Litauische Sprache

(Litauisch) (lietuvių kalba)
Gesprochen in: Nordeuropa (Litauen, Weißrussland, Lettland, Polen, Russland)
Sprecher: 4 Millionen (2,9 Mio. in Litauen)
Linguistische
Klassifikation:
Offizieller Status
Amtssprache in: Litauen, Europäische Union
Sprachcodes
ISO 639-1: lt
ISO 639-2: lit
SIL: LIT

Die Litauische Sprache (Litauisch) gehört zur östlichen Gruppe der baltischen Sprachen innerhalb der indoeuropäischen Sprachen. Litauisch ist Amtssprache in Litauen. Besonders archaische Dialekte des Litauischen werden im Nordwesten Weißrusslands gesprochen, auch die litauische Minderheit in Polen (um Suwałki) spricht Litauisch.

Der Language Code ist lt bzw. lit (nach ISO 639).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Litauisch ist eng verwandt mit der lettischen Sprache und der ausgestorbenen altpreußischen Sprache. Vom Lettischen hat sie sich im Mittelalter (7./8. Jh.) abgespalten. Sie zeichnet sich durch viele erhaltene altertümliche grammatische Formen auf, die sich zum Teil auch im Sanskrit wiederfinden; unter allen lebenden europäischen Sprachen ist Litauisch am nächsten mit dem indischen Zweig der Indoeuropäischen Sprachen verwandt. Trotz des heute kleinen Sprachraumes lassen sich mehrere Idiome unterscheiden, die in zwei Großgruppen unterschieden werden: Aukštaitisch (Oberlitauisch) und Žemaitisch (Niederlitauisch). In der geschriebenen Sprache hat sich das dem Aukštaitischen zuzurechnende Idiom der Region Suvalkija durchgesetzt. Besondere Verdienste um die Erforschung des Litauischen erwarb sich im 19. Jahrhundert August Schleicher, der als Philologieprofessor an der Prager Universität 1856/57 das erste wissenschaftliche Handbuch der litauischen Sprache in 2 Bänden veröffentlichte.

Seit dem 1. Mai 2004 ist Litauisch eine der Amtssprachen in der EU.

Alphabet

Litauisch: a ą b c č d e ę ė f g h i į y j k l m n o p r s š t u ų ū v z ž
Deutsch: a a b z tsch d ä ä e f g h i i i j k l m n o p r s sch t u u u w s sch
IPA: a b c ʧ d ɛ ɛː f g ɣ i j k l m n o p r s ʃ t u ʋ z ʒ

Dass ą, ę į und ų sowie ū längere Vokale sein sollen ist im Gesprochenen aber kaum hörbar, dient vielmehr im Geschriebenen zur Unterscheidung zwischen Nominativ und Akkusativ bzw. Instrumental und Genitiv Plural. Ebenso ist das e einem kurzen ä (wie das 'e' im Wort 'Dreck') ähnlich, das ė hingegen entspricht eher dem deutschen e (siehe IPA) . z und ž sind stimmhaft wie im Französischen 'Balzac' bzw. 'Orange', das r wird stark gerollt, wie in den slawischen Sprachen - schwierig zum Beispiel bei trys broliai = drei Brüder. Die Buchstaben f und w sind dagegen in litauischen Worten unbekannt (zum Beispiel auch Prancuzija für Frankreich), während das f aber im Alphabet vorkommt, ist ein deutsches w immer ein v.

Eigenheiten

Typisch für die litauische Schriftsprache ist der Umstand, dass ausländische Lehnwörter und auch Eigennamen der Aussprache folgend "litauisch" wiedergegeben werden (z.B. Gerhardas Šrederis für Gerhard Schröder oder Džordžas Bušas für George Bush), sowie das Anhängen der Endung -as, -is oder -us an maskuline, und eines -a oder an feminine Substantive, auch wenn es sich um ausländische Worte handelt (z.B. šlagbaumas, ananasas, vunderkindas - aber: taksi, kino(teatras)). Aktuell in der Diskussion ist die Umbenennung des 'Euro', der unter diesem Namen in allen bisherigen EU-Mitgliedsstaaten bekannt ist, in die grammatisch "richtige" Form 'Euras'. Allerdings wird die "Lituanisierung" von weniger bekannten Eigennamen nicht immer vorgenommen. So etwa bleiben im Sportteil der Zeitung viele Namen in ihrer Originalschreibweise und werden lediglich um die Endung "korrigiert", zum Beispiel O'Neil'as.

Grammatik

Das Litauische ist in seiner Grammatik sehr streng logisch aufgebaut und dem Lateinischen ähnlich, insbesondere in seiner Fixierung auf die Endungen zur Angabe des Kasus und in der unbeschränkten Voranstellung bestimmenden Adjektiven und Substantiven vor dem eigentlichen Substantiv und deren Verschränkung. Zur näheren Bestimmung eines Substantives ist dabei der Genitiv von essenzieller Bedeutung. Zwei Beispiele:

Das Litauische kennt keine Artikel und kommt im Wesentlichen mit drei Zeiten aus (einmalige Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft; selten wird die mehrmalige Vergangenheit verwendet), die sehr regelmäßig gebildet werden. Es gibt auch nur eine Konjunktivform, die in der Vergangenheit mit Partizipien kombiniert wird. Auffällig sind zahlreichen Partizipformen, die sich in dieser Vielfältigkeit nur in der litauischen Sprache erhalten haben. Für jede Zeitform exisitert ein aktives und passives Partizip (lediglich für die dem Litauischen eigene Zeitform der mehrmaligen Vergangenheit existiert nur ein aktives Partizip). Mit Hilfe dieser Partizipien lassen sich neben den reinen Zeiten auch zusammengesetzte Zeitformen im Aktiv und Passiv bilden. Allerding ist darauf zu achten, dass sämtliche dieser Partizipien streng nach Zahl, Genus und Kasus des Handlungsträgers gebeugt werden. Zu diesen Partizipen gesellen sich noch spezielle Formen des Gerundiums sowie verschiedene Adverbialpartizipen.


Sehr logisch aber auch eigenwillig ist die Deklination der Substantive abhängig von der Anzahl:

Beispiele: 1 vyras = 1 Mann, 2 vyrai = 2 Männer, 10 vyrų = 10 Männer, keleta vyrų = einige Männer; interessant hierbei: ein Bier im Restaurant zu bestellen ist: "vieną alaus" wobei "vieną" = "ein" (im Akk.) und "alaus" = "des Bieres" (also Genitiv), da dazwischen das Wort Glas/Krug mitgedacht werden muss (also: "ein Glas des Bieres") - entsprechend bestellen Sie zwei Bier ebenfalls: "du alaus" = "zwei (Gläser) des Bieres".

Es gibt 5 Beugungsklassen im Litauischen. Substantive, die auf -as, -ias, -ys oder -jas enden, gehören der 1. Klasse an; die auf -a, -ia oder enden der 2. Klasse; die auf -us oder -ius enden der 4. Klasse; und die auf -uo enden der 5. Klasse. Substantive, die auf -is enden, stellen eine Schwierigkeit bei der Beugung dar, da sie entweder zur 1. Klasse gehören können oder zur 3. Klasse. Bei der Beugung erhalten die Substantive, je nachdem welcher Beugungsklasse sie angehören, in jedem der sieben litauischen Fälle eine charakteristische Endung:

1. Klasse:

Nom. S. -as -ias -is -ys -jas Nom. Pl. -ai -iai -iai -iai -ja
Gen. S. -o -io -io -io -jo Gen. Pl. -ių -ių -ių -jų
Dat. S. -ui -iui -iui -iui -jui Dat. Pl. -ams -iams -iams -iams -jams
Akk. S. -ią -ją Akk. Pl. -us -ius -ius -ius -jus
Instr. S. -u -iu -iu -iu -ju Instr. Pl. -ais -iais -iais -iais -jais
Lok. S. -e -yje -yje -yje -juje Lok. Pl. -uose -iuose -iuose -iuose -juose
Vok. S. -e,-ai -e -i -y -jau Vok. Pl. -ai -iai -iai -iai -jai

2. Klasse:

Nom. S. -a -ia Nom. Pl. -os -ios -ės
Gen. S. -os -ios Gen. Pl. -ių -ių
Dat. S. -ai -iai -ei Dat. Pl. -oms -ioms -ėms
Akk. S. - ią Akk. Pl. -as -ias -es
Instr. S. -a -ia -e Instr. Pl. -omis -iomis -ėmis
Lok. S. -oje -ioje -ėje Lok. Pl. -ose -iose -ėmis
Vok. S. -a -ia -e Vok. Pl. -os -ios -ės

3. Klasse:

Singular Plural
Nom. -is -ys
Gen. -ies -ių
Dat. -iai (m.)/-iui (w.) -ims
Akk. -is
Instr. -imi -imis
Lok. -yje -yse
Vok. -ie ys

Die Endungen lauten in der 4. und 5. Klasse Singular:

Nom. -us -ius -uo -uo -uo
Gen. -aus -iaus -(e)ns -(e)rs -(e)sio
Dat. -ui -iui -(e)niui -(e)riai -(e)siui
Akk. -ių -(e)nį -(e)rį -(e)sį
Instr. -umi -iumi -(e)niu -(e)ria -(e)siu
Lok. -uje -iuje -(e)nyje -(e)ryje -(e)syje
Vok. -au -iau -(e)nie -(e)rie -(e)si

Die Endungen lauten in der 4. und 5. Klasse Plural:

Nom. -ūs -iai -(e)nys -(e)rys -(e)siai
Gen. -ių -(e)nų -(e)rų -(e)sių
Dat. -ums -iams -(e)nims -(e)rims -(e)siams
Akk. -us -ius -(e)nis -(e)ris -(e)sius
Instr. -umis -iais -(e)nimis -(e)rimis -(e)siais
Lok. -uose -iuose -(e)nyse -(e)ryse -(e)siuose
Vok. -ūs -iai -(e)nys -(e)rys -(e)siai

Vokabeln:


Bei der Beugung litauischer Verben sollte man wissen, zu welcher Beugungsklasse sie gehören. Erkennen kann man das nur an der Endung der 3. Person Singular. Anhand dieser Endungen in der 3. Person Singular werden in der Gegenwart drei und in der einmaligen Vergangenheit zwei Beugungsklassen unterscheiden: Gegenwart: 1. Klasse -a oder -ia, 2. Klasse -i, 3. Klasse -o; einmalige Vergangenheit: 1. Klasse -o, 2. Klasse . Ist das Verb reflexiv, wird an die Endsilbe die Endung -si angehängt. In der Grundform enden Verben immer mit -ti, reflexive Verben immer mit -tis.


1. Klasse Gegenwart:

-a -asi (reflexiv) -ia -iasi (reflexiv)
1. Pers. S. -u -uosi -iu -iuosi
2. Pers. S. -i -iesi -i -iesi
3. Pers. S. -a -asi -ia -iasi
1. Pers. Pl. -ame -amės -iame -iamės
2. Pers. Pl. -ate -atės -iate -iatės
3. Pers. Pl. -a -asi -ia -iasi

2. Klasse (-i) und 3. Klasse (-o) Gegenwart:

-i -isi (reflexiv) -o -osi (reflexiv)
1. Pers. S. -iu -iuosi -au -ausi
2. Pers. S. -i -iesi -ai -aisi
3. Pers. S. -i -isi -o -osi
1. Pers. Pl. -ime -imės -ome -omės
2. Pers. Pl. -ite -itės -ote -otės
3. Pers. Pl. -i -isi -o -osi

Vokabeln:


1. Klasse (-o/-jo) und 2. Klasse (-ė) einmalige Vergangenheit:

-o -osi (reflexiv) -jo -josi (reflexiv) -ėsi (reflexiv)
1. Pers. S. -au -ausi -jau -jausi -iau -iausi
2. Pers. S. -ai -aisi -jai -jaisi -ei -eisi
3. Pers. S. -o -osi -jo -josi -ėsi
1. Pers. Pl. -ome -omės -jome -jomės -ėmė -ėmės
2. Pers. Pl. -ote -otės -jote -jotės -ėtė -ėtės
3. Pers. Pl. -o -osi -jo -josi -ėsi

Vokabeln:


In der mehrmaligen Vergangenheit und in der Zukunft gibt es keine Beugungsklassen. Die Beugung ist bei diesen Zeitformen bei allen regelmäßigen Verben gleich:

mehrmalige Vergangenheit mehrmalige Vergangenheit (reflexives Verb) Zukunft Zukunft (reflexives Verb)
1.Pers. S. -davau -davausi -siu -siuos
2. Pers. S. -davai -davaisi -si -sies
3. Pers. S. -davo -davosi -s -sis
1. Pers. Pl. -davome -davomės -sime -simės
2. Pers. Pl. -davote -davotės -site -sitės
3. Pers. Pl. -davo -davosi -s -sis


Das Verb būti (sein):


Das Verb turėti (haben, aber auch müssen i.S.v. ich habe etwas zu tun):


Die Höflichkeitsform "Sie" wird mit dem Personalpronomen der 2. Person Plural ausgedrückt. Allerdings wird in diesem Fall dieses Personalpronomen groß geschrieben:


Die Beugung der Personalpronomina erfolgt auf diese Weise:

Singular 1. Person 2. Person 3. Person (m.) 3. Person (w.)
Nom. tu jis ji
Gen. manęs tavęs jo jos
Dat. man tau jam jai
Akk. mane tave
Instr. manimi tavimi juo ja
Lok. manyje tavyje jame joje
Plural 1. Person 2. Person 3. Person (m.) 3. Person (w.)
Nom. mes jūs jie jos
Gen. mūsų jūsų
Dat. mums jums jiems joms
Akk. mus jus juos jas
Instr. mumis jumis jais jomis
Lok. mumyse jumyse juose jose

Das litauische Adjektiv steht vor dem Substantiv und stimmt in Genus, Numerus und Kasus mit dem Substantiv, das es begleitet, überein. Mögliche männliche Endungen von Adjektiven sind -as, -ias, -us und -is; mögliche weibliche Endungen sind -a, -ia, -i und . Beim Steigern eines litauischen Adjektivs wird für den Komperativ -esn- und für den Superlativ -(i)aus- zwischen den Wortstamm und den männlichen bzw. weiblichen Endungen eingefügt:

Grundform 1. Stufe 2. Stufe
Ez. m. -(i)as / -us -esnis -iausias
Ez. w. -(i)a / -i -esnė -iausia
Mz. m. -i / -ūs -esni -iausi
Mz. w. -(i)os -esnės -iausios

Die Beugung des Adjektiv:

Adjektive lassen sich leicht in Adverbien umwandeln. Dabei werden die männlichen Adjektiv-Endungen durch folgende Endungen ersetzt:

Beim Steigern der Adverbien wird an den Adjektiv-Stamm (= Adjektiv ohne Endung) die Endung -iau für die 1. Stufe und die Endung -iausiai für die 2. Stufe angehängt.

Vokabeln:

Wortschatz

Der Wortschatz des Litauischen kommt in der Alltagssprache mit deutlich weniger Worten aus als das Deutsche, ein Wort wie 'metas' heißt im Singular etwa 'Zeit(punkt)', im Plural 'metai' aber Jahr, das Wort 'vakaras' heißt 'Westen' und aus diesem Ursprung synonym auch 'Abend', 'vakar' dementsprechend gestern. Im Gegensatz zum Lettischen hat das Litauische nur wenige Fremdwörter übernommen (vorwiegend Lehnwörter aus dem Russischen und einige wenige aus dem Polnischen und dem Deutschen). Eine eigene Kommission, die direkt bei der Regierung angesiedelt ist, wacht über die Reinheit der litauischen Sprache. Teilweise werden auch neue Wörter kreiert, um nicht Anglizismen zu übernehmen. Ein populäres Beispiel ist das Wort 'žiniasklaida' für Medien (wörtlich: Nachrichtenausbreiter), das sich im Alltagsgebrauch durchgesetzt hat. Der Computer heißt dagegen schlicht 'kompiuteris'. Ein lustiges Beispiel eines älteren Lehnwortes aus dem Deutschen ist das Wort 'biški' für deutsch 'bisschen'.

Litauisch hat vier sekundäre Lokalkasus entwickelt: Inessiv (zB miške "im Wald"), Illativ (zB miškan "in den Wald (hinein)"), Adessiv (zB miškiep "am Wald"), Allativ (zB miškop "zum Wald"). Heute stehen jedoch nur Inessiv und Illativ in Verwendung, wobei der Illativ fast immer mit einer Präpositionalphrase paraphrasiert wird (zB į mišką statt miškan). Der Allativ ist relikthaft in Adverbien erhalten, zB galop "am Ende", velniop "zum Teufel". Der alte indoeuropäische Lokativ ist ebenfalls nur relikthaft erhalten, zB namie "zu Hause" (vgl. Inessiv name "im Haus"). Auch der Instrumental kann teilweise eine Lokalbedeutung innehaben, zB mišku "durch den Wald". Allativ und Adessiv werden zum Teil noch in litauischen Dialekten in Weißrussland verwendet.


Einige Redewendungen:

Literatur

Weblinks

Litauische Wörterbücher:

Litauische Sprachkurse:

Litauische Musik:

Sonstiges:


Kategorie:Einzelsprache

See also: Litauische Sprache, 1. Mai, 1856, 1857, 19. Jahrhundert, 2004, Adessiv, Allativ, Altpreußische Sprache