Matriarchat

Das Matriarchat (von lat. mater - Mutter und griech. arché - Beginn/Ursprung; auch Herrschaft) ist eine gynozentrische Gesellschaftsstruktur, in der - je nach der verwendeten Definition - die Frauen die Macht innehaben, oder die frauenzentriert ist, d. h. dass sich die Gesellschaftsordnung um die Frauen herum organisiert. Begrifflich wird oft nicht unterschieden zwischen der Herrschaft von Müttern (mater) und der Herrschaft von Frauen. Kriterien und Definitionen, wann eine Gesellschaft als matriarchalisch und wann sie als patriarchalisch eingestuft wird, sind strittig. (Vgl. den Kontrastbegriff Patriarchat.)

Für Vertreter des differentialistischen Zweiges der Frauenbewegung und des philosophischen Marxismus bedeutet das Matriarchat eine von den meisten Historikern bestrittene Zeit der Ur- und Frühgeschichte, in der die Frauen geherrscht haben sollen ("arché" also im Sinne von "Herrschaft"); sozusagen als theoretischer Gegensatz zum Patriarchat, dem Vaterrecht. Bei den Theorien, die in diesem Bereich anzutreffen sind, vermischen sich oft utopische Elemente mit historischen Fakten. Gesellschaften mit Frauenherrschaft hat es jedoch nach heutigem Stand der Wissenschaft, wenn, dann nur als temporäre historische Ausnahmeerscheinungen gegeben (siehe Amazonenvölker), jedoch nie als stabile, dauerhafte Gesellschaftsform.

Umstritten ist, ob Frauen in vorgeschichtlicher Zeit vor Einführung von Ackerbau und Viehhaltung (siehe Neolithikum und Neolithisierung) eine wichtigere Stellung in der Gesellschaft einnahmen, wie manchmal behauptet wird. Ob solche Denkformen überhaupt sozialhistorisch nachgewiesen werden können, ist ungewiss. Schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit gibt es nicht, da - definitionsgemäß - vorgeschichtliche Kulturen die Schrift noch nicht kannten. Archäologische Methoden stoßen bei dieser Thematik an ihre Grenzen.

Der Begriff Matriarchat enthält immer auch eine gewisse Wertung und wird deshalb oft im Zusammenhanng mit feministischen Ansätzen verwendet. Nicht zu vergessen ist jedoch bei diesem Thema die verwandtschaftsethnologische Grundlage, nämlich die Matrilokalität und die Matrilinearität. Das Thema Matriarchat stieß schon im 19. Jh. auf großes Interesse und wird heute durch die Matriarchatsforschung, einem jungen, interdisziplinär arbeitenden Forschungszweig, fortgeführt.

Inhaltsverzeichnis

Versuch einer Definition

Zu der Frage, was das Matriarchat letztendlich definiert, gibt es unterschiedliche Positionen und Ansatzpunkte. Göttner-Abendroth hat folgende Kriterien definiert:

  1. Soziale Merkmale: Die Sippen sind matrilinear strukturiert (Abstammung von der Mutterlinie) und werden durch Matrilokalität zusammengehalten (Wohnsitz bei der Mutterlinie). Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen. Biologische Vaterschaft ist neben der sozialen Vaterschaft zweitrangig.
  2. Politische Merkmale: Das politische System basiert auf Konsensdemokratie auf verschiedenen Ebenen (Sippenhaus, Dorf, Regional). Delegierte agieren als Kommunikationsträger zwischen den verschiedenen Ebenen. Es handelt sich um so genannte segmentäre Gesellschaften, die sich durch das Fehlen einer Zentralistanz auszeichnen (regulierte Anarchie).
  3. Ökonomische Merkmale: Es handelt sich meistens um Garten- oder Ackerbaugesellschaften. Es wird Subsistenzwirtschaft betrieben. Land und Haus sind im Besitz der Sippe und kein Privateigentum. Die Frauen haben die Kontrolle über die wesentlichen Lebensgüter. Das Ideal ist Verteilung und Ausgleich und nicht Akkumulation. Dieser Ausgleich wird durch gemeinschaftliche Feste erreicht. Es handelt sich um so genannte Ausgleichsgesellschaften.
  4. Weltanschauliche Merkmale: Der Glaube, in der eigenen Sippe wiedergeboren zu werden, und der Ahnenkult bilden die Basis der religiösen Vorstellungen. Die Welt gilt als heilig. Die Erde als die Große Mutter garantiert die Wiedergeburt und Ernährung allen Lebens. Sie ist die eine Urgöttin, die andere Urgöttin ist die kosmische Göttin als Schöpferin des Universums. Es handelt sich um sakrale Gesellschaften.

Damit hat Göttner-Abendroth einen sehr umfassenden Kriterienkatalog erstellt. Kein Konsens herrscht in der Frage, ob es bei strenger Anwendung aller Kriterien derzeit Matriarchate gibt (bei Konversionen zu Islam oder Christentum, Aufgeben der Clanhäuser und somit Abkehr von der Matrilokalität, Abkehr von Subsistenzwirtschaft etc.). Weniger Zweifel dürfte es hingegen bei selektiver Anwendung einzelner Kriterien geben.

Matrilinearität und Herrschaft

Das Verwandtschaftssystem sagt noch nichts über die politische Machtverteilung einer Kultur aus. So hat eine matrilineare Verwandtschaftsorganisation nicht automatisch die Konsequenz, dass Frauen die poltitische Macht innehaben. Es ist eine Gemeinsamkeit aller von der Matriarchatsforschung als Matriarchate definierten Gesellschaften, dass repräsentative Aufgaben außerhalb der Sippe von den Männern wahrgenommen werden, was bei Ethnologen immer wieder zum Fehlschluß führte, Männer hätten die politische Macht inne.

Wenn weiblichen Häuptlingen oder Clan-Vorständen jeweils männliche gegenüberstehen, ergibt sich daraus ein allgemeines Prinzip der Ämterdoppelung. In matriarchalen Gesellschaften ist es üblich, die Verantwortung für Ämter auf zwei Personen zu verteilen, die nicht selten genau denselben Aufgabenbereich zu betreuen haben. Wie Henry Lewis Morgan für die Irokesen feststellt, resultiert daraus ein Zwang zu Absprachen und zu einem regelmäßigen Wechsel der Führungsrolle.

Das Prinzip der Ämterteilung entspricht der Übereinkunft auf allen gesellschaftlichen Ebenen, wo sich jeweils reziproke Hälften gegenüberstehen. Das kann innerhalb eines Clans oder einem Gefüge aus mehreren Clans sein, die sich untereinander als Geschwister verstehen. Solche dualen Institutionalisierungen sind eine Verwirklichungsform des Prinzips der Gegenseitigkeit, das auch anderen Institutionen zugrunde liegt (vgl. hierzu Lévi-Strauss, Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft).

Entgegen den Vermutungen sind matrilineare Gesellschaften nicht automatisch "friedlicher" als patrilineare. Einige Matrigesellschaften zeichnen sich sogar durch eine ausgeprägte Kriegsmentalität aus. Die Nayar in Südindien waren eine Kriegerkaste, Irokesen und Huronen bildeten Kriegsbünde, die Bororo waren im zentralbrasilianischen Hochland gefürchtet und die Munduruku bedrängten große Teile des Amazonasgebietes.

Matriarchale Völker

Die Ethnologie kennt auch heute noch auf allen Kontinenten (außer in Europa) Ethnien mit matrilinearen Abstammungsregeln (von denen manche zusätzlich die Matrilokalität praktzieren): die Khasi und die Nayar in Indien, die Irokesen in den USA, die Tuareg in Nordafrika etc. Heute weisen diese Kulturen oftmals aufgrund von kolonialer Vereinnahmung, Missionierung oder wegen Interaktionsprozessen mit angrenzenden Nationen oft nicht mehr alle Züge ihrer ursprünglichen Kultur auf.

Die Minangkabau auf Sumatra werden als das größte bekannte matrilineare Volk bezeichnet, und sie haben bis heute das Adat, ihr ungeschriebenes Gesetz, bewahrt. Insgesamt über drei Millionen Menschen leben noch nach diesem tradierten Regeln. In Handel, Verwaltung, Wirtschaft, Politik, Kultur sind sie sehr aktiv und gelten in Indonesien als ein Volk von hoher Bildung, Kultur, Weltoffenheit und großer Wirtschaftskraft. Die Minangkabau hatten ursprünglich matrilokale Wohnsitzregeln, heute sind jedoch Kernfamilien eine gängige Lebensform. Durch die amerikanische Anthropologin Peggy Reeves Sanday sind die Strukturen der Minangkabau hervorragend dokumentiert, weil die Forscherin jahrelang unter ihnen lebte. Die Minangkabau sind Moslems, was im ersten Moment überraschend wirkt. Die starke Stellung des Bruders der Mutter, die typisch ist für matrilineare Gesellschaften, ermöglicht die Kompatibilität mit einer doch eher patriarchalischen Religion.

Die Goajiro-Arawak sind mit 60 000 Menschen eine zahlenmäßig recht große Ethnie in Kolumbien und in Venezuela. Die Goajiro sind matrilinear und bilden etwa 30 große Clans, je mit einem Tier als Erkennungszeichen und mit eigenem Territorium. Jeder Clan wird von der ältesten Frau zusammengehalten. Ihr ältester Bruder ist der Vertreter des Clans nach außen und genießt große Autorität. Aus diesen männlichen Sippenvertretern wird der Dorfhäuptling gewählt, und die Wahl fällt immer auf den Wohlhabendsten. Die wirtschaftliche Basis jeder Sippe ist das Vieh, es ist Gemeinschaftsbesitz. Die junge Frau geht bei der Heirat ins Haus des Gatten, für sie erhält ihr eigener Clan Vieh als Hochzeitsgabe.

Geschichte

Als die ersten Ethnologen und Matriarchatsforscher begannen, sich mit Ethnien zu beschäftigen, die Matrilokalität und Matrilinearität aufwiesen, zogen sie den Schluss, dass Mütter die Herrscherinnen sind, analog zu ihrer eigenen patriarchalen Kultur. Die moderne Matriarchatsforschung stellte diesen Fehlschluss in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts richtig und erforscht seitdem dieses Feld. Der erste Weltkongress für Matriarchatsforschung fand 2003 in Luxemburg statt. In der Wissenschaft wird der Begriff Matriarchat beibehalten, obwohl er manchmal als "Mutterherrschaft" oder "Frauenherrschaft" missinterpretiert wird; beides hat es nach heutigem Forschungsstand nie gegeben. Matriarchat wird heute im Sinn von "mütterlicher Anfang", Beginn eines Kreislaufs, verwendet, weil diese Gesellschaften vom zyklischen Denken geprägt sind im Unterschied zu linear. (Siehe auch Wörterbucheintrag zu Matriarchat)

Während matrilineare Völker, über die Jahrtausende von den Industrienationen immer mehr in Rückzugsgebiete gedrängt wurden, findet seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. ein Wandel statt: Mitglieder von Stammesgesellschaften, in der Mehrzahl akademisch gebildet, publizieren Artikel und Bücher oder halten Vorträge über ihr politisch-soziales Zusammenleben in der Gemeinschaft. Der Philosoph Dr. Malidoma Somé etwa lehrt in mehreren westlichen Ländern, auch in Deutschland, über die effektiven Heilmethoden seines Stammes, den afrikanischen Dagara. Prof. Dr. Kwasi Wiredu ist Professor für afrikanische Philosophie an der Oxford Universität Tampa/Florida und hat sich mit seiner Konsensethik, wie sie bei den Dogon in Afrika bis heute praktiziert wird, einen Namen gemacht. Über die Berberfrauen in der Kabylei und ihre von außen unabhängige Versorgung der Familie durch Subsistenzwirtschaft, veröffentlichte die Historikerin Dr. Malika Grasshoff mehrere Bücher.

Forschungsgeschichte

Lewis Henry Morgan war der einflussreichste amerikanische Ethnologe des 19. Jahrhunderts. Er stellt in seinem Werk "Ancient Sociology" (Die Urgesellschaft, 1891, ISBN 3-930596-01-6) ein evolutionistisches Schema der menschlichen Familienentwicklung am Beispiel der Irokesen-Liga in Nordamerika auf. Seine Bemerkungen zur weiblichen Rolle sind relativ spärlich und neutral, weil es gar nicht Morgans Absicht war, eine matriarchale Gesellschaft ethnologisch zu erforschen, obwohl er es faktisch tut. Er ist damit eines der vielen Beispiele für Forscher nach ihm, die sich mit matriarchaler Thematik beschäftigen, jedoch andere Begrifflichkeiten benutzen.

Der Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen verfasste 1861 sein Werk "Das Mutterrecht", für das er hauptsächlich antike Quellen auswertete. Er gebrauchte das Wort Gynaikokrateisthai (Frauenherrschaft), das in der Antike Verbreitung fand. Bachofens Ansatze war evolutionistisch, er nahm folgende kulturelle Reihenfolge an: am Anfang steht die promiskuitäre Stufe, dann folgt die mutterrechtliche Stufe, welche zuletzt abgelöst wird von der vaterrechtlichen Stufe.

Die Harvard-Professorin Marija Gimbutas präsentierte 1956 im Rahmen ihrer Ausgrabungen in Anatolien ihre "Kurgan-Hypothese". Sie entdeckte, dass vor der Kurganisierung Europas, die Menschen in unbefestigten Dörfern und Städten friedlich zusammenlebten, und dass Frauen eine wichtige Rolle einnahmen. Mit ihrer interdisziplinären Vorgehensweise stellte sie das herrschende Modell der Archäologie, das rein-wirtschaftlich materiell ausgerichtet ist, grundsätzlich in Frage. Ihr Verdienst ist es, dass durch ihren Forschungsansatz das Aufeinanderprallen der indoeuropäischen Eroberer mit den lokalen Stämmen erst verstanden werden konnte. Obwohl Gimbutas die alteuropäischen Kulturen nicht als matriarchal bezeichnete, sind ihre Forschungen für die Matriarchatsforschung wichtig.

Außer dem Begriff Matriarchat sind folgende Begriffe gebräuchlich: "mutterrechtlich" oder "gynaikokratisch"(Johann Jakob Bachofen), "matrizentrisch", "matristisch"( Reich, Maturana), "matrifokal" oder "gylanisch" (Riane Eisler). Die verwandtschaftethnologischen Begriffe "matrilinear" und "matrifokal" beschreiben vor allem die Abstammungs- und Wohnsitzregeln.

Wurde das Thema Matriarchat seit seiner Erforschung wenig in den wissenschaftlichen Institutionen beachtet, so erfährt es seit Ende der 90er Jahre mehr Popularität, besonders im deutschsprachigen Raum. Einerseits kommen Angehörige matriarchal strukturierter Ethnien zu uns, publizieren und halten Vorträge, weil sie an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert sind und sich für ihre eigenen Gemeinschaften einsetzen wollen.

Mittlerweile - und wohl auch durch die Verbreitungsmöglichkeiten im Internet - findet in Studienarbeiten, Dissertationen und wissenschaftlichen Publikationen der Begriff Matriarchat immer mehr Verwendung. Angestoßen durch internationale Zusammenarbeit und Kongresse wird das Wesen der matriarchalen Gesellschaft besser verstanden und in der Fachliteratur publiziert.

Siehe auch: Beispiele für matriarchale Völker

Literatur

Wissenschaft

Belletristik

Filme

Siehe auch

Weblinks

See also: Matriarchat, 1956, 2003, Ackerbau, Adat, Ahnenkult, Alteuropa, Amazone, Anatolien, Arawak