Mythos
Ein Mythos [ˡmyːtʰɔs] (der; griechisch, zu altgr. mythos, "Wort", "Rede", "Erzählung"; lat. mythus, Mz: Mythen) oder eine Mythe ist eine Erzählung von Ereignissen einer Götter-, Schöpfungs-, Vor- oder Frühgeschichte, die sehr oft symbolische und ins phantastische gehende Elemente enthält. Diese Erzählungen von Göttern und menschlichen Kulturhelden und Menschen bieten Erklärungen dafür, wie die Tatsächlichkeiten der Gegenwart in denjenigen der Vergangenheit begründet worden sind, d. i. Entstehung der Götter, der Menschen, eines Volkes, des Kosmos (=Kosmogonie). Sie berichten auch über vor- und endzeitliches oder jenseitiges Geschehen, d. i. die Apokalypse, und betrifft die Eschatologie. Psychologisch sind Mythen durch ihre enthaltenen Projektionen bezüglich menschlicher Probleme und Erfahrungen oder Umstände auf übermenschliche Wesen, Charaktere u. ä. tiefenpsychologisch deutbar (vgl. Archetypus).
Der Mythos ist eine bildhafte Weltauslegung und Lebensdeutung in erzählerischer Berichtsform, versehen mit Symbolen, Visionen und fabulierenden Darstellungen, die jedoch eine allgemeine Wahrheit enthalten kann. Im Mythos wird das Handeln und Wirken von Göttern auch in Anlehnung an menschliche Verhältnisse (anthropomorph) dargestellt (Götterfamilien, Göttergeschlechter), siehe Griechische Mythologie.
Mythen werden in den Mythologien der Völker systematisch zusammengefasst, überliefert bzw. tradiert und vor allem gedeutet. Die Genesis des Pentateuch der Bibel enthält in diesem Sinne mythische Erzählungen als literaturwissenschaftliche Gattung, jedoch keine Mythologie, siehe Garten Eden.
Als Gegensatz zum Mythos kann pejorativ (das ist: abwertend, verschlechternd) der Logos gesetzt werden, der – im Gegensatz zum Mythos – dem rationalen Diskurs zugänglich ist. Literaturwissenschaftlich ist dem Mythos die Geschichtsschreibung gegenüberzustellen oder moderne wissenschaftliche Theorien. Religionswissenschaftlich steht dem Mythos die Glaubenslehre bzw. die religiöse Tradition gegenüber.
Ein Mythos kann so auch allgemeiner als kollektive, irrationale Vorstellung bezeichnet werden (sic!), wie sie beispielsweise Roland Barthes in seinem Buch Mythen des Alltags beschreibt. Dies ist ein Beispiel der umgangssprachlichen umstrittenen Benutzung, die vor allem im angelsächsischen Raum zu beobachten ist, die jedoch die göttliche Komponente fehlen lässt und an ihrer Stelle allgemeiner den Glauben an etwas Irrationales setzt. Hierin und in der Komponente, manchmal eine Erklärung, eine Begründung zu liefern unterscheidet sie sich u. a. von der Legende und der Sage: z.B. Mythos Rhein, Mythos Marilyn Monroe (eigentlich: Sagenhafter Rhein, Die legendäre Marilyn Monroe.
Literaturgeschichte
Die schriftliche Niederlegung und dichterische Ausformung der Mythen kennzeichnet den "Beginn" der abendländischen [Literatur], die immer wieder zentrale [Motiv|Motive] des Mythos aufgreift und umformt. Bedeutend für die europäische [Kultur] sind die griechisch-römischen Mythen, die seit [Homer] und [Hesiod] zum Stoff der Dichtung wurden und bis ins [18. Jahrhundert] hinein durch die [Rezeption] der [Antike] literarische Motive lieferten.
[Platon] [Gorgias] 527a) und [Aristoteles] billigen dem Mythos nur noch die Möglichkeit einer Annäherung an die [Wahrheit] zu.
Die Dichter der Romantik griffen wieder auf griechische sowie nordische, später auch auf [indische] Mythen zurück.
Die [Aufklärung] verstand den Mythos als kindliche Vorstufe zum [Begriff|begrifflichen] Denken und durch dieses überwunden. [Max Horkheimer|Horkheimer] und [Theodor W. Adorno] betrachten im [20. Jahrhundert] die Gefahr des Verlustes des Mythischen im Aufklärungsprozess.
Aktuelle Deutungen
In der heutigen Forschung wird der Mythos als rituelle Wiederholung von Urereignissen gedeutet, als erzählerische Aufarbeitung menschlicher Urängste und -hoffnungen. In dieser Funktion hat er nach dem Urteil von Psychologen und Philologen einen unaufholbaren Vorsprung gegenüber Begriffssystemen.
Nach Nietzsche ist das Unbehagen in der Kultur der Moderne Ausdruck des Mythosverlusts: "Dem mythenlosen Menschen der Moderne fehlt die Kraft der Abbreviatur, der Horizontbegrenzung, die der Mythos leistet. Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes – er stellt ein Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildern" (Norbert Bolz, Eine kurze Geschichte des Scheins, 1991).
In der aktuellen Verwendung bezeichnet Mythos häufig auch eine Volksmeinung ohne Bestimmbarkeit der Herkunft bzw. Begründung (Mythos Spiegel) oder eine Überhöhung bzw. Stilisierung (Mythos Apple). Ein Politischer Mythos soll Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit stiften.
Literatur
- Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 1969.
- Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos, 1979.
- K.-H. Bohrer (Hrsg.): Mythos und Moderne, 1983.
- F. Creuzer: Symbolik und Mythologie der alten Völker, 1837-1858.
- Roland Barthes: Mythen des Alltags
Spezialuntersuchung innerhalb der einzelfallbezogenen Biografieforschung:
- Wouter J. Hanegraaff: Versuch über Friederike Hauffe: Zum Verhältnis zwischen Lebensgeschichte und Mythos der "Seherin von Prevorst" (II). In: Suevica. Beiträge zur schwäbischen Literatur- und Geistesgeschichte 9 (2001/2002). Stuttgart 2004 [2005], S. 233-276. (ISBB 3-88099-428-5.)
Kategorie:Mythologie
