Literarizität

Literarizität, nach dem Muster Profession/professionell/Professionalität gebildetes Substantiv zur Vervollständigung der Wortgruppe Literatur und literarisch. Der Begriff (neben dem, parallel konstruiert, man zuweilen auch den Begriff "Poetizität" findet) trägt dem Umstand Rechnung, daß seit dem 19. Jahrhundert zwar der Bereich der sprachlichen Überlieferung die "Literatur" bildet, daß dabei jedoch nur ein kleiner Bereich "literarischer" Werke die eingehendere Würdigung der Literaturkritik findet - im wesentlichen: Werke, die zuvor unter dem Wort Poesie firmierten und Romane. "Literarizität" bezeichnet den literarischen Anspruch eines Werkes und kann - so die mit dem Wort verbundene Grundannahme - stärker oder schwächer in einem Text ausgebildet sein.

Aus der Poesie-Diskussion übernommen: Die Frage nach der mit Kunst veredelten Sprache

Aussagen, worin Literarizität eines Textes, das "Literarische" greifbar wird, gibt es in der gesamten Bandbreite der Diskussionen, die die Literaturdiskussion im Lauf des 19. Jahrhunderts übernahm, als sie Poesie und Romane zu ihrem neuen Thema machte (siehe hierzu die Stichworte Literatur und Literaturgeschichte. Hier ist zum einen eine Abgrenzung des "Poetischen" von der Alltagssprache ein Untersuchungsfeld, wobei der Umstand, daß Poesie seit Mitte des 18. Jahrhunderts vermehrt auch Prosa zuerkannt wird, für erhebliche Abgrenzungsprobleme sorgt. 'Poetisch' im weitesten Sinne sei, so etwa Roman Jakobson, 'bearbeite Sprache', eine solche, auf die gewisse wiedererkennbare Formalismen angewendet worden sind. Da diese Formalismen (beispielsweise Reim, Rhythmus, rhetorische Stilfiguren) selbst wiederum eine Art Sprache (ein System an konventionalisierten Aussagen) bilden, könne man Literarizität selbst als Sprache denken, die auf Sprache angewendet wird. Die Wiederholung phonetischer, semantischer und syntaktischer Elemente im Text, werde so ein Merkmal von Literarizität, sie schaffe ästhetische Qualitäten, die über die einfache Aussage hinausgehen und einen bestimmten Satz mehr werden lassen als Umgangssprache und direkte Aussage. ("Milch macht müde Männer munter" kann unter dieser Prämisse der Aussage "Milch ist gesund" gegenübergestellt werden: Die phonetische Alliteration weist, so die Theorie, in der Ästhethik, die sie sucht, über die Botschaft hinaus und macht den Satz im selben Moment für die Produktwerbung interessant.)

Aus der Roman-Diskussion übernommen: Die Frage nach den Signalen der Kunst in der Fiktion

Der zweite Bereich der Definitionskriterien entstammt in historischer Perspektive der Romandiskussion, der sich die Literaturdebatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zuwandte. Die wesentlichen Vorgaben machte hier Pierre Daniel Huet mit seinen Erwägungen in De Interpretatione (1661) und im Traitté de l'origine des romans (1670) - mit den beiden Titeln, die bahnbrechend die theologische Textinterpretation auf das Gebiet der poetischen Fiktionen übertrugen. Die Literaturgeschichtsschreibung, die sich zwischen 1830 und 1860 als Diskussion der nationalen Sprachkunstwerke neudefinierte, übernahm Huets Fragen und gewann ihnen durch den analytischen Blick auf die poetischen Fiktionen jeweiliger Nationalität politische Brisanz ab. Fiktionalität wurde im selben Moment - neben Poetizität - das zweite der beiden bestimmenden Merkmale der im engeren Sinne literarischen Texte und damit die zweite Seite der "Literarizität".

Die zumeist vertretenen Theorien unterstellen dem fiktionalen Text ein "uneigentliches" Sprechen. Seine Bedeutung finde das Erzählte nicht in der Aussage, dies sei zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen, sondern darin, daß es davon unabhängig berichtenswert werde, als mustergültig, erinnerungswürdig, auffällig, imitierenswert oder als Warnung zu notieren. Das Forschungsproblem ist als letztlich unlösbares an dieser Stelle die Frage, woran sich klärt, daß ein bestimmter Text mit dem, was er referiert, diesen zweiten Status der Rezeption beansprucht. Beliebige einzelne Passagen "realistischer" Romane lassen keine Rückschlüsse darauf zu, ob sie aus Romanen entstammen oder (Auto-)biographien respektive journalistischen Texten entnommen sind. Das Gesamt des literarischen Werks scheint zumeist die eindeutigere Aussage zu erlauben, dies ist Literatur. In Paratexten (Klappentexten, den Formulierungen auf Titelblättern, die eine spannende Lektüre versprechen, in Gattungszuweisungen wie "Roman" im Untertitel) können offen Rezeptionsvorgaben vermittelt werden, die auffordern, das vorliegende unabhängig von der Frage, ob dem Berichtet Wahrheit zukommt, zu genießen. Die im Blick auf Literarizität interessante Frage ist an selber Stelle, ob nicht letztlich trotzdem fast immer der Text selbst auch nach wenigen Worten schon seinen Fiktionalitätstatus offenbart - durch spezifische narratologische Muster (im Geschichtenaufbau), die als Konvention des fiktionalen Terrains erkannt werden, durch eine spezifische Leserführung, die mit Mitteln der Rezeptionsästhetik in der Textanalyse dingfest gemacht werden kann, durch eine spezifische Wahl von Sujets, die konventionell dem Bereich künstlerisch ausgestalteter Fiktionen vorbehalten ist (das Gebiet der Genreforschung wie der Erforschung literarischer Stoffe, Motivkreise und Thematiken).

Siehe auch das Stichwort Literarisch


Kategorie:Literarischer Begriff Kategorie:Literaturwissenschaft Kategorie:Literaturgeschichte

See also: Literarizität, Fiktion, Genre, Literarisch, Literatur, Literaturgeschichte, Motiv (Literatur), Narratologie, Paratext, Poesie