Lamarckismus

Der Lamarckismus bezeichnet eine Theorie des französischen Biologen Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck, die die direkte Anpassung der Organismen an ihre Umweltbedingungen auf Grund eines inneren "Vervollkommnungstriebes" und die Weitergabe von in der Individualentwicklung erworbenen Veränderungen auf die Nachkommen im Prozess der geschlechtlichen Fortpflanzung, d.h. durch Vererbung erworbener Eigenschaften, annahm.

Inhaltsverzeichnis

Zum "Vervollkommnungstrieb" als Kernstück des Postulats von Lamarck

Im engeren Sinne wird unter Lamarckismus der direkte Anpassungsvorgang der Organismen durch ein "inneres Fluidum" und den Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe verstanden. Diese Interpretation der biotischen Evolution entspricht dem Kernstück dieser Theorie. Lamarck erkannte die abgestufte Ähnlichkeit zwischen den unterschiedlich kompliziert aufgebauten Lebewesen, die Modifikation ihrer Strukturen und Funktionen infolge der Umweltanpassung und die dadurch gegebene Möglichkeit verbesserter Lebenserhaltung. Aus diesen Fakten schloß Lamarck, dass sich die Organismen in der Generationsfolge allmählich umgebildet haben müssen. Als Ursachen für diese Transformation postulierte er einen "Vervollkommnungstrieb" in den Lebewesen, den Gott der Materie ursprünglich eingegeben habe und durch den eine mit der generatio aequivoca einfachster Lebewesen beginnende kontinuierliche Progressionsbewegung vom Niederen zum Höheren ablaufe.

Zur Hilfshypothese der Vererbung bei Lamarck

Durch die Einflüsse der Umwelt werde diese linear-progressive Tendenz gestört, was zu Verzweigungen der Hauptentwicklungsrichtung und damit zu größerer Formenmannigfaltigkeit führe. Die Klima- und Umweltveränderungen bewirken bei den Pflanzen und nieder entwickleten Tieren direkte wie sowie bei höher entwickelten Tieren über das Nervensystem vermittelte Anpassungen. Als Hilfshypothese gliederte Lamarck die "Vererbung erworbener Eigenschaften" in sein Anpassungskonzept ein. 1815 präzisierte und komprimierte Lamarck sein in der "Philosophie zoologique" (1809) gegebenes Evolutionskonzept in folgenden vier Gesetzen:

Die vier Gesetze des Evolutionskonzepts bei Lamarck

Zu zwei Hauptbeispielen der Lamarckschen Theorie

Diese Schlussfolgerungen belegte Lamarck mit zahlreichen Beispielen wie:

Keine Anerkennung der Postulate Lamarcks in der Wissenschaft

Diese beiden Argumentationen sind besonders bekannt geworden. Lamarcks Verdienst bestand darin, in Umdeutung der statisch-zeitlosen Stufenleiter der Naturdinge eine erste, in sich konsistente biologische Evolutionstheorie aufgestellt zu haben, die die biotische Evolution auf kausale Mechanismen zurückzuführen versuchte. In Form des "Vervollkommnungstriebes" und des "inneren Fluidums" spekulierte er mit idealistischen Prämissen, die als Ursachen für einen mechanistisch verstandenen Anpassungsvorgang fungierten. Obwohl Lamarcks Theorie dem objektiv-realen Evolutionsgeschehen in manchen Punkten durchaus näher kam, fand er zu Lebzeiten damit keine Anerkennung.

Zu den Prinzipien des Lamarckschen Ansatzes

In der Geschichte der Biologie wurden verschiedene ekto- und autogenetische Prinzipien unter dem Terminus Lamarckismus subsumiert, die im weiteren Sinne den gerichteten Einfluß der Umwelt auf den Anpassungsprozess der Organismen erklären sollten. Etienne Geoffroy Saint-Hilaire ersetzte das "innere Fluidum" durch das ektogenetische "Prinzip der direkten Bewirkung", nach dem eine gerichtete Wirkung von den Umweltfaktoren auf den Bau der Tiere durch die Eigenschaften der lebenden Substanz erfolgen sollte (Geoffroyismus).

In der kritischen Auseinandersetzung um die Darwinsche Selektionstheorie wurden im Vorfeld der Aufklärung der erblichen Mechanismen der Variabilität "lamarcksche" Ursachen für den Anpassungsprozess neu belebt und/oder modifiziert. Dieser in vielen Varianten entstandene "Neolamarckismus" kann in zwei Hauptrichtungen zusammengefasst werden:

Zu den zwei Hauprichtungen des Neolamarckismus

1. Der "Mechanolamarckismus"

2. Der "Psycholamarckismus"

Zum Lamarckismus unter der Hinsicht der modernen Evolutionstheorien

Das Prinzip des "Vervollkommnungstriebes" und psychische bzw. vitalistische Faktoren bilden die Grundlage für idealistische Interpretationen der organischen Zweckmäßigkeit und der Finalorientiertheit der biotischen Evolution (als Teleologie). Die moderne Evolutionsforschung erkannte die organische Zweckmäßigkeit als Relationsbeziehung zwischen Organismus und Umwelt, die durch die natürliche Auslese vermittelt wird, das heißt dass eine Struktur oder Funktion nur in Beziehung auf die Umweltverhältnisse zweckmäßig ist. Der umfassende Ablauf der Evolution (Makroevolution) unterliegt zahlreichen Verzweigungen, die als Tendenzen in objektiv existierenden Möglichkeitsfeldern vorhanden sind und als stochastischer Prozess mit Wahrscheinlichkeitsübergängen in Abhängigkeit von den gegebenen Bedingungen realisiert werden, ohne a priori einem vorgegebenen Ziel zu folgen.

See also: Lamarckismus, 1809, 1815, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, A priori, Etienne Geoffroy Saint-Hilaire, Evolutionstheorie, Generatio aequivoca, Jean-Baptiste de Lamarck