 in einem unscheinbaren Neubau. Die eigentlichen Firmen des Bereichs mit jeweils bis zu 900 Mitarbeitern (meist deutlich kleiner) befanden sich in Objekten in und um Berlin.
Ein anderer wesentlicher Geschäftsbereich für den die erwirtschafteten Devisen wieder ausgegeben wurden, war die Beschaffung von Embargoware aus nichtsozialistischen Staaten und Westberlin (COCOM -Liste), insbesondere Hochtechnologie für den Aufbau der DDR-Mikroelektronikindustrie, komplette EDV-Anlagen und Militärtechnologie; allein 1986-90 Käufe für angeblich 900 Mio. DM.
Während ihres Bestehens konnte KoKo etwa 30 Milliarden DM erwirtschaften und unterhielt etwa 170 Firmen mit ca. 3.100 Mitarbeitern in der DDR und im kapitalistischen Ausland.
