Mehrdeutigkeit

Von Mehrdeutigkeit oder Ambiguität (lat. ambiguitas: Zweideutigkeit, Doppelsinn) spricht man, wenn ein Zeichen mehrere Bedeutungen hat. Bei genau zwei Bedeutungen spricht man auch von Doppeldeutigkeit. Ein Vexierbild zum Beispiel ist mehrdeutig, wenn es als mindestens zwei verschiedene Bilder gedeutet werden kann.

Wenn die Mehrdeutigkeit absichtlich, eventuell mit sexuell anzüglicher Konnotation, erzeugt wurde, spricht man von Zweideutigkeit. Dieser Mechanismus liegt vielen Witzen und witzig gemeinten Äußerungen zugrunde.

Mehrdeutigkeit ist ein Charakteristikum von Zeichen, vor allem von sprachlichen Zeichen. Sie entsteht, wenn ein sprachliches Zeichen in mehrfacher Weise interpretiert werden kann. Sprachliche Zeichen unterschiedlicher Komplexität (Ausdruck, Satz, Äußerung) können mehrdeutig sein.

Die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen kann ein Mangel sein, den es zu vermeiden oder zu korrigieren gilt. Dies gilt zum Beispiel für Gesetzestexte oder wissenschaftliche Arbeiten. Sie kann aber auch ein gewollter Effekt und als solcher ein Stilelement sein. Dies gilt zum Beispiel für lyrische Texte.

Eines der schwierigsten Probleme bei der automatischen Verarbeitung natürlicher Sprachen ist es, die Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen auf eine Interpretation hin aufzulösen. Menschen gelingt dies, ebenso wie die Unterscheidung zwischen gewollter und ungewollter Mehrdeutigkeit, leicht. Sprachverarbeitende Programme der heutigen Generation scheitern oft daran.

Inhaltsverzeichnis

Arten der Mehrdeutigkeit

Mehrdeutigkeit bei lexikalischen Zeichen

Die Mehrdeutigkeit lexikalischer Zeichen korrespondiert mit ihrer Polysemie oder ihrer Vagheit:

Während die Polysemie von sprachlichen Ausdrücken aufgelöst wird, wenn eine Äußerung vom Adressaten interpretiert wird, ist dies bei Vagheit sprachlicher Ausdrücke nicht unbedingt der Fall.

Syntaktische Mehrdeutigkeit von komplexen Zeichen

Komplexe sprachliche Zeichen sind syntaktisch mehrdeutig, wenn Ihnen mehr als eine syntaktische Interpretion zugeschrieben werden kann.

Die Überschrift Eisprinzessin verzaubert lässt die folgenden Interpreationen zu: a) die Eisprinzession verzaubert andere Personen, zum Beispiel das Publikum; b) die Eisprinzessin ist es, die von einer anderen Person verzaubert wurde. Diese Mehrdeutigkeit lässt sich ohne weitere kontextuelle Hinweise, die zum Beispiel im nachfolgenden Text gegeben werden können, nicht auflösen.

Während es Menschen leicht gelingt, einem Satz eine eindeutige Interpretation zuzuweisen, scheitern sprachverarbeitende Programme oft an dieser Aufgabe. Bei komplexeren Sätzen liefert die syntaktische Analyse oft mehrere Hunderte Analysen. Die meisten von ihnen sind höchst unwahrscheinlich, werden aber durch die zugrunde liegende Grammtik lizenziert.

Semantische Mehrdeutigkeit von komplexen Zeichen

Manchen komplexen Zeichen können mehrere Bedeutungen zugeordnet werden. Der Unterschied in der Bedeutung kann mit der Mehrdeutigkeit einzelner lexikalischer Zeichen oder mit der syntaktischen Mehrdeutigkeit des Satzes korrespondieren (Beispiel 2), muss dies aber nicht (Beispiel 1)

1 Jeder Mann liebt eine Frau.
 a) Es gibt viele Frauen, alle werden von einem anderen Mann geliebt.
 b) Es gibt genau eine Frau, die alle Männer lieben.
 
2 Ein Junggeselle ist ein Mann, dem zum Glück noch die Frau fehlt.
 a) Er wäre glücklich, wenn er eine Frau hätte.
 b) Er kann sich freuen, dass er noch keine Frau hat.
 

Im zweiten Beispiel liegt die syntaktische Mehrdeutigkeit darin begründet, dass das Adverbial zum Glück entweder die Verbalphrase (erste Lesart) oder den ganzen Satz (zweite Lesart) modifiziert.

Pseudoambiguität

Während der Analyse eines Satzes eröffnen sich mehrere Möglichkeiten der Interpretation, die am Ende des Satzes aber auf eine einzige reduziert werden.

... dass der Entdecker von Amerika erst im Jahre 1850 erfuhr.
 

Am Ende des Satzes wird klar, dass das Verb erfahren ein Objekt benötigt. Der einzige noch in Frage kommende Satzteil ist Amerika. Also muss die bisher aufgebaute grammatische Struktur umgeworfen und neu aufgebaut werden. Solche Mehrdeutigkeiten führen die Rezipienten in die Irre und sollten vermieden werden, wenn sie nicht Teil eines Sprachspiels sind. Im Englischen werden sie garden path sentences genannt.

Pragmatische Mehrdeutigkeit

Einer Äußerung, die syntaktisch und semantisch eindeutig ist, können mehrere Sprechakte zugeordnet werden. So kann die Äußerung:

Das ist aber kalt hier.
 

mit den folgenden Sprechakten verbunden sein:

Mehrdeutigkeiten dieser Art werden in der Sprechakttheorie betrachtet.

Literatur

Siehe auch


Kategorie:Sprache

See also: Mehrdeutigkeit, Bedeutung, Eindeutigkeit, Homonymie, Latein, Objekt, Polysemie, Sprechakttheorie, Vagheit, Vexierbild