Erlanger Konstruktivismus

Der Erlanger Konstruktivismus (auch: Konstruktivismus der Erlanger Schule, später Methodischer Konstruktivismus) ist ein Ansatz einer allgemeinen Wissenschaftstheorie. Er ist nicht mit dem Radikalen Konstruktivismus zu verwechseln. (Zur Abgrenzung siehe Konstruktivismus (Philosophie))

Der Erlanger Konstruktivismus macht es sich zur Aufgabe, die Erzeugung der Gegenstände einer Wissenschaft durch die Befolgung ausdrücklicher und klar nachvollziehbarer Vorschriften zu (re-)konstruieren. Großes Augenmerk wird hierbei auf Axiomen- und Prototypenfreiheit gelenkt: Alle Elemente und Regeln der Wissenschaftssprache sollen voraussetzungsfrei, zirkelfrei (d.h. ohne Zirkelschluss) und nachvollziehbar eingeführt werden.

An den Terminus als Prädikator einer wissenschaftlichen Sprache stellen wir folgende Anforderung: Die Verständigung zwischen den Gesprächspartnern soll nicht dadurch beeinträchtigt werden, daß der Redende den Prädikator anders verwendet als der Hörende (umgangssprachlich ausgedrückt: daß sich der Hörende ‚etwas anderes dabei denkt' als der Redende). Um dieses Ziel zu erreichen, werden die Gesprächspartner vor der Verwendung eines Terminus gut daran tun, sich hinsichtlich eben dieser Verwendung ausdrücklich zu verständigen. (KAMLAH, Wilhelm / LORENZEN, Paul: Logische Propädeutik, 70)
Inhaltsverzeichnis

Theorie und Methode

Die Vertreter des Erlanger Konstruktivismus stehen in engem Zusammenhang mit moderner Sprachphilosophie nach der sprachkritischen Wende (linguistic turn). Wissenschaft wird als zweckgerichtetes Handeln verstanden. Dadurch wird ein pragmatischer Ansatz geschaffen, der in seine Handlungstheorie zentral Sprachhandlungen einbezieht. Eine Analyse wissenschaftlicher Verfahren beeinhaltet demnach auch die Untersuchung ihrer spezifischen Zweckorientierung. Peter Petersen benennt drei wesentliche Aspekte:

Der Konstruktivismus orientiert sich also nicht an stillschweigenden Prämissen und Axiomen, sondern ist gebunden an den Kontext und die Alltagspraxis (Lebenswelt) der an der Handlung Beteiligten. Aus heutiger konstruktivistischer Sicht ist es die Lebenswelt des Alltäglichen, in der Argumentationsanfänge im Konsens zu finden sind, aus denen nach pragmatischer Ausrichtung schrittweise, methodisch, zirkelfrei und begründet eine Wissenschaft entwickelt wird.

Im Rahmen der konstruktivistischen Methodologie (Konstruktive Wissenschaftstheorie) werden zum Aufbau von Wissenschaften Begriffe dialogisch eingeführt (konstruiert), geprüft und schließlich als eindeutig nachvollziehbare Fachbegriffe etabliert, die dann in einer normierten Wissenschaftssprache - Lorenzen nennt diese Orthosprache - nach den Regeln der Aussagen- und Prädikatenlogik verwendet werden können. Die Methode zur Einführung von Begriffen und Regeln wird als dialogisch bezeichnet. Jeder Grundbegriff muss nachvollziehbar aus der Lebenwelt heraus als wissenschaftlicher Fachbegriff und jede Behauptung oder Regel soll so eingeführt werden, dass jeder Dialogteilnehmer zu einer Entscheidung über den zu beschreibenden Gegenstand kommen kann.

Diese Phase der Bildung und Beurteilung der wissenschaftlichen Begriffe und Zusammenhänge wird als noch keine Wissenschaft an sich aufgefasst sondern als Protowissenschaft bezeichnet. Das Konzept der Protowissenschaften wurde eingeführt, um zwischen verschiedenen Diskursteilnehmern überprüfbare Konstruktionen von Grundregeln und Grundbegriffen nachvollziehbar und zirkelfrei einer rationalen Argumentation zugänglich zu machen. Damit soll die Fundierung und Geltung einer Wissenschaft verstärkt werden. Die Stufe der exakten Wissenschaft ist dann erreicht, wenn die Fragen nach erkenntnisleitenden Interessen, nach der Rechtfertigung der Bildung von Unterdisziplinen, der systematischen Einordnung in den gesamtwissenschaftlichen Zusammenhang und die Möglichkeit der Rekonstruktion der Terminologie zufriedenstellend beantwortet werden können (Dirk Hartmann 1993). In den 1970er Jahren wurde als erste Protowissenschaft in Erlangen eine Protophysik (Geometrie, Zeitrechnung, Stochastik) entwickelt.

Von Carl Friedrich Gethmann, Harald Wohlrapp und Holm Tetens wird im Anschluss an die Erlanger Schule eine Argumentationstheorie entwickelt.

Entwicklungsgeschichte hin zum Methodischen Kulturalismus

Die Ursprünge des Erlanger Konstruktivismus liegen vor allem bei der methodischen Philosophie Hugo Dinglers (seinerseits beeinflusst von Rudolf Carnap). Er gilt zusammen mit dem italienischen Linguisten und Philosophen Silvo Ceccato als Ahnherr des Methodischen Konstruktivismus.

Die Erlanger Schule - die Bezeichnung leitet sich aus dem geografischen Entstehungsort ab - wurde von Lorenzen und Kamlah mit der ersten Schülergeneration Kuno Lorenz, Jürgen Mittelstraß, Peter Janich, Oswald Schwemmer und Christian Thiel gegründet. 1967 wurde der erste Standardtext, die Logische Propädeutik herausgegeben.

In den Siebzigerjahren bilden Mittelstraß und Janich mit Carl Friedrich Gethmann und Friedrich Kambartel die so genannte Konstanzer Schule. In den Achtzigern begründet Janich die Marburger Schule und benennt den Begriff Erlanger Konstruktivismus wegen der geografischen Veränderung und der stärkeren Betonung auf Methodik in Methodischer Konstruktivismus um. Heute besteht das Programm der Marburger Schule in der Weiterentwicklung des Methodischen Konstruktivismus zum Methodischen Kulturalismus, dessen Anliegen eine methodisch-systematische Kulturkritik auf konstruktiv-philosophischer Grundlage ist.

Zentrales Anliegen ist eine systematische Kulturkritik. [...] Eine "methodisch-kulturalistische" Philosophie setzt sich kritisch reflektierend mit vorfindlichen Praxen in Lebenswelt, Wissenschaft und Philosophie auseinander. Die Kultürlichkeit menschlicher Produkte von den technischen Artefakten über lebensweltliche, wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, über Institutionen, Kunstwerke bis hin zu unbeabsichtigten Nebenfolgen menschlichen Handelns bildet den Anlaß, die Rechtfertigung von Zwecken und die Begründung der Wahl von Mitteln handlungstheoretisch zu rekonstruieren. "Methodisch" verweist auf das Programm, Rekonstruktionen an der Reihenfolge solcher Handlungsschritte zu orientieren, die für Gelingen und Erfolg von Handlungsketten nicht vertauscht werden dürfen. Sprechen wird als Handeln unter den Perspektiven des Unterschieds Gelingen/Mißlingen und Erfolg/Mißerfolg in kommunikativer und kooperativer Hinsicht begriffen. Das Verhältnis von Zweck- und Sinnrationalität sowie das Fundierungsproblem einer Ethik zwischen eudämonistischen und normativen Ansätzen sind Gegenstand methodisch-kulturalistischer Selbstreflexion. (homepage des Instituts für Philosophie von Prof. Peter Janischs in Marburg(siehe links))

Die Umbenennung von Konstruktivismus in Kulturalismus vollzieht Janich mit der kulturalistischen Wende, die eine bewusste und deutliche Abgrenzung zum Radikalen Konstruktivismus bezeichnet. Gleichzeitig wird mit der Umbenennung die Bindung von Wissenschaft an den (kulturellen) Kontext betont, der die Richtung und Methodik einer Wissenschaft deutlich beeinflusst. Ein wichtiger weiterer Zweig ist der Dialogische Konstruktivismus (Saarbrücken). Kuno Lorenz entwickelte im Anschluss an die dialogischen Aspekte der Schule und an die Arbeiten von Wilhelm Kamlah und komplementär dazu Albert Camus eine dialogische Anthropologie.

In dem interessanten "bösen" Schlüsselroman "Sie verschwanden im erleuchteten Torbogen" illustriert die Schriftstellerin Karin Lindemann die Entwicklungen der frühen Erlanger Schule um Kamlah und Lorenzen.

Die Mitglieder der Erlanger Schule haben seit den 70er Jahren an einer großen Enzyklopädie gearbeitet und sie gemeinsam herausgegeben (erster Band 1980 erschienen), obwohl sie schon einzelne teilweise sehr unterschiedliche Wege gegangen waren und sich zum großen Teil von den ursprünglichen methodischen Zielen gelöst hatten: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hrsg. von Jürgen Mittelstraß Vier Bände, inzwischen (2004) broschiert erschienen.

Literatur

Siehe auch

Weblinks

See also: Erlanger Konstruktivismus, 1967, 1993, Albert Camus, Argumentationstheorie, Aussagenlogik, Axiom, Carl Friedrich Gethmann, Carl Friedrich von Weizsäcker, Christian Thiel