Konventionalismus
Der Konventionalismus (lateinisch conventio : Übereinkunft, Zusammenkuft) hat unterschiedliche Bedeutung in der Sprachphilosophie und der Wissenschaftstheorie.
- In der Sprachphilosophie ist der Konventionalismus eine Theorie, nach der Wörter und Zeichen ihre Bedeutung nur durch Konvention bekommen.
- In der konventionalistischen Wissenschaftstheorie ist es - vereinfacht gesagt - Konvention, ob wir als erste Grundlage der Wissenschaft die Natur beschreiben und dies durch Beobachtungen stützen, also aposteriorisch vorgehen; oder ob wir - im Anschluss an Kant - transzendentale Erkenntnissysteme a priori zu Grunde legen. Relevant wird dies besonders bei den Überlegungen zum Status der Geometrie als Wissenschaft. Ist sie als Protophysik zu konzipieren, oder ist sie empirisches Ergebnis von Forschungen. Die Konventionalisten sagen, dass beides möglich ist: Es ist "nur" Konvention.
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Zu den verschiedenen Formen des Konventionalismus
Der Konventionalismus tritt seitdem immer wieder in Erscheinung, nicht nur bei der philosophischen Durchdringung der Mathematik und der theoretischen Naturwissenschaften, sondern auch in anderen wie der Logik und Linguistik. Aus der Tatsache, dass bestimmte Sachverhalte mit gleicher Berechtigung durch verschiedene (euklidische und nicht euklidische) Geometrien, durch verschiedene (zwei- und mehrwertige) Logiken, durch verschiedene Sprachen und anderes beschreibbar sind, wird die These abgeleitet, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis wesentlich auf Konventionen beruhe.
Elemente des Konventionalismus sind vielfach in philosophischen Richtungen der Neuzeit enthalten, so im Neupositivismus (bei Eduard Le Roy (1870-1954), Rudolf Carnap und anderen) im Pragmatismus und im Operationalismus. Der radikale Konventionalist Kazimierz Ajdukiewicz vertritt die Auffassung, dass alle Urteile des Menschen durch die Erfahrungsdaten noch nicht eindeutig bestimmt sind, sondern auch von dem uns gewählten Begriffsapparat abhängen. Durch eine andere Wahl des Begriffsapparats könne das Weltbild der Menschen geändert werden.
Konventionalismus in der Wissenschaftstheorie
Zum Begründer des Konventionalismus Henri Poincaré und seinen Tendenzen
Als Begründer des Konventionalismus gilt der französische Mathematiker und Physiker Henri Poincaré. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die maxwellsche Theorie des elektromagnetischen Feldes nicht eindeutig auf mechanische Modellvorstellungen reduzierbar war, sondern auf vieldeutige Weise mit derartigen Vorstellungen in Verbindung gebracht werden konnte, kam er zu der Ansicht, dass die grundlegenden Axiome, Begriffe und Ideen der theoretischen Naturwissenschaft wie auch der Mathematik keine Widerspiegelung objektiv-realer Gegebenheiten seien, sondern lediglich konventionelle Festsetzungen zur bequemen und zweckmäßigen Ordnung des Erfahrungsmaterials, das aus Experimenten gewonnen werden konnte.
Aus der Krise der Physik am Ende des 19. Jahrhunderts, dem "allgemeinen Zusammenbruch der Prinzipien", zog er subjektiv-idealistische Schlussfolgerungen. Diese bestanden darin, dass er annahm, dass die Prinzipien nicht irgendwelche Kopien, Abbilder der Natur, nicht Abbildungen von irgend etwas außerhalb des menschlichen Bewusstseins Liegendem, sondern Produkte des Bewusstseins seien. Agnostizistische Auffassungen waren die Konsequenz dieser Denkweise: In der Wissenschaft könne man die wahre Natur der Dinge, das Wesen von Erscheinungen wie Wärme, Licht, Leben und anderes nicht erkennen.
Konventionalismus in der Relativitätstheorie
Am Beispiel der Diskussionen um die Deutung der Relativitätstheorie läßt sich der Konventionalismus gut illustrieren. Verkürzen sich bei sehr schnellen Bewegungen nur die Lineale oder auch die Geometrie? "Fließt" ein durch durch das Gravitationsfeld der Sonne abgelenkter Lichtstrahl durch den gekrümmten Raum oder bleibt der Raum "gerade"?
Die Antwort der Konventionalisten lautet: Es ist Konvention.
Durch die Arbeiten des Physikers Steven Weinberg und die Interpretation des Konstruktivisten Paul Lorenzen ist (Protophysik) auch eine konventionalistische Haltung zur Allgemeinen Relativitätstheorie möglich, etwa so, wie sie von Henri Poincaré eingenommen wurde (vgl. Robert M. Pirsigs Roman Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten - Ein Versuch über Werte Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values,1974).
Die relativistische Krümmung ist nämlich nur als Krümmung der Geodäte - etwa durch das jeweilige Gravitationsfeld - auffassbar und nicht als Krümmung einer Geraden in der Kinematik. Die "Metriken" der Feldgleichungen sind nicht zwingend geometrische Metriken. Also: Auch wenn man die empirischen Ergebnisse der allgemeinen Relativitätstheorie 100% akzeptiert, ist eine Änderung der euklidischen Raumauffassung dadurch nicht zwingend, sondern nur Konvention. (Vgl. Hinweise zur Diskussion Protophysik vs. Relativitätstheorie in Protophysik)
Literatur
- Henri Poincaré: Science et méthode, 1908
- Henri Poincaré: Dernières pensées, 1913
- Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten - Ein Versuch über Werte Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values,1974
