Laufzeitstereofonie

Laufzeitstereofonie oder auch AB-Stereofonie ist ein bestimmtes Aufnahmeverfahren der Lautsprecherstereofonie, bei der zwei parallel (!) nach vorne zeigende Einzelmikrofone im gegebenen Abstand voneinander - das ist die Mikrofonbasis - und in einer passenden Entfernung zum Klangkörper als Hauptmikrofonsystem angeordnet werden. Bei den dazu verwendeteten Mikrofonen handelt es sich überwiegend um solche mit der Charakteristik Kugel, wenn auch ohne Einschränkungen alle anderen Richtcharakteristiken dazu verwendet werden können.

Zwischen den Mikrofonen entstehen Laufzeitdifferenzen ∆ t und somit automatisch auch Phasendifferenzen, die eine Stereoabbildung auf der Lautsprecherbasis bei der Wiedergabe ermöglichen. Dabei wird das psycho-akustische Phänomen ausgenutzt, dass der Mensch mit seinen Ohren aufgrund von Laufzeit-Unterschieden die Richtung von Schallquellen lokalisieren kann. Die Laufzeitunterschiede ∆ t zwischend den Lautsprechersignalen sind nicht mit den sich an den Ohren ergebenden Laufzeitunterschieden ITD (Interaural Time Difference) zu verwechseln.

Wichtig ist bei der Laufzeitstereofonie die Wahl der Mikrofonbasis, also der Abstand der Mikrofone zueinander, der in der Praxis 20 cm bis 2 Meter betragen kann. Damit wird der Aufnahmebereich des Mikrofonsystems bestimmt.
Die manchmal bei einem Hauptmikrofonsystem gewählte Basisbreite zwischen den Mikrofonen von 20 cm, die angeblich mit dem Abstand der beiden Ohren an unserem Kopf zu tun haben soll, führt zu einer nicht voll ausgenutzten Lautsprecherbasis. Kopfabmessungen haben jedoch nichts mit Lautsprecherstereofonie zu tun.[1] Bei einer zu großen Mikrofonbasis entsteht durch das Drängen der Schallquellen in die Richtung der Lautsprecher der Effekt vom sogenannten "Loch in der Mitte".

Reine Laufzeitstereofonie gibt es nicht, denn durch die unterschiedliche Distanz der Mikrofone zur Schallquelle ergibt sich immer auch ein gewisser Pegelunterschied, der zusätzlich Auswirkung auf die Richtungslokalisation hat. Eine Laufzeitdifferenz zwischen einer und zwei Millisekunden (∆ t = 1 bis 2 ms) führt zu einer Hörereignisrichtung von 100%, also voll aus der Richtung eines Lautsprechers. Siehe: [2]. Jede größere Laufzeitdifferenz lässt die Phantomschallquelle allein aus einer Lautsprecherrichtung erschallen. Hierbei wirkt auch der Präzedenzeffekt ("Gesetz der 1. Wellenfront", Haas-Effekt, precedence effect). Perkussive Signale, Knacke und hohe Frequenzen benötigen eine kleine Laufzeitdifferenz in der Nähe von 1 ms für volle Auslenkung der Hörereignisrichtung in die Richtung eines Lautsprechers, hingegen brauchen weich einschwingende Signale und tiefe Frequenzen eine deutlich größere Laufzeitdifferenz bis hin zu etwas mehr als 2 ms für die volle Auslenkung. Die jeweilige Auslenkung der Phantomschallquelle auf der Lautsprecherbasis wird mit Hörereignisrichtung bezeichnet.

Früher war diese Aufnahmeart wegen der Nichtkompatibilität zu Mono besonders beim Rundfunk nicht gern gesehen.

Zur Theorie der Laufzeitstereofonie, insbesondere der Erzeugung der Interchannel-Signale (Lautsprechersignale) und zum Aufnahmebereich der AB-Hauptmikrofonsysteme, siehe [3] oder unten den Weblink: "Theoriegrundlagen der Laufzeitstereofonie".

Eine Tonaufnahme mit einem Hauptmikrofonsystem wird häufig noch durch Stützmikrofone ergänzt.

AB-Mikrofonsysteme haben unterschiedliche Aufgaben, die man sorgfältig auseinanderhalten sollte.

Notwendigerweise strebt man bei der Stereoaufnahme für die nahen "Direktsignale", die als Phantomschallquellen im Klangbild im Vordergrund stehen, unbedingt eine möglichst gleichmäßige Verteilung (!) auf der Lautsprecherbasis an. (Siehe: Hörereignisrichtung. Wenn dieses nicht gegeben ist, dann kann das bestimmte Laufzeitstereofoniesystem als Hauptmikrofon nicht brauchbar sein.

Dieses Zumischmikrofonsystem mit einer Basisbreite von etwa 1,20 m AB (Kugeln) steht in einem gewissen Abstand hinter dem nicht zu nah an den Schallquellen aufgebauten Hauptmikrofonsystem. Das bringt "Leben" in den aufgenommenen Klang und "Luft"- sowie Umhüllungsgefühl für tiefe Frequenzen, auch die Tiefenstaffelung nimmt zu und der Klang gewinnt an Größe; natürlich nur in guten akustischen Räumen - also nicht im Wohnzimmer! aufgrund der Unähnlichkeit der Signale zum Hauptmikrofon ergeben sich keine hörbaren Kammfiltereffekte. Die für gleichmäßige Schallquellenverteilung meistens zu große Mikrofonasis ist weniger kritisch, weil die in dieser Funktion erzeugten Signale nicht unbedingt richtungsgebend sein müssen.

Beim Aufstellen eines "AB-Raummikrofonsystems" braucht man sich eher keine Gedanken über eine gleichmäßige Verteilung der Raumsignale zu machen (warum eigentlich nicht?), denn man lebt mit dem hinzugemischten Links-Rechts-Flanken-Raum, der eine bestimmte Zumischpegelhöhe nicht überschreiten darf, um nicht doch noch als Fehler auffällig hörbar zu werden. Im Extremfall wird dazu je ein Grenzflächenmikrofon links und rechts an der Seitenwand des Konzertsaals angebracht. Durch die sehr große Mikrofonbasis gibt es eine Räumlichkeit aus dem linken Lautsprecher und eine aus dem rechten Lautsprecher. Das ist der typische "Flanken"-Raum, der sich dennoch problemlos in Maßen ins Klangbild einfügen lässt.

Es gibt auch Theoretiker, die ein ORTF-Stereosystem als Raummikrofon vorschlagen, das von der Schallquelle wegzeigt.

Siehe auch

Intensitätsstereofonie | Äquivalenzstereofonie | ORTF-Stereosystem | NOS-Stereosystem | EBS-Stereosystem | Interchannel-Signal | Lokalisation (Akustik) | Hörereignisrichtung | Abstandsgesetz | Stützmikrofon | Kunstkopf | binaural | Druckmikrofon | Druckgradientenmikrofon | Mikrofon | Stereofonie | Wellenfront | Summenlokalisation | Phantomschallquelle | Aufnahmebereich |

Weblinks

See also: Laufzeitstereofonie, Abstandsgesetz, Akustik, Aufnahmebereich, Basisbreite, Binaural, Druckgradientenmikrofon, Druckmikrofon, EBS-Stereosystem, Hörereignisrichtung