Kritizismus

Der Kritizismus ( griech. kritike (techne): Kunst der Beurteilung) bezeichnet eine von Immanuel Kant eingeführte Bezeichnung für seine als Transzendentalphilosophie ausgeführte Erkenntnistheorie im Hinblick auf das von ihm geübte Verfahren der Prüfung der Bedingungen und der Voraussetzungen, des Umfangs und der Grenzen der Erkenntnis, das seiner Auffassung nach der Ausarbeitung jedes philosophischen Systems, jeder Weltanschauung voranzugehen hat. Kant verwendet die Bezeichnung "Kritizismus" vor allem zur Abgrenzung seiner Erkenntnistheorie gegenüber dem Dogmatismus der überkommenen Metaphysik, gegen den naturalistischen Empirismus und gegen den Skeptizismus.

Inhaltsverzeichnis

Zum Verhältnis im Kritizismus zum Dogmatismus

Unter Dogmatismus versteht Kant das allgemeine Zutrauen der Erkenntnis, ohne vorherige Prüfung des menschlichen Erkenntnisvermögens synthetische Urteile a priori über Gegenstände, insbesondere über solche aufzustellen und zu beweisen, die außerhalb möglicher Erfahrungserkenntnis, d.h. der Erkenntnis von Dingen in Raum und Zeit liegen. Die Sätze der Metaphysik sind synthetisch, insofern sie keine logisch wahren, d.h. keine auf Grund der bloßen Bedeutung der in ihnen auftretenden Begriffe wahren Sätze sind (z.B. 'Gott existiert'). Sie sind a priori, d.h. sie können durch den Fortgang der Erfahrung weder bestätigt noch widerlegt werden, weil ihren Subjektbegriffen und/oder Prädikatbegriffen auf Grund ihres logischen Inhalts kein Gegenstand möglicher Erfahrung korrespondieren kann (z.B. 'Gott').

Aus diesen Voraussetzungen folgt im Kritizismus, dass solche Sätze nicht den Status von Erkenntnissen haben können, weil der Umfang synthetischer Urteile a priori auf Grund ihrer Quelle auf Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung von Objekten in Raum und Zeit eingeschränkt ist. Daher ist metaphysische Erkenntnis von erfahrungstranszendenten Gegenständen unmöglich.

Zum Verhältnis im Kritizismus zum Empirismus

Unter "Empirismus" wird im Kritizismus die erkenntnistheoretische These verstanden, dass die alleinige originäre Quelle aller menschlicher Erkenntnis Sinnesdaten sind, auf welche sich die diskursiven Funktionen des menschlichen Denkens nur vergleichend, sondernd und verknüpfend beziehen, ohne an ihnen selbst erfahrungsunabhängige Vorstellungen von diskursiver Allgemeinheit und spezifischem Inhalt zu präsentieren. Im Kritizismus wird ausgesagt, dass sich alle menschliche Erkenntnis zwar auf Sinnesdaten bezieht, diesen aber dann und nur dann ein Objekt der Erkenntnis zugeordnet werden kann, wenn Funktionen der diskursiven Verbindung (als Synthesis) von Sinnesdaten zum Einsatz kommen, die als Grundbegriffe von der Einheit sinnlicher Anschauungen einen ursprünglichen logischen Inhalt besitzen, kraft dessen der Mensch die im Begriff eines Objektes zu denkende Einheit einer Vielfalt von Bestimmungen zu begreifen und eben damit auch zu rechtfertigen in der Lage ist.

Zur nicht hinreichenden Begründung der Anwendung der Kategorien zur Erkenntnis

Diese Grundbegriffe (als Kategorien) sind in genau dem Sinn von der Erfahrung unabhängig (also a priori), als sie die nicht den Sinnen entspringenden epistemischen Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung derjenigen Objekte sind, von denen der Empirismus spricht. Die Anwendung dieser Grundbegriffe auf die den Menschen in den Anschauungsformen von Raum und Zeit gegebene Materie der Sinnlichkeit (als Schematismus der Kategorien) führt daher zu einem System synthetischer Urteile a priori (u.a. dem Kausalitätsprinzip in der Fassung: Alle Veränderungen haben eine Ursache), deren Begründung in dem Nachweis besteht, dass ohne ihre universale Gültigkeit die Bezugnahme auf Dinge in Raum und Zeit als subjektunabhängige und intersubjketiv verfügbare Objekte der Erkenntnis unmöglich wäre. Der Nachweis, dass "mögliche Erfahrung" das Prinzip der Begründbarkeit synthetischer Urteile a priori ist, schränkt deren Klasse auf diese objektkonstituierenden Urteile und die Urteile der Mathematik ein.

Zum Verhältnis im Kritizismus zum Skeptizismus

Im Kritizismus wird daher nicht nur versucht, in ein und demselben Argumentation den Dogmatismus und den Empirismus, sondern auch den Skeptizismus als diejenige Position zu widerlegen, die ein allgemeines Mißtrauen gegen die erkenntnisleistende Funktion der Vernunft ohne vorhergehende Kritik ihres Vermögens richtet. Der Titel "Kritik der reinen Vernunft" indiziert die Abweisung des Anspruchs des theoretischen Denkens, mit Begriffen, die durch Erfahrung nicht belegt werden können (als Vernunftbegriffen), objektive Erkenntnis von den Gegenständen solcher Begriffe erwerben zu können. Diese Abweisung impliziert jedoch eine positive Theorie des 'reinen Verstandes' durch den Nachweis der nicht-empirischen begrifflichen Bedingungen der empirischen Erkenntnis selbst und damit auch die theoretische Dekonstruktion des Skeptizismus. In methodischer Hinsicht ist der Kritizismus als "Zweifel des Aufschubs" die Maxime des allgemeinen Mißtrauens gegen alle synthetischen Urteile a priori, bevor nicht ein allgemeiner Grund ihrer Möglichkeit in den Bedingungen des menschlichen Erkenntnisvermögens eingesehen worden ist.

Zur Grundregel des Kantschen Kritizismus

Das von Kant entwickelte Verfahren des Kritizismus richtet sich somit vor allem gegen die Unterschätzung der sinnlichen Stufe des Erkennntnisprozesses beim Zustandekommen von Erkenntnis, gegen das rationalistische Vorurteil, ohne sinnliche Grundlage, aus bloßen Begriffen (den Kategorien ) zu Erkenntnis kommen zu wollen, schließlich auch gegen die Behauptung, die sogenannten metaphysischen Grundprobleme (Gott, Seele, Unsterblichkeit) seien Gegenstände philosophischen Erkennens.

Die Grundregel des Kantschen Kritizismus lautet:

"Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht
 werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe blind. Daher ist es 
 ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d.h. ihnen den Gegenstand in der 
 Anschauung beizufügen), als, seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d.h. sie
 unter Begriffe zu bringen) .... Der Verstand vermag nichts anzuschauuen, und die Sinne
 nichts zu denken".(in: Kritik der reinen Vernunft).
 

Zur Rolle des Kritizismus im Neukantianismus und einer spezifischen Richtung

In der Geschichte der Erkenntnistheorie bedeutet der Kritizismus einen Knotenpunkt und einen Fortschritt, jedoch ist er keine hinreichende Lösung des Erkenntnisproblems. Im Neukantianismus wird der Kantsche kritizismus extrem subjektiv-idealistisch umgedeutet, "dass der Mensch alles schlechthin nur in dem Medium des menschlichen Bewußtseins erkennt, dass mithin auch alle Philosophie, wie überhaupt alle Wissenschaft, sich immer nur in der Sphäre menschlicher Gedanken und menschlicher Vorstellungen bewegen kann und dieser Sphäre niemals und unter keinen Umständen zu überschreiten vermag".(in: Otto Liebmann, Kant und die Epigonen, 1865)

Kritizismus als Synonym für 'kritische Philosophie' oder einfach 'Kritik' nannte sich auch die von Alois Riehl begründete, wenig wirksame Strömung innerhalb des Neukantianismus, die den Subjektivismus des übrigen Neukantianismus ablehnte; die Ding an sich - Lehre als wesentlicher Bestandteil der Kantschen Philosophie betrachtete, Philosophie als Weltanschauung zurückwies und lediglich Erkenntnistheorie im Sinne von Erkenntniskritik als einzig legitime philosophische Disziplin gelten lassen wollte.

Literatur

See also: Kritizismus, A priori, Alois Riehl, Apriorische Anschauungsformen, Ding an sich, Diskursiv, Dogmatismus, Empirismus, Epistemologisch, Friedrich Heinrich Jacobi