Merowinger

Das Geschlecht der Merowinger (oder Merovinger) stellte bis ins Jahr 751 n.Chr. die Herrschaftsdynastie der Franken. Ihnen folgten die Karolinger (siehe auch Fränkisches Reich).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Merowinger sind das Geschlecht der ältesten fränkischen Könige. Der Name ist abgeleitet von Merowech (oder Meroväus). Von ihm und seinen beiden Vorgängern ist außer legendenhaften Überlieferungen nichts bekannt.

Von seinem Sohn Childerich I. wurde zumindest die Grabstätte in Tournai gefunden. Sein Enkel Chlodwig I. regierte von 482 bis 511 und erhob das Frankenreich durch Siege über Syagrius, über die Alamannen und die Westgoten und durch die Annahme des Christentums zu weltgeschichtlicher Bedeutung, wobei sich die Merowinger auch die Gallo-römische Kultur zu Nutze machten. Chlodwig teilte das Reich unter seinen vier Söhnen, doch starben drei Linien aus, so dass Chlothar I. von 558 bis 561 das ganze Reich durch Thüringen und Burgund erweitern konnte. Mit seinem Tod endet die spätantike Phase des Reiches. Unter seinen Nachfolgern wurde es dann wieder geteilt und durch Bruderkriege zerrissen (beispielsweise um Brunichild, Zeit der "Merovingischen Gräuel"), von Chlothar II. jedoch 613 wieder vereinigt.

Chlothar II. und Dagobert I. waren die letzten großen Herrscher der Merowinger und doch fing bereits unter ihnen der Einfluss der Hausmeier (maior domus) an zu wachsen. In dieser Situation erhob sich das mit den Arnulfingern verbündete Geschlecht der Pippiniden zu solcher Macht, dass Grimoald, der Sohn von Pippin dem Älteren 656 den Versuch unternahm, statt des Merowingers Dagobert II. seinen eigenen Sohn zum König von Austrasien (Hauptstadt Metz) zu erheben. Weil die anderen mächtigen Familien dies nicht duldeten, hielten die Merowinger ihre Machtstellung noch weitere 100 Jahre.

Seit 687 hatten die aus den Arnulfingern und Pippiniden hervorgegangenen Karolinger praktisch vollständig die Macht in der Hand. Karl Martell konnte schließlich die karolingischen Hausmeier-Ämter in sich vereinigen. Einer seiner Söhne, Pippin der Jüngere erhob noch einmal einen Merowinger, Childerich III. 743 zum König, ließ ihn aber 752 durch den Papst wieder absetzen und ins Kloster weisen. Damit endete die Herrschaft der Merowinger, die zuletzt nur noch zeremoniell gewesen war.

Es heißt, sie seien nur zu besonderen Anlässen in der Öffentlichkeit erschienen. Dafür benutzten sie einen Ochsenwagen. Ihr Erscheinungsbild war geprägt von langen Haaren. In einem damals bereits altertümlichen Dialekt ließen sie Proklamationen verlesen, die von ihren Hausmeiern verfasst worden waren. - Diese Beschreibung stammt aus der mittelalterlichen Biographie Karls des Großen und ist wahrscheinlich polemisch übertrieben um dem neuen karolingischen Herrschergeschlecht mehr Legitimität zu verleihen.

Historische Quellen

Kunstgeschichte

Architektur siehe Vorromanik

Herrscher

Die Auflistung der Herrscher stellt aufgrund der ständigen Teilungen des Reiches unter die Söhne ein Problem dar. Teilweise herrschten bis zu vier Brüder oder andere Verwandte gleichzeitig in Teilreichen. Die beiden wichtigsten waren Austrasien im Osten und Neustrien im Westen des Kerngebietes des fränkischen Königreichs.

Stammliste

Von Merowech bis Chilperich I.

  1. Merowech, um 451
    1. Childerich I., † 482, König der Franken, ∞ Basina aus Thüringen
      1. Chlodwig I. (Chlodowech), † 511, König der Franken 482-511, ∞ II 492/494 Chlothilde (Chrodihild), Tochter des Chilperich II., König der Burgunder in Valence
        1. Theuderich I., † 533, König in Reims 511-533, ∞ II um 517 NN, Tochter des Burgunderkönigs Sigismund (Siginus)
          1. Theudebert I., † 547, König in Reims 533-547, ∞ II Wisigard, † jung, Tochter des Langobardenkönigs Wacho
            1. Theudebald (Theudowald); † 555, König in Reims 547-555, ∞ Vuldetrada (Waldrada), Tochter des Langobardenkönigs Wacho
            2. Berthoara, um 566 in Mainz bezeugt
          2. Theudechild, † vor 579, begraben in St-Pierre-le-Vif bei Sens, ∞ I Hermegiselus, König der Warnen; ∞ II Radigis, Stiefsohn des Hermegiselus
        2. Ingomer, * wohl 493/494, † klein
        3. Chlodomer, X 524, König in Orléans 511-524
          1. Theudoald, 10jährig von Chlothar I. getötet
          2. Gunthar, 7jährig von Chlothar I. getötet
          3. Chlodoald, geistlich
        4. Childebert I., † 558, König in Paris 511-558
          1. Chrodoswinth, † nach 567
          2. Chrodobertha (Chrobertha), † nach 567
        5. Chlothar I., † 561, 511-561 König in Soissons, ∞ II Guntheuca, Witwe seines Bruders Chlodomer; ∞ IV um 540 Radegundis, † 587, Tochter des thüringischen Teilkönigs Berthachar; ∞ VII Vuldetrada (Waldrada), Tochter des Langobardenkönigs Wacho, Witwe des Frankenkönigs Theudebald
          1. Gunthar, 532, † wohl vor 555/561
          2. Childerich, † wohl vor 555
          3. Charibert I., König in Paris 561-567 ∞ I Ingoberga, † 589
            1. BerthaAedilberct, König von Kent
            2. Berthefled, † nach 589
            3. Sohn, † klein
            4. Chrodieldis, † nach 590, erst geistlich in Ste-Croix in Poitiers, dann weltlich
          4. Guntchramn (Guntram), † 592, König in Orléans 561-592
            1. Gundobad, † in Orléans, wohl um 565 vergiftet
            2. Sohn, † wohl 565
            3. Chlothar, * 567, † 577
            4. Chlodomer, † 577
            5. Chlodoberga, † wohl 585/587
            6. Chlodihildis, † nach 28. November 587
          5. Sigibert I., ermordet 575, König in Reims 561-575 ∞ 566 Brunichild, † 613, Tochter des Westgotenkönigs Athanagild,
            1. Ingund, * wohl 567, † 585 in Afrika, ∞ 579 Hermenegild, Sohn des Westgotenkönigs Leovigild
            2. Childebert II., König in Reims und Metz 575-596
              1. Theudebert II., ermordet 612, König in Metz 596-612
                1. Tochter, 604
                2. Tochter, 612
                3. Chlothar, ermordet 612
                4. Merowech, * 612, im gleichen Jahr an einem Felsen zerschmettert
              2. Theuderich II., † 613
                1. Sigibert II., † 613, König der Franken 613
                2. Childebert, * 603
                3. Corbus, * 604, ermordet 613
                4. Merowech, * 607
              3. Theudila, * wohl 590, † nach 613
            3. Chlodoswinth, † nach 589
          6. Chlodoswinth, † wohl vor 567, ∞ 556/561 Alboin, König der Langobarden, ermordet 572/573
          7. Chilperich I., † 584, König in Soissons 561-584 ∞ I um 549/550 Audovera; ∞ II um 567 Gailswintha, Tochter des Westgotenkönigs Athanagild, ∞ III um 570/571 Fredegunde - Nachkommen siehe unten
          8. Chramn, 555 in der Auvergne, † Ende 560 in der Verbannung, ∞ vor 556 Chalda, † Ende 560 in der Verbannung, Tochter des Wiliacharius
            1. Töchter, † Ende 560 in der Verbannung
          9. Gundowald, † 585, von Chlothar I. nicht anerkannt, 584 Usurpator in Brive-la-Gaillarde, ∞ NN aus Italien
            1. 2 Söhne, die 589 bei den Westgoten in Spanien bezeugt sind
        6. Chlodichild, † 531, begraben in der Apostelkirche in Paris, ∞ 526/527 Amalrich, König der Westgoten, ermordet 531
      2. Lantechild
      3. AudofledaTheoderich der Große, König der Goten, † 526

Von Chilperich I. bis zum Ende

  1. Chilperich I., † 584, König in Soissons 561-584 ∞ I um 549/550 Audovera; ∞ II um 567 Gailswintha, Tochter des Westgotenkönigs Athanagild, ∞ III um 570/571 Fredegunde - Vorfahren siehe oben
    1. Theudebert, X 575, begraben in Angoulême
    2. Merowech, † 577, begraben 585 in St. Vincent in Paris, ∞ Brunichild, † 613, Tochter des Westgotenkönigs Athanagild, Witwe des Frankenkönigs Sigibert I.
    3. Chlodowech, † 580/585 in Noisy-le-Grand, begraben in St. Vincent in Paris
    4. Basina, † nach 590, 580-581 geistlich in Ste-Croix in Poitiers
    5.  ? Childesinth
    6. Chlodobert, * 565, † 580 in Soissons, begraben in St-Crispin in Soissons
    7. Rigunth, † nach 585
    8. Samson, * 575, † 577
    9. Dagobert, † 580 in Berny-Rivière (Aisne), begraben in St-Denis
    10. Theuderich, * 582, † 584, begraben in Paris
    11. Chlothar II., † 629/630, König der Franken 613
      1. Merowech, 604
      2. Sohn, † nach 613
      3. Dagobert I., † 639, 623 Unterkönig in Austrasien
        1. Sigibert III., † 656, König in Metz
          1. Bilichild, ermordet schwanger Herbst 675, begraben in St. Germain-des-Prés, ∞ 18. Oktober/9. Dezember 662 Childerich II., König der Franken in Austrasien, ermordet Herbst 675
          2. Dagobert II., ermordet 679, König in Metz 676
        2. Chlodwig II., † 657, König in Paris, ∞ um 650 Bathilde, † wohl 680, Regentin 657 bis um 665 für ihren Sohn
          1. Chlothar III., † 673, König in Paris 657
            1.  ? Chlodwig, 675/676 zum König ausgerufen
          2. Theuderich III., † 690/691, König 675-690, ∞ um 676 Chrodechild, † nach 5. April 692 als Regentin für ihren Sohn
            1. Chlodwig III., † 694, König 690/691
            2. Childebert III., † 711, König 694-711
              1. Dagobert III., † 715/716, König 711
                1. Theuderich IV., † 737, König 721
              2.  ? Chlothar IV., † 719, König 717
          3. Childerich II., ermordet Herbst 675, König in Austrasien 662, ∞ 662 Bilichild, ermordet schwanger Herbst 675, Tochter des Frankenkönigs Sigibert III. in Metz
            1. Dagobert, ermordet Herbst 675
            2. Chilperich II. (Daniel), † 721, erst geistlich, 715/716 König
              1. Childerich III., † nach 752, König 743-751/752
      4. Charibert II., † 632, 629 Unterkönig in Aquitanien
        1. Chilperich, † kurz nach seinem Vater
      5.  ? Aemma ∞ Eadbald, König von Kent 616-640

Forschung

Neben den schriftlichen Quellen zur Epoche der Merowinger ziehen wir heute hauptsächlich Informationen aus archäologischen Quellen. Eine archäologische Quelle ist eine Information, die nur mit Methoden der Archäologie erschlossen werden kann, d. h. erst durch ihre Ausgrabung die Kenntnisse preis gibt. In erster Linie stehen uns hierfür Gräber zur Verfügung, deren genaue Dokumentation bei der Ausgrabung (= Zerstörung) die Voraussetzung ist, für eine aussagekräftige Interpretation. Denn durch Ausgraben einer Nekropole wird sie unwiederbringlich zerstört, und daher ist es - besonders für zukünftige Fragestellungen - erforderlich, jede Kleinigkeit zu dokumentieren und auf diese Art als Information zu erhalten.

Wie in allen Disziplinen hat sich auch in der Archäologie die Fragestellung im Laufe der Zeit geändert. Waren frühe Generationen noch besonders interessiert am Fund großer Reichtümer, mit denen sie sich in die Geschichtsbücher eingetragen sahen, fragt der Frühgeschichtler dieser Tage nach den Lebensumständen auch der einfachen Bevölkerung. Zumindest wirtschaftliche Kraft und Jenseits-Vorstellung lassen sich aus dem Inventar und dem Bau (Einbauten wie Grabkammer oder einfache Baumsärge, Ausrichtung der Bestattung, etc.) eines Grabes ableiten.

Die Vorstellung, nach der zivilisierten Epoche der Spätantike folgte eine dunkle und wenig zivilisierte Zeit der Merowinger, muss heute revidiert werden. Zwar diskutiert die Frühgeschichte noch immer das Problem von Kontinuität oder Diskontinuität in der Übergangsphase von der spätantiken römischen Besatzung zum Frühmittelalter, doch kann anhand von Bodenfunden schon heute angenommen werden, dass die Merowinger einen sehr eigenen ästhetischen Anspruch an ihre Ausstattung hatten.

Neben einer sehr großen Anzahl unterschiedlichster Perlen und unterschiedlicher Trachten wurden auch mit Almandin verzierte Scheibenfibeln als Gewandnadeln getragen. Neben goldenen Schmuckplättchen trugen die Frauen aus wirtschaftlich potenten Familien zu ihrer Bestattung auch eine Vielzahl von Glasperlen unterschiedlicher Formen und Farben. In die Kleidung oder in das Leichentuch kann ein feiner Goldfaden (Goldlahn) eingewebt gewesen sein. Silberner Schmuck wie Ohrringe aber auch Gürtelschnallen oder die typisch merowingischen Beingurte, deren praktischer Charakter im Halten eines den Unterschenkel verdeckenden Tuches gesehen werden muss, sowie Ringe aus Edelmetall gehörten ebenfalls zur Ausstattung.

Sicher kann in der prachtvollen Beisetzung „adeliger“, zumindest aber wirtschaftlich besser gestellter Personen ein Gruppendruck der Gemeinschaft gesehen werden. Es kam nur in ein Grab, was sich die Familie leisten konnte aufzugeben, denn es war ja durch die Beisetzung dem Zugriff entzogen. Dass dieser Zustand nicht für alle Zeiten war, wird aus der hohen Anzahl von alt beraubten Gräbern deutlich, in denen sich Mitglieder der Gemeinschaft - in der Regel einige Zeit nach der Beisetzung - die besten Stücke des Inventars stahlen.

Seltener beraubt, weil nicht so reich ausgestattet sind die Gräber der wirtschaftlich nicht so gut gestellten Familien oder der Romanen, die ein anderes Beigabenmuster haben. Hier konnte oder wollte man nicht die wertvollen und noch für das Überleben oder den Status wichtigen Gegenstände durch die Bergung in der Erde aufgeben. So wurde in solchen Fällen früher oft und nicht ganz wertfrei von armer Bevölkerung gesprochen.

Diese Gruppe ist es auch, die Chronologie-Systeme von Archäologen ins Wanken bringen kann. Oftmals wurden Gegenstände erst aufgegeben, wenn sie völlig aus der Mode gekommen waren, und ihr Tragen keinen Wert mehr in der Gesellschaft hatte. So verschiebt sich die Beigabe etwa eines Ohrringpaares, das eine relativ begrenzte chronologische Laufzeit haben sollte, manchmal um einige Jahrzehnte und wirft eine - in der Regel generell sehr empfindliche - Feinchronologie fast um. Die Berücksichtigung auch dieser Tatsache macht die Auswertung einer archäologischen Quelle wie ein merowingerzeitliches Gräberfeld so komplex.

Literatur

Weblinks

See also: Merowinger, 420, 428, 447, 457, 482, 511, 524, 533, 547