Kulturelles Kapital
Kulturelles Kapital ist ein Begriff, der durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu eingeführt wurde. Obwohl es sich um einen zentralen Begriff in Bourdieus Werk handelt, gibt es keine eindeutige Definition von "kulturellem Kapital". Grund für die Einführung des Begriffes ist die Erkenntnis, dass Besitz, also ökonomisches Kapital, nicht das einzige Kriterium für soziale Ungleichheit sein kann.
Versuch einer Definition: Kulturelles Kapital ist in der Regel mit Wissen gleichzusetzen, das einen Nutzwert für soziale Interaktionen besitzt. Eine grundsätzliche Eigenart ist also die Körpergebundenheit des kulturellen Kapitals. Den Kapitalcharakter erhält es dadurch, dass es - v.a. in der Familie von Eltern zu Kindern - weitergegeben wird und dass z.B. Eltern unterschiedlich viel eigenes kulturelles Kapital in ihre Kinder investieren können. Zudem ist es bedingt transformier- bzw. konvertierbar in ökonomisches Kapital, z.B. die Ausgabe von Geld für einen Kursus oder - umgekehrt - eine Gehaltserhöhung nach einer erfolgreichen Weiterbildung. Auch in der Weitergabe können die Kapitalformen transformiert werden, etwa wenn Eltern besonders viel Geld in die Ausbildung ihrer Kinder zwecks Erhöhung von deren kulturellen Kapital investieren.
Bourdieu greift bei der Bestimmung des kulturellen Kapitals auf Max Webers Unterscheidung von „Klassenlage“ (ökonomisch definiert nach „Marktchancen“ ) und „Klassenstand“ ( die „Stellung“ in der Hierarchie von Ehre und Prestige) zurück. Als „ständische Lage“ bezeichnet Weber „jede typische Komponente des Lebensschicksals, welche durch eine spezifische, positive oder negative, soziale Einschätzung der Ehre bedingt ist, die sich an irgendeine gemeinsame Eigenschaft knüpft.“ (Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft). Dieser ständischen Ehre zeigt man in seiner/ihrer „Lebensführung“, die bestimmte Handlungen zulässt oder sanktioniert.
Neben den ökonomischen Unterschieden spielen hier auch symbolische Unterscheidungen einen Rolle, bei denen es nicht mehr bloß um den Besitz von Gütern geht, sondern um die Art, sie zu verwenden und als Mittel der Distinktion einzusetzen.
Das Kulturelle Kapital teilt Bourdieu in drei Formen ein: Es kann demzufolge existieren in
- verinnerlichtem, inkorporiertem Zustand, in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus. Die meisten Eigenschaften des kulturellen Kapitals lassen sich auf diese Körpergebundenheit zurückführen. Die Bildung, also die Akkumulation von Kultur in korporiertem Zustand, benötigt einen Verinnerlichungsprozess. Diese Unterrichts- und Lernzeit gibt der/die Investor/in persönlich aus. Inkorporiertes Kapital ist damit Bestandteil der Person, es kann daher auch nicht durch Geschenk, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden. Auch die Primärerziehung in der Familie muss hier einberechnet werden, und zwar entweder als gewonnene Zeit oder als doppelt verlorene Zeit, weil zur Korrektur nichtlegitimer inkorporierter Habitus abermals Zeit eingesetzt werden muss. Einen besonderen Wert erhält diese Kapitalform durch Seltenheit (Der/die einzige Lesende unter Analphabet/innen), dadurch lässt sich Extraprofit schöpfen. Daher lebt diese Kapitalform gerade durch die Ungleichheit, dass nicht alle Familien in die Bildung der Kinder gleichviel an Kapital „investieren“ können. Die GewinnerInnen dieses Prozesses können dann die Spielregeln durchsetzen, welche Kultur eine legitime sei und welche nicht. Das inkorporierte kulturelle Kapital ist das am meisten verschleierte aller Kapitalsorten, vor allem hinsichtlich sozialer Ungleichheit. Einerseits führt die unterschiedliche Sozialisationsinstanz Familie zu unterschiedlichen Beginnzeiten der Aneignung legitimer Kultur, andererseits stellt sich die Frage, wie lange diese Familie einem Menschen die Zeit für Bildung „kaufen“ kann, also sich „Bildung“ leisten kann.
- in objektiviertem Zustand, „in Form von kulturellen Gütern, Bildern, Büchern, Lexika, Instrumenten oder Maschinen in denen bestimmte Theorien und deren Kritiken, Problematiken usw. Spuren hinterlassen oder sich verwirklicht haben“. Diese Kapitalformen sind materiell übertragbar. Ein Bild lässt sich zum Beispiel verkaufen. Damit wird jedoch nur der juristische Eigentumstitel des Bildes übertragen. Der Kauf setzt ökonomisches Kapital voraus, dennoch um den „eigentlichen Sinn“ des Bildes genießen zu können, muss der/die Käufer/in wohl auch ein gewisses Quantum an inkorporierten kulturellem Kapital besitzen.
- in institutionalisiertem Zustand, in der Form von Objektivation wie z.B. schulischen Titeln. Titel haben die Eigenschaft eine Grenze einzuziehen z.B. zwischen „Autodidakt/innen“, deren kulturelles Kapital unter permanentem Beweiszwang steht und dem kulturellen Kapital schulisch mit Titel Gratifizierter, also mit dem Zeugnis kultureller Kompetenz, mit „kollektiver Magie“ ausgestatteter. Der Titel ist eine Art Wechselkurssteigerung zwischen kulturellem und ökonomischem Kapital. In den "Feinen Unterschieden" versucht Bourdieu die Strategien der Herrschenden zu entlarven, Bildungstitel, die sich durch offeneren Hochschulzugang „entwerten“, mittels subtiler Ausschließung von Menschen aus beherrschten Klassen zu ersetzen. Eine der häufigsten Methoden, ein großes kulturelles Kapital zu akkumulieren, besteht darin den Eintritt in den Arbeitsmarkt zu verzögern, um mittels schulischer Bildung und Ausbildung legitime Titel zu erhalten, sowie Wissen zu inkorporieren. Das in der Familie verfügbare ökonomische Kapital spielt dabei, wie schon vorhin erwähnt, eine entscheidende Rolle . Die Umwandlung von diesem ökonomischen in kulturelles Kapital setzt dazu einen Aufwand an Zeit voraus, der durch die Verfügung über dieses ökonomische Kapital ermöglicht wird. Oftmals erwartet man sich bei dieser Strategie ein späteres höheres Einkommen und somit eine Rückverwandlung des kulturellen Kapitals in ökonomisches Kapital in der Form eines Profits. Auch das Soziale Kapital produziert und reproduziert sich über Tauschbeziehungen, wie gegenseitigen Geschenken, aber auch Gefälligkeiten, Besuchen und ähnlichem.
Literatur
- Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital - Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In: ders. (1993): Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 49-80.
