Komparativer Kostenvorteil

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile bietet die Grundlage zur Erklärung der Vorteilhaftigkeit zwischenstaatlichen Handels auch in Fällen, in denen einer der Handelspartner sämtliche Güter weniger effizient produziert als der andere. In der Realität lässt sich dies vor allem auf Handelsbeziehungen zwischen hoch industrialisierten und niedrig industrialisierten Ländern anwenden.

Die Theorie des komparativen (v. lat.: comparare = vergleichen) Vorteils besagt, dass die Vorteilhaftigkeit des Handels zwischen zwei Ländern nicht von den absoluten Produktionskosten abhängt, sondern von den relativen Kosten der produzierten Güter zueinander. Grundsätzlich ist demnach der Handel zwischen zwei Ländern immer vorteilhaft, wenn bei beiden Handelspartnern unterschiedliche Produktionskostenstrukturen existieren, d.h. wenn ein Land für ein produziertes Gut auf weniger Einheiten eines anderen Gutes verzichten muss als das andere Land (niedrigere Opportunitätskosten). In diesem Fall sollte jedes Land sich auf das Gut spezialisieren, das es relativ günstiger herstellen kann.

Dabei ist zu beachten, dass nichts über die Verteilung des Handelsgewinnes oder die Effekte der Spezialisierung ausgesagt wird.

Eine anschauliche Erklärung des Phänomens bietet nachfolgendes Beispiel.

Inhaltsverzeichnis

Beispiel

Ein Beispiel: Es existieren zwei Länder, A-Land und B-Land, in beiden werden Tuch und Weizen produziert.

Tabellarisch dargestellt:

Produktionsmöglichkeit pro Stunde

Land Tuch Weizen
A-Land 10 100
B-Land 1 50

Zeitaufwand (=absolute Kosten) für jeweils eine Einheit der Ware in Stunden

Land Tuch Weizen
A-Land 0,1 (=1/10) 0,01 (=1/100)
B-Land 1 (=1/1) 0,02 (=1/50)


Man sieht: Das Verhältnis der absoluten Kosten im A-Land ist im Verhältnis 0,1 : 0,01 bzw. 10 : 1. Im B-Land ist das Verhältnis 1 : 0,02 bzw. 100 : 2. Relativ gesehen kann also das A-Land kostengünstiger Tuch und das B-Land kostengünstiger Weizen produzieren. Dies nennt man auch die komparativen Vorteile.

Bei beiden Produkten hat B-Land höhere absolute Kosten. Werden aber die Opportunitätskosten, d.h. die Menge Tuch, auf die verzichtet werden muss, um 100 Weizen zu erhalten (und umgekehrt) betrachtet, ergibt sich folgendes Bild:

Das B-Land muss nur auf 2 Tuch verzichten um 100 Weizen mehr zu produzieren, während A-Land für 100 Weizen auf 10 Tuch verzichten muss. Dieser geringere notwendige Verzicht ist der komparative Vorteil von B-Land in der Weizenproduktion.

Tabelle zu den komparative Kosten:

Land Verzicht für 100 Tuch Verzicht für 100 Weizen
A-Land 1000 10
B-Land 500 2


Wenn nun A-Land und B-Land nicht miteinander handeln und sich beide entscheiden, 8 Stunden Tuch und 2 Stunden Weizen zu produzieren, ergibt dies folgende Gesamtproduktion:

Land Tuch Weizen
A-Land 80 200
B-Land 8 100
Summe: 88 300

Entscheiden sich die beiden Länder nun, miteinander zu handeln und sich auf ihren komparativen Vorteil zu konzentrieren, d.h. A-Land produziert 10 Stunden nur Tuch, B-Land 10 Stunden nur Weizen, so ergibt sich folgendes Bild:

Land Tuch Weizen
A-Land 100 0
B-Land 0 500
Summe: 100 500


Durch den Handel und den dadurch effizienteren Arbeitseinsatz wird es also möglich, bei insgesamt unveränderter Arbeitszeit 12 Tuch und 200 Weizen mehr zu produzieren.

Ein weiteres Beispiel: Es existiert ein Rechtsanwalt der zudem noch der beste Schreibmaschinenschreiber im ganzen Ort ist. Weil er als Rechtsanwalt mehr Geld verdient, hat er einen komparativen Kostenvorteil gegenüber der Tätigkeit als Sekretär. Obwohl er einen absoluten Kostenvorteil in beiden Berufen gegenüber einer Sekretärin hat, lohnt es sich für ihn eine einzustellen, die weniger begabt ist als er. Betrachtet man den Standpunkt der Sekretärin: Sie hat als Sekretärin einen komparativen Kostenvorteil gegenüber der Tätigkeit als Rechtsanwalt. Sie ist ihrem Chef also am geringsten als Sekretärin unterlegen. Nun spezialisieren sich beide auf ihre besten Fähigkeiten und ziehen so den meisten Profit daraus.

Geschichte

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Das Konzept komparativer Kostenvorteile wurde von David Ricardo als Weiterentwicklung der Theorie der absoluten Kostenvorteile vorgestellt und ist ein Kernpunkt der Außenwirtschaftstheorie. Einige Ideen tauchten bereits bei David Hume auf.

Kritik

Es wird kritisiert, dass die Theorie der komparativen Kostenvorteile ein simples mathematisches Modell sei, mit dem Vorgänge in der realen Welt beschrieben werden sollen. Als Modell enthalte es jedoch bestimmte Grundannahmen, die in der realen Welt möglicherweise so nicht vorkommen.

Nach dem Modell des komparativen Kostenvorteil "einigen" sich die Länder darauf, sich jeweils auf die Produktion eines Gutes zu konzentrieren. Sie einigen sich zudem auf bestimmte Tauschverhältnisse. Das Modell sei daher auf eine Situation mit freier Konkurrenz, in der der Markt die Preise und Produktionsmengen bestimmt, nicht ohne weiteres anwendbar.

Das Modell des komparativen Kostenvorteils geht zudem davon aus, dass die Nachfrage der zu produzierenden Güter unbegrenzt ist. Daher könne es eine Situation nicht erfassen, in der das produktivere Land alle auf dem Markt nachgefragten Güter selbst herstellen kann. (Im unproduktiveren Land würde dann Arbeitslosigkeit entstehen.)

Die Produktionskosten verschiedener Länder werden in Form einfacher Variablen betrachtet. Es wird daher nicht die Struktur der Produktionskosten erfasst. Löhne sind Teil der Produktionskosten. Das Modell könne nichts darüber aussagen, wie sich die Lohnhöhe (und damit die Kosten) in freier Konkurrenz zwischen den Staaten entwickelt und welche Auswirkungen dies auf die Nachfrage nach den produzierten Gütern hat.

Ein reales Land enthält Menschen unterschiedlicher Fähigkeiten. Nur ein Teil dieser Menschen wird die Fähigkeiten besitzen, Produkte, die eine hohe Fähigkeit verlangen, zu produzieren. Bei Spezialisierung eines Landes auf ein Produkt, welches hohe Fähigkeiten verlangt, bleibt der unfähigere Teil der Bevölkerung arbeitslos.

Würfelt man beide oben genannten Beispiele einfach einmal zusammen, dann würden im einen Land alle Menschen Rechtsanwalt bzw. Rechtsanwältin und im anderen Land alle Menschen Sekretär bzw. Sekretärin.

Kritiker äussern insbesondere gravierende Bedenken gegen die Verwendung der Theorie zur Begründung von Vorteilen des Freihandels. Mit dem selben Modell könne man auch begründen, dass zwei Unternehmen (und nicht Staaten) nebeneinander am Markt existieren könnten, obwohl das eine Unternehmen in allen Bereichen unproduktiver arbeitet. Letzteres sei offensichtlich unzutreffend.

Literatur

Siehe auch

See also: Komparativer Kostenvorteil, Absoluter Kostenvorteil, Außenwirtschaft, David Hume, David Ricardo, Freihandel, Heckscher-Ohlin-Theorem, Komparativ, Latein, Opportunitätskosten