Medium-Form-Unterscheidung
Niklas Luhmann hat als letzte produktive Theorie-Figur die Unterscheidung Medium/Form als einen wesentlichen der tragenden "Balken" in sein Theoriegebäude eingezogen. Er hat dabei in durchaus selbständiger Weise eine Figur von Heider abgewandelt. Heider (1926) unterschied zwischen Ding und Medium. Danach sind "Dinge" feste Kopplungen in lose gekoppelten "Medien". Einleuchtende Beispiele nach Heider wären zum Beispiel: Fußspuren im Sand, hier sind die lose gekoppelten "Elemente" des Sandes das Medium, und die Fußabdrücke, die ja eine gewisse Dauer haben (zum Beispiel am Strand), sind die fest gekoppelte Form im Medium Sand. Ein anderes Heider-Beispiel: Luftmoleküle (als Medium) und die Schallwellen als "Form im Medium". Zu beachten ist dabei, dass die "Elemente" des Mediums durch Formung nicht verbraucht werden.
Luhmann setzt nun der "alteuropäischen" Unterscheidung Substanz/Form die systemtheoretische Unterscheidung Medium/Form entgegen. Auch hier bei Luhmann gilt: Die "Elemente" des Mediums sind lose gekoppelt und verbrauchen sich nicht, die "Form im Medium" ist fest gekoppelt und - als Ereignis oder Zustand - von mehr oder weniger langer Dauer in der Zeit. Der wesentliche Unterschied bei Luhmann zu Heider ist: Sowohl "Medium" als auch "Form" sind bei Luhmann keine ontologischen Entitäten. Und: Die Unterscheidung Medium/Form ist selbst eine Form! Und: Formen können selber wieder zu Medien werden! Standardbeispiel: Im Medium der Buchstaben sind die Wörter Formen; im Medium der Wörter sind die Sätze Formen; Im Medium der Sätze können ausgesprochene oder geschriebene Gedanken oder gar Erzählungen Formen werden und "sein". Medien sind sozusagen immer Formen zugrunde liegender Medien.
