Yasuo Tanaka
Yasuo Tanaka (jap. 田中康夫 Tanaka Yasuo) (*4. April 1956 in Tokio) ist ein japanischer Schriftsteller und Politiker. Heute ist er Gouverneur der Provinz Nagano.
Kristall-Kids
thumb|350px|Auf der rechten Seite steht die Geschichte, auf der linken Seite nennen Fußnoten Verhaltensweisen, Adressen, Preise und englische Übersetzungen Tanaka wurde 1979 als Schriftsteller mit seinem Erstlingswerk "Kristall-Kids" (Originaltitel: "なんとなくクリスタル", nantonaku kurisutaru dt. 1987) schlagartig berühmt in Japan. "Kristall-Kids" setzte viele stilistische Standards für die gesellschaftliche Entwicklung im Japan der aufgehitzten japanischen "Seifenblasen-Wirtschaft", die mit ihrer Verrücktheit nach prestigevollen Markennamen als Statussymbolen, der Fixierung auf Reichtum und einer eitlen Dekadenz in den 80er Jahren begann und sich heute in China zu wiederholen scheint.
Kristall-Kids beschreibt den Alltag einer japanischen Studentin aus der Ich-Perspektive. In einem Interview, das Tanaka in der deutschen Ausgabe seines Buches gibt, gesteht er, dass ihn nicht so sehr eigene Erfahrungen, sondern die Beobachtung von Kommilitoninnen, und die Phantasie, wie das Leben dieser Studentinnen wohl so aussähe, während seiner eigenen Jahre an der Hitotsubashi-Universität zu dem Buch inspiriert hätten.
Das mittlere Drittel des Buches beschreibt ausschliesslich und in Details Sex, den die Studentin in einem Love Hotel hat.
Vor allem aber wegweisend sind die ständigen und präzisen Hinweise auf Dinge und Verhaltensweisen, die in sind, auf Zigaretten, Essmanieren, Kleidungsstile oder Musikstücke. In einer für einen Roman revolutionären Idee ist die japanische Ausgabe so strukturiert, dass die eigentliche Handlung des Romans auf den rechten Buchseiten erzählt wird, während auf den linken Buchseiten durch Fußnoten verlinkte praktische Hinweise auf den Roman stehen, so z.B. Hunderte von Adressen von Kleidergeschäften oder Cafés, die die Protagonistin gerade besucht, der Preis einer bestimmten Zigarettenmarke, die die Protagonistin gerade raucht, oder die japanische Übersetzung eines englischen Songs, den die Protagonistin gerade hört (in der deutsche Ausgabe wurden die Fußnoten oft dem zeitlichen und geographischen Abstand zur Originalausgabe entsprechend mit ironischer Distanz übersetzt).
Diese Sichtweise des "ich muss die äußeren Lebensbedingungen von jemand Coolem haargenau interpretieren, um selbst cool zu sein" stellt die Lebenseinstellung vieler Japaner dar. Der Einfluss des Buches auf die japanische Gesellschaft lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass in Japan unpraktischerweise Spaghetti-Gerichte immer nur mit Gabel, ohne Löffel (oder Messer) serviert werden. Diese Sitte kann auf eine Fußnote von Kristall-Kids zurückgeführt werden, in der Tanaka bei einer Szene im Restaurant (unkorrekterweise) anmerkt, in Italien selbst erhielte man nie einen Löffel zu Spaghetti.
Andere Romane
In der Folge verfasste Tanaka vier weitere Romane, die vor allem Sex zum Thema haben. Daneben veröffentlichte er seine Erfahrungen als freiwilliger Helfer beim Kobe-Erdbeben und als Gouverneur in Essay-Form.
Gouverneur
Tanaka wurde am 26. Oktober 2000 als unabhängiger Kandidat zum Gouverneur der Provinz Nagano gewählt, in der er den Großteil seiner Schulzeit verbracht hatte. Seine Wahl erfolgte gegen der erklärten Widerstand des politisch-wirtschaftlichen Establishments, die ihm öffentlich mangelnde Erfahrung vorwarfen. Teilweise wurde auch vermutet, dass sich Tanaka nach dem abnehmenden Interesse an seinen Büchern ein zweites Standbein und einen sicheren Ruhestand verschaffen wollte.
Tanaka machte sich bald einen Namen als bedingungsloser Anwalt der Volksinteressen. Er setzte eine Volksabstimmung über den Bau eines (von der Wirtschaft gewünschten und vom Provinzparlament beschlossenen) Dammes durch, obwohl das japanische Gesetz diese Form der Bürgerbeteiligung nicht vorsieht. Das Volk wandte sich gegen den Bau und das Parlament der Provinz, wiewohl nicht an das Ergebnis gezwungen, kippte den Plan.
Im Anschluss, viele sahen es als Rache, wurden Tanaka finanzielle Unregelmässigkeiten vorgeworfen und er wurde angeklagt. In allen Instanzen wurde er jedoch freigesprochen, zuletzt 2005 vor dem japanischen Obersten Gericht.
Er trat nach dem Auftreten der Vorwürfe (2002) sofort zurück (wie bei einem traditionellen Politiker hatte man Aussitzen und langsame Rufschädigung erwartet) und löste dadurch Neuwahlen des Gouverneursposten aus. Bei den Neuwahlen trat Tanaka erneut an und wurde mit überwältigender Mehrheit erneut zum Gouverneur gewählt.
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