Lyrisches Ich
Der Ausdruck Lyrisches Ich bezeichnet in der Literaturwissenschaft den fiktiven Sprecher oder die Stimme eines Gedichts (Lyrik). Das sprechende Subjekt des Gedichts wird dadurch von der realen Person des Autors unterschieden. In erzählenden Werken (Epik) spricht man nicht vom lyrischen Ich, sondern vom Erzähler, der verschiedene Erzählperspektiven einnehmen kann.
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Bekenntnis des Autors oder lyrisches Ich?
Ein klassisches Beispiel, am dem der Unterschied zwischen Autor und lyrischem Ich sich deutlich zeigt, ist das (von den Herausgebern so genannte) Gedicht Hildegunde von Walther von der Vogelweide. In diesem mittelalterlichen "Liebesgedicht" in fünf Strophen handelt Walther von unterschiedlichen Aspekten und Problemen der Liebe - um, so scheint es, im letzten Wort der letzten Zeile des Gedichts den Namen seiner Geliebten, "Hiltegunde", zu offenbaren.
Frühe Interpreten mittelalterlicher Lyrik zu Zeiten der Aufklärung und Romantik sahen darin ein persönlich gestimmtes Liebesbekenntnis Walthers. Dieser Deutung widersprachen spätere Interpreten, die darauf hinwiesen, dass mittelalterliche Literatur nur in den seltensten Fällen im Sinne moderner Subjektivität gelesen werden kann. Im konkreten Fall von Walthers Gedicht wurde überzeugend dargelegt, dass der Verweis auf eine "Hiltegunde" nicht etwa als persönliches Liebesbekenntnis gelesen werden kann, sondern es sich um eine Anspielung auf das Liebespaar Walther und Hildegunde handelt, deren Geschichte im Waltharius überliefert ist.
Beispiel
- An Luise (Joseph von Eichendorff)
- Ich wollt in Liedern oft dich preisen,
- Die wunderstille Güte,
- Wie du ein halbverwildertes Gemüte
- Dir liebend hegst und heilst auf tausend süße Weisen,
- Des Mannes Unruh und verworrnem Leben
- Durch Tränen lächelnd bis zum Tod ergeben.
- Doch wie den Blick ich dichtend wende,
- So schön still in stillem Harme
- Sitzt du vor mir, das Kindlein auf dem Arme,
- Im blauen Auge Treu und Frieden ohne Ende,
- Und alles lass ich, wenn ich dich so schaue -
- Ach, wen Gott lieb hat, gab er solche Fraue!
In diesem Gedicht gibt es ein sehr präsentes lyrisches Ich. Vier mal wird "ich" gesagt, einmal "mir"; daneben gibt es noch ein lyrisches Du, das im Titel "Luise" genannt wird. Eine biografische Interpretationsweise würde nun im Leben des Dichters nach einer Luise suchen und das Gefühl, das im Gedicht zum Ausdruck kommt, auf eine bestimmte Situation im Leben des Dichters zu übertragen versuchen.
Isoliert man jedoch das lyrische Ich von der realen Person des Autors, wird klar, dass diese Vorgehensweise wenig sinnvoll ist. Denn das lyrische Ich spricht davon, seine Angebetete "in Liedern oft" preisen zu wollen; "doch wie den Blick ich dichtend wende,/ (...) alles lass ich, wenn ich dich so schaue". Das lyrische Ich gibt also die Dichtung auf, angesichts der angebeteten Frau, die das 'halbverwilderte Gemüt' des Sprechers 'hegt und heilt'. Nicht so der Autor Eichendorff: Er schreibt munter ein Gedicht und ist schon deshalb nicht mit dem lyrischen Ich des Gedichts identisch. Zugespitzt gesagt: Hätte Eichendorff in diesem Moment getan, was das lyrische Ich sagt: "Und alles lass ich, wenn ich dich so schaue", hätte er das Gedicht nicht geschrieben.
Das lyrische Ich ist also eine fiktive Figur, die dazu dient, die Figur des Dichters der (ebenso fiktiven) Figur der Frau gegenüber zu stellen. Dadurch wird der Dichtung eine bestimmte Rolle und Haltung zugewiesen. Damit ist über Eichendorffs eigenes Verhalten und über die reale Rolle der Dichtung noch nichts gesagt. Man könnte jedoch von einer Selbstinszenierung des Dichters unter der Maske dieses lyrischen Ichs sprechen.
Ein lyrisches Ich muss also zunächst vom Autor getrennt gesehen werden. Es kann jedoch, wie gezeigt, auch wieder auf vielfältige Weise auf den historischen Autor rückbezogen werden. Das lyrische Ich kann verschiedene Funktionen und Rollen einnehmen, weshalb man auch von Rollenprosa oder von den Masken (auch: personae) des Autors spricht.
Bedeutung des Begriffs für die Literaturwissenschaft
Die biografische Deutung von Literatur war in der idealistischen Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderst häufig anzutreffen, sehr extrem beispielsweise bei Wilhelm Dilthey. Jedes Gedicht wurde primär auf eine biografische Erfahrung des Dichters zurückgeführt, ohne dass sein sprachlicher Charakter und seine formalen Eigenschaften (Versmaß, innere Bezüge usw.) berücksichtigt wurden.
Eine systematische Kritik der biografischen Interpretation von Literatur wurde zuerst von den russischen Formalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Für die moderne Literaturwissenschaft bedeutete die Einführung des Begriff des lyrischen Ich eine Abwendung von der rein biografischen Lesart von Literatur. Stattdessen wird Literatur heute als potenziell weitgehend autonome Kunstform verstanden. Natürlich können in ein literarisches Werk Elemente aus dem Leben des Autors (Biografie) einfließen; man kann die Literatur aber in ihrer Eigenart nur begreifen, wenn man sich in erster Linie den Kunstcharakter eines literarischen Werks vor Augen führt.
Literatur
- Wolfgang G. Müller: Das lyrische Ich. Erscheinungsformen gattungseigentümlicher Autor-Subjektivität in der englischen Lyrik. Heidelberg 1979
- Sorg, Bernhard: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Tübingen 1984
- Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Bern, Stuttgart ²1990
- Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. Tübingen 1998
Siehe auch: Erzähler | Rhetorik
