Mutual assured destruction
Mutual assured destruction (MAD), zu deutsch: wechselseitig gesicherte Zerstörung, bezeichnet eine Situation, in der die Benutzung von Nuklearwaffen in der Zerstörung des Verteidigers wie auch des Angreifers mündet. Die Doktrin der MAD nimmt an, dass jede Seite genug Waffen bereithält, um die andere Seite zu zerstören und bei einem Angriff mit gleicher oder größerer Stärke zurückschlagen kann.
Angenommen wird, dass keine Seite so irrational ist, die Zerstörung des eigenen Landes zu riskieren. Deswegen würde ein atomarer Erstschlag nicht gewagt werden. Dies führt zu einem zwar spannungsgeladenen, aber dennoch stabilen Frieden.
Die Doktrin fand ihre erste Anwendung in der Zeit des Kalten Krieges (1950er Jahre bis 1990er Jahre) zwischen den USA und der Sowjetunion. MAD wurde als Garant dafür gesehen, dass es zu keinen direkten, umfassenden Konflikten zwischen den Supermächten kam, sondern beide Nationen sich in so genannten Stellvertreterkriegen indirekt gegenüberstanden. MAD war Teil der US-Strategie-Doktrin, die davon ausging, dass ein Atomkrieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten am erfolgreichsten verhindert werden konnte, wenn keine Seite sich gegen die Atomraketen des Gegners verteidigen konnte. So wurde der ABM-Vertrag zu einem Garanten der MAD, begrenzte er doch wirkungsvoll die Raketenabwehranlagen, mit deren Aufbau USA und SU in den 1950er Jahren begonnen hatten. Um die Glaubwürdigkeit der Bedrohung aufrechtzuerhalten, mussten beide Seiten bemüht sein, substantielle Finanzmittel in Angriffswaffen zu investieren, selbst wenn diese nie genutzt werden würden.
Das MAD-Szenario wurde unter dem beschönigendem Begriff der "nuklearen Abschreckung" bekannt. (Der Begriff "deterrence" wurde im Sinne der Abschreckung erst nach dem Zweiten Weltkrieg verwandt; zuvor wurde er nur in seinem engeren juristischen Sinne benutzt.) Bekannter ist jedoch das Gleichgewicht des Schreckens.
Kritiker der MAD-Doktrin führten an, dass das Akronym MAD zum englischen Begriff mad (verrückt, geisteskrank) passt, weil er auf einigen anfechtbaren Annahmen beruht:
- Perfekte Erkennung
- Die Ortungssysteme müssen absolut zuverlässig sein, Falschmeldungen über Raketenstarts müssen kategorisch ausgeschlossen werden (Stanislaw Petrow - Zwischenfall)
- Es darf keine Möglichkeit geben, einen Raketenstart zu verdecken
- Es gibt keine Angriffsalternative zur Nuklearrakete
- Die schwächere Interpretation von MAD hängt auch von der perfekten Zuordnung eines Raketenstarts ab (Wer soll die Vergeltung zu spüren bekommen, wenn ein Raketenstart an der chinesisch-russischen Grenze ausgemacht wird?)
- Absolute Rationalität
- Schurkenstaaten werden keine Nuklearwaffen entwickeln (oder, wenn sie es doch tun, werden sie aufhören Schurkenstaaten zu sein, in dem sie sich der MAD-Logik unterwerfen)
- Kommandeure haben nicht die Möglichkeit einen Raketenstart zu beeinflussen
- Alle Oberhäupter der Staaten mit Atomwaffen sorgen sich um das Überleben ihrer Staatsbürger
- Die Staatsführer wagen nicht einen Erstschlag, in der Hoffnung, dass das gegnerische Raketensystem versagt
- Unfähigkeit zur Verteidigung
- Keine ausreichenden Bunker zum Schutz der Bevölkerung und Industrie
- Keine Entwicklung von Anti-Raketen-Technologie oder Schutzausrüstung
Diese Annahmen für MAD können unter folgenden Begriffen zusammengefasst werden: Potential, Glaubwürdigkeit, Kommunikation und Rationalität.
Die Doktrin wurde im 1964 im Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben persifliert. In dem Film besitzen die Sowjets eine doomsday machine, die automatisch einen Nuklearangriff auf das Territorium der Sowjetunion erkennt, worauf sie alles Leben auf der Erde über den Fallout vernichtet. Der Film porträtiert auch einen durchgeknallten Kommandeur, der, ohne von der doomsday machine der gegnerischen Sowjet zu wissen, seiner Einheit einen präemptiven Erstschlag befiehlt. So sollen seine vorgesetzten Generäle dazu gezwungen werden, ihr gesamtes nukleares Pulver zu verschießen, um einen sowjetischen Gegenangriff überleben zu können. Der Film spiegelt die Realität wider, denn der Nuklearstratege Herman Kahn hatte in der Tat die Entwicklung einer solchen Maschine in Betrachtung gezogen, um die MAD zu untermauern.
Es wird angenommen, dass die Abkehr von MAD bereits am 25. Juli 1980 von US-Präsident Jimmy Carter eingeleitet wurde, der in der Presidential Directive 59 von einer Ausgleichsstrategie (countervailing strategy) sprach. Ziel der US-Sicherheitspolitik war fortan einen Nuklearkrieg zu gewinnen. Ziel der Nuklearsprengköpfe waren nicht länger die sowjetische Bevölkerung, sondern zuerst die Führungsschicht, dann militärische Ziele. Damit verband sich die Hoffnung, die Russen würden aufgeben, bevor es zu einer totalen Zerstörung der UdSSR und der USA käme.
US-Präsident Ronald Reagan setzte diese neue Marschrichtung fort und plante mit seiner Strategic Defense Initiative (SDI) das Prinzip der MAD durch eine neue Strategie zu ersetzen. Durch den Aufbau einer umfassenden, absoluten Raketenabwehr sollte die Welt langfristig atomwaffenfrei werden. Anhänger dieser sicherheitspolitischen Richtung sprachen denn auch von 'Mutual assured security'. Doch letztlich scheiterte das SDI-Projekt und damit die Unterminierung der gesicherten Zerstörung an technologischen und finanziellen Hürden.
Mit dem Fall des Ostblocks reduzierten sich die Spannungen zwischen Russland und den USA und zwischen den USA und China deutlich. In beiden Fällen wurde MAD als Modell für Stabilität zwischen den Atommächten abgelöst. Obwohl die Regierung unter George W. Bush vom ABM-Vertrag zurücktrat, betont sie, dass das von ihr geplante Raketenabwehrsystem gegen nukleare Erpressung durch Staaten mit geringer nuklearer Kapazität (wie etwa Nord-Korea) aufgebaut werde. Dieses Prinzip der asymmetrischen Kriegsführung schließe, anders als MAD, die Geiselnahme ganzer Bevölkerungen aus. Die russische Regierung blieb dem Werben der USA um diese Strategie aber reserviert, vor allem weil sie befürchtet, die USA würden davon mehr profitieren als Russland.
