Musikindustrie

Der Begriff Musikindustrie bezeichnet den Industriezweig, der Musik produziert. Ursprünglich als reiner Fachbegriff für die sich in den 20er Jahren entwickelnde industrielle Massenproduktion von Trägermedien entstanden, bezieht sich der Begriff damals einzig auf die wirtschaftlichen Vorgänge zur Herstellung und den Verkauf von Musik. Im Laufe der Zeit wird der Begriff zunehmend verwässert und durch synomyme Begriffe wie Musikwirtschaft oder "Phonographische Industrie" teilweise ersetzt. In den 40er Jahren entwickelt Theodor W. Adorno in Zusammenarbeit mit M. Morkheimer eine kritische Abhandlung zur Kulturindustrie, die die von den Regeln der Marktwirtschaft geprägte Musikindustrie in einen ideologisch, ästhetisch geprägten Kontext setzt. Bis heute ist dieser Ansatz der Kritik unter dem Schlagwort Kommerzialisierung erhalten geblieben und beschreibt die Reduktion von Inhalten in ein stereotypes und standardisiertes Gerüst, das die Kreativität der Musiker wie ein Korsett einengt.

Die Entwicklung der Plattenfirmen, auch Labels genannt, die eine zentrale Position innerhalb der Musikindustrie darstellen, stehen immer wieder in der Kritik. Diese zielt auf das Oligopol weltweit agierender Konzerne. Ist die gesamtwirtschaftliche Struktur der Labels in den 40er, 50er und 60er Jahren durch eine Vielzahl von kleinen Labels gekennzeichnet, beginnt jedoch schon Ende der 60er eine Konzentration der Marktanteile auf immer weniger Labels (z.B. Virgin Group, Warner Brothers, Ariola). Die so erwirtschafteten Gewinne münden in eine Merger-&Aquisitionswelle. Die daraus entstandenen, auch als Major-Labels bezeichneten, Labels gewinnen immer größeren Einfluss auf Abläufe des Industriezweiges und darüber hinaus. Dies führt zu einer Erweiterung der Bedeutung Musikindustrie auf Bereiche, die an der Herstellung und dem Verkauf von Musik gar nichts oder nur indirekt zu tun haben. So umfasst der Begriff heute die Talentsuche und Herstellung von CDs (Labels, Presswerke und Studios), die Werbung und Promotion (TV, Film, Video, Radio, Printmedien und Konzerte), den Vertrieb und Verkauf bis zum Einzelhandel, die Musikverlage, Urheberrechtgesellschaften (BMI) und Verwertungsgesellschaften (GEMA) bis hin zu den Interessenverbänden (IFPI).

Ein Problem bei der Erfassung des Begriffs Musikindustrie besteht in der Undurchsichtigkeit des zugänglichen Zahlenmaterials und der komplexen, ständigen Veränderungen ausgesetzten Unternehmensstrukturen. So weichen Informationen oft voneinander ab oder die Zusammensetzung von Statistiken und Zahlen sind nicht zu erschließen. Hinzu kommt, dass man auf die öffentlichen Angaben der Musikindustrie angewiesen ist, die aber aus wirtschaftlich taktischem Kalkül handeln.

Aktuelle Diskussion

Nach einem stetigen wirtschaftlichen Wachstum in den 80er und 90er Jahren, verursacht v. a. auch durch das neue Format der CD und sinkende Produktionskosten, geriet die Musikindustrie nach dem Jahrtausendwechsel in Absatzschwierigkeiten.

Zusätzlich zur allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage werfen Kritiker der Musikindustrie als Erklärung u. a. strategische Fehlausrichtungen und mangelnde Innovationskraft vor. Von Seiten der Musikindustrie hingegen wird v. a. die zunehmende Popularität so genannter Musiktauschbörsen verantwortlich gemacht.

Die Auseinandersetzung um den Stellenwert der Musiktauschbörsen ist der derzeitige Kernpunkt der Diskussion.

Die Musikindustrie muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in ihrer Fixiertheit auf das Medium CD den Aufschwung des Internets verschlafen zu haben. Die Möglichkeit neuer Vertriebswege für die eigenen Produkte wurde nicht genutzt. Nach vergeblichen Versuchen, die Tauschbörsen vom Markt zu klagen, versucht man mittlerweile die Fehlsteuerung zu korrigieren, indem eigene kostenpflichtige Angebote im Internet platziert werden. Ein anderer neuer Absatzweg der Musikindustrie sind kostenpflichtige Telefon-Klingeltöne.

Zusätzlich versieht die Musikindustrie CDs mit Kopierschutz/Abspielschutz; da diese (von Kritikerseite "Un-CDs" genannten) Tonträger nicht standardkonform sind, funktionieren sie nicht auf allen Geräten: vor allem portable Geräte, CD-Spieler fürs Auto und PC-Laufwerke verweigern oft den Dienst. Viele potenzielle Käufer scheinen sich durch solche Mechanismen vom Kauf abgeschreckt zu fühlen.

Auch die Fixierung auf mit immer größerem Budget ausgestattete "gecastete" Musiker löste die strategischen Erwartungen der Musikindustrie nicht ein.

Als weiteren Grund für die Krise der Musikindustrie wird in Deutschland gehandelt, dass die Privatradios, aber auch zunehmend die Popwellen der ARD zuviele Musiktitel am Tag wiederholen, wodurch der Hörer vom Kaufen neuer Veröffentlichungen abgeschreckt werden könnte.

Einige Untersuchungen geben zu bedenken, dass möglicherweise gerade diejenigen, die Musik aus dem Internet herunterladen, dann später auch die entsprechenden Tonträger kaufen.

Siehe auch: Major-Label, Independent-Label, Musikpiraterie, Kopierschutz

Literatur

Weblink

!

See also: Musikindustrie, ARD, Broadcast Music Incorporated, CCC, Casting-Show, Compact Disc, Creative Commons, Einzelhandel, GEMA, IFPI