Leib-Seele-Problem

Das Leib-Seele-Problem stellt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen körperlichen (Leib) und geistigen Vorgängen (Denken, Seele, Bewusstsein).

Die Grundfragen sind dabei folgende:

Im Laufe der Debatte haben sich drei Grundpositionen herausgebildet, die vereinfacht folgendermaßen lauten:

Der Begriff Leib-Seele-Problem wird meist gleichbedeutend mit dem Begriff Körper-Geist-Problem verwendet.

Seit die Biologie, v.a. die Neurobiologie im 20. Jhd. begann, sich mit ähnlichen Fragen zu beschäftigen, gibt es eine lebhafte Debatte zwischen Philosophen und Neurobiologen.

Auch die KI-Forschung und die Kognitionswissenschaft sind dabei, die Diskussion zu versachlichen und entscheidend zu beeinflussen.

Durch die Arbeiten auf den verschiedensten Wissenschaftsgebieten verlagert sich das Problem weg von einer mehr theoretisch philosophischen Diskussion hin zu praktischen, experimentell überprüfbaren und anwendungsorientierten Einzelfragen.

Inhaltsverzeichnis

Relevante Wissenschaftsgebiete

Philosophie

Das Leib-Seele-Problem ist ein klassisches Problem der abendländischen Philosophie. Bereits seit der griechischen Antike herrschte im Abendland die Auffassung vor, der Mensch habe einen Körper und eine Seele.

René Descartes hat das Leib-Seele-Problem in der neuzeitlichen Philosophie aufgeworfen, indem er zwar den dualistischen Standpunkt vertrat, dass es zwei Substanzen gibt - res extensa (Materie) und res cogitans (Bewusstsein) nämlich. Aus empirischen Gründen sah er sich jedoch zur Annahme einer Wechselwirkung zwischen beiden genötigt.

Die gegenseitige Beeinflussung findet seiner Meinung nach nicht direkt statt, sondern durch die Vermittlung eines feinen, stoffartigen Fluidums, der Lebensgeister (spiritus animales) nämlich, die sich in den Nervenbahnen bewegen und die der Seele Stöße erteilen oder von ihr solche empfangen. Eine wichtige Rolle spielt für Descartes in diesem Zusammenhang auch die Zirbeldrüse: Descartes hielt sie für die Schnittstelle zwischen Materie und Geist.

Diese "Brücke", die Descartes vom Leib zur Seele schlug, rief jedoch schon bald Kritiker auf den Plan, die nach alternativen Erklärungen suchten. Die philosophiegeschichtlich ersten waren die Okkasionalisten Arnold Geulincx und Nicolas Malebranche. Sie lehrten, dass Gott bei der Gelegenheit (occasio) menschlicher Empfindung wie menschlicher Handlung die Kluft zwischen Leib und Seele überbrückt. Beide sind dabei von der Unmöglichkeit einer Wechselwirkung zwischen Leib und Seele überzeugt, da Leib und Seele völlig heterogene Substanzen seien. Malebranche spricht von „assistentia supernaturalis“.

Spinoza erarbeitete mit seiner Theorie vom psychophysischen Parallelismus einen weiteren Lösungsansatz zur Lösung der Probleme des cartesianischen Dualismus. Dazu bediente er sich einer vollständig einheitlichen Deduktion nicht nur aller materiellen, sondern auch aller geistigen Erscheinungen. Der Kernbegriff in Spinozas Theorie ist dabei derjenige der Substanz; aus ihr leitet er sein ganzes philosophisches Lehrgebäude ab. Die seelischen und die körperlichen Vorgänge sind dieselben Vorgänge an der Substanz - einerseits unter dem Attribut der Ausdehnung, andererseits unter dem Attribut des Denkens. Für sich betrachtet stellen einerseits seelische, andererseits körperliche Vorgänge nach Spinozas Ansicht in sich geschlossene Reihen dar, die völlig voneinander isoliert parallell laufen.

In Leibniz´ Lehre von der prästabilierten Harmonie gibt es Elementarteilchen, die Monaden, aus denen sowohl Materie als auch das Bewusstsein bestehen. Monaden sind in etwa in Analogie zur Geometrie zu denken: jeder Gegenstand besteht aus unendlich vielen Monaden, und doch ist jede einzigartig. Die Seele eines Menschen (heute würde man vom Bewusstsein sprechen) ist jedoch nur eine einzige Monade. Laut Leibniz interagieren Monaden nicht miteinander. Er muss also nicht nur das Leib-Seele-Problem lösen, sondern auch erklären, wie Ursache-Wirkungsbeziehungen im Allgemeinen funktionieren. Er behauptet daher, Gott habe alle Monaden so geschaffen, dass sie sich zusammengenommen so verhalten, als gäbe es Kausalitätsbeziehungen - und Interaktion zwischen Leib und Seele. Leibniz ist damit Determinist.

Ludwig Feuerbach meint, das Leib-Seele-Problem aufheben zu können, indem er herausstellt, dass dieses Problem ja allererst durch eine künstliche Isolierung von Körper und Seele zustande gekommen sei.

Für Friedrich Nietzsche ist der Leib das Primäre: "Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe. Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt. Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du 'Geist' nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft. 'Ich' sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist - woran du nicht glauben willst - dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich."

Pierre Teilhard de Chardin meint, dass das Bewusstsein in der Materie angelegt ist und dass es aber erst durch die Evolution der Lebensformen in steigendem Maße zur Entfaltung kommt.

Dagegen vertritt Hans Jonas - in Ablehnung des von Seiten der Naturwissenschaften postulierten materialistischen Monismus - einen "vermittelnd" dualistischen Ansatz, indem er Geist und Materie als zwar wesensmäßig getrennt, aber trotzdem in Interaktion stehend konzipiert. Dabei verzichtet er bewußt auf eine genaue Verortung der Transaktionen (vgl. "Descartes' Zirbeldrüse"), und spekuliert stattdessen bei seinem Lösungsversuch auf Phänomene der theoretischen Physik, genauer, der Quantenphysik.

Für Vertreter der analytischen Philosophie sind viele Probleme der klassischen Philosophie, insbesondere der Metaphysik, auf verfehlten Sprachgebrauch zurück zu führen. Das gilt auch für das Leib-Seele-Problem, das nach ihrer Ansicht auf einem Kategorienfehler beruht.

Im Computerzeitalter bekommt das Leib-Seele Problem eine neue Aktualität: Was unterscheidet den Menschen von intelligenten Maschinen?

Biologie

Bereits in der Zusammenarbeit von Nukleinsäuren und Proteinen in jeder lebenden Zelle kann man eine Analogie zum Körper-Geist Problem erkennen: In den Nukleinsäuren steckt die Information ( der Bauplan) und in den Aminosäuren die wirksame Funktion. Es ist bis heute nicht geklärt, über welche der beiden Stoffarten die Entwicklung des ersten Lebens lief. War es eine Nukleinsäurewelt oder eine Aminosäurewelt.

Weitere Analogien mit Schnittstellen zwischen informationsverarbeitendem System und funktioneller Endstrecke zeigen sich im Immunsystem und im Hormonsystem.

Entscheidende Beiträge zum Körper-Geist Problem kann die Biologie durch die vergleichende Sinnesphysiologie bieten. Viele Tierarten habe andere oder schärfere Sinne als der Mensch. Auch hier tritt dann die Frage auf: Wie werden die Informationen der Außenwelt im Gehirn der Tiere aufgenommen, weiterverarbeitet und gespeichert?

Die Biologie zeigt, auf welchen verschiedenen Ebenen die Verschaltung zwischen Sinneszellen, Nervensystem und beispielsweise den Muskeln funktioniert. Sie zeigt, dass einfache, schnelle Reflexbogen neben hochkomplexen und sehr langsamen geistigen Verarbeitungsschritten in ein und demselben Organismus nebeneinander existieren.

Die Biologie zeigt durch ihren evolutionären Ansatz auf, dass sich das menschliche Nervensystem als Träger des Geistes sowohl ontogenetisch als auch phylogenetisch aus einfacheren Vorstufen entwickelt hat. Außerdem gibt die Biologie einen Hinweis auf eine Hauptfunktion des menschlichen Geistes: Er soll uns helfen, in unserer Umwelt besser zurechtzukommen und zu überleben.

Psychologie

Ansätze dieser Thematik lassen sich auch in der psychophysischen Wahrnehmungsforschung, genauer in der dimensionalen Psychophysik finden. Gustav Theodor Fechner veröffentlichte 1860 die zweibändigen "Elemente der Psychophysik" und begründete damit die experimentelle Psychologie. Seine Forschungen in diesem Bereich waren eindeutig durch die Beschäftigung mit dieser metaphysischen Frage motiviert (Kap. II), wobei sie jedoch nicht als Rechtfertigung bzw. Zurückweisung einzelner metaphysischer Punkte dienen sollte. Die ganze Lehre teilt sich auf in eine innere und äußere Psychophysik, wobei erstere das direkte empirische Gegenstück zur Leib-Seele-Problematik darstellt.

Die Wahrnehmungspsychologie und in ihr insbesondere die Gestaltwahrnehmung ist die eigentliche Domäne, in der sich das Leib-Seele-Problem offenbart; denn das Wahrnehmungserleben in der psychischen Persönlichkeitsschicht baut sich auf den Wahrnehmungsfunktionen in der physischen Schicht auf. Die traditionelle Auffassung des so genannten "Leib-Seele-Problems" in Philosophie und Wissenschaft einschl. der Psychologie besteht darin, dass zwischen den folgenden zwei Faktengruppen unterschieden wird:

und dass es zwischen diesen Gruppen Wechselwirkungen gibt, die man sich nicht erklären kann. Da man zur Bezeichnung des Problems irgendein beliebiges Wort aus der Gruppe X mit einem beliebigen Wort aus der Gruppe Y kombiniert und die Wechselwirkung zwischen ihnen als "XY-Problem" bezeichnet, gibt es mehrere konkrete Bezeichnungen für ein und denselben Sachverhalt, so z. B. auch "Materie-Bewusstsein-" oder "psychophysisches" oder "mind-matter" Problem. Kein bisheriger Erklärungsversuch fand allgemeine Anerkennung. Das gilt sowohl für die monistischen Erklärungsversuche, in denen die mit den Wörtern der einen Gruppe gemeinten Entitäten auf die mit den Wörtern der anderen Gruppe gemeinten Entitäten zurückgeführt werden sollen, womit den reduzierten Entitäten eine Eigenständigkeit abgesprochen wird, als auch für die dualistischen Erklärungsversuche, in denen zwei eigenständige Entitäten angenommen werden.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde zur Erklärung der in "Leib und Seele" verlaufenden visuellen Gestaltwahrnehmung die "Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens" entwickelt. In ihr wurden aus den o.a. synonym verwendeten Wörtern, die nur zwei verschiedene Dinge bezeichnen, fünf definierte wissenschaftliche Begriffe. Danach sind Körper (Leib), Seele (Psyche) und Geist drei aufeinander aufbauende Persönlichkeits-Schichten und als solche "Niederschlag" von drei Evolutionsstufen; sie untergliedern die Wirklichkeit ("Alles was ist") sozusagen "vertikal". Materie und Bewusstsein dagegen sind völlig anderer Art; sie untergliedern als zwei in der Evolution nacheinander aufgetretene Seinsweisen (oder Seinsbereiche) die Wirklichkeit "horizontal". Völlig neu in Philosophie und Wissenschaft ist die Annahme einer dritten Seinsweise (F), die "zwischen" der "materialen" Seinsweise ("Materie" M) und der "phänomenalen" Seinsweise ("Bewusstsein" C =consciousness) liegt. Es ist die "funktionale Seinsweise"; sie trennt Materie und Bewußtsein voneinander (was das M-C-Problem ausmacht); sie verbindet sie aber auch miteinander, was zur Lösung des Problems führt. In der o.a. Theorie (und ihrer Nachfolge-Version) werden die Verbindungen von der materialen über die funktionale zur phänomenalen Seinsweise für die visuelle Wahrnehmung differenziert dargestellt. Aus diesem, drei Seinsweisen umassenden, "trialistischen" Leib-Seele-Modell wurde das "quadrialistische" Modell der Gesamtwirklichkeit entwickelt, dem als vierte die "ordinale"Seinsweise angehört.

Pharmakologie

Viele chemische Stoffe können direkt in die Abläufe unseres Gehirns eingreifen und damit auch unser Denken beeinflussen. Die Forschungen auf diesem Gebiet haben neue Einsichten in das Verhältnis zwischen Körper und Geist gebracht. Auch die Untersuchung von Drogen zeigt die enge Wechselwirkungen von Chemie und Denkinhalten. Stoffe die direkt unser Gehirn beeinflussen können sind zum Beispiel Coffein, Schokolade, Zucker, Alkohol, Antidepressiva, Schlafmittel, Schmerzmittel, Cannabis, Antipsychotika, Lithium, L-Dopa Testosteron, Thyroxin, Oxytocin, Adrenalin

Medizin

Informatik

Literatur

Einführungen in das Problem

Originaltexte für wissenschaftlich interessierte Anfänger

Sonstige

Weblinks


Siehe auch: Psychophysischer Parallelismus, Qualia, Nervensystem, Okkasionalismus, Wille, Sinnesorgan, Erkenntnistheorie, Epiphänomen, Gestaltpsychologie

See also: Leib-Seele-Problem, 1860, Antonio Damasio, Attribut, Behaviorismus, Bewusstsein, Damasio, Debatte, Deduktion, Denken