Naturalismus (Philosophie)
Der Naturalismus bezeichnet eine philosophische Auffassung, die die qualitativ verschiedenen Seinsbereiche der objektiven Realität mit naturwissenschaftlichen Kategorien zu erklären oder zu begründen sucht. Die Natur wird als das Primäre, Absolute, allen zugrunde liegende Prinzip angesehen. Alles Existierende (Mensch, Geschichte, Kultur, Kunst, Erkenntnis, Moral u.a.) wird monistisch auf Wirkungen der Natur zurückgeführt.
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Zu den verschiedenen Richtungen des philosophischen Naturalismus
Der philosophische Naturalismus kann in verschiedene Richtungen eingeteilt werden:
- der metaphysiche Naturalismus begründet alles Geistige im Urgrund der Natur, das sich nur als sekundäre, abgeleitete, abhängige Daseinsweise herausbildet
- der praktische Naturalismus der in den Auffassungen der Stoiker und Kyniker von der Moral und Sittlichekit zu finden ist(siehe auch J.G. Faber, De naturalismo morali, 1752)
- der historische Naturalismus oder soziologische Naturalismus begründet alles historische Geschehen als Folge eines Naturprozesses, das sich streng als kausale Folge von Ereignisketten ergibt
- der theologsiche Naturalismus oder religiöse Naturalismus erklärt die göttlichen Vorstellungen bzw. die Gottesvorstellung als Identisch mit der Naturvorstellung bzw. direkt im Objekt der Natur
- der ethische Naturalismus erklärt das Sittliche aus den natürlichen Trieben, den natürlichen Gegebenheiten. Das sittliche Verhalten wird demnach nicht nach idealen Normen bewertet, sondern nach den Maßen des Auslebens der natürlichen Anlagen
- der ästhetische Naturalismus erklärt die naturgetreue Abbildung und Deutung der Wirklichkeit als alleinige angestrebte wahre Kunst- und Literaturform ohne jede idealisierte Interpretation
Zu den naturalistischen Vorstellungen in der griechischen Antike
Der Naturalismus in seiner ersten Form wurde im ethischen Naturalismus der ionischen Naturphilosophie herausgebildet in der Lehre des Straton von Lampsakos, der das ganze Geschehen in den Naturkräften sieht: omnen vim divinam in natura sitam esse censet (in: Cicero, De natura deorum, I). Er führt alles auf die Wirkungen der Natur zurück, auch die göttlichen Vorstellungen: opera deorum se uti ad fabricandum mundum, quaecunque sit, docet omnia ess effecta naturata(in: Cicero, Academici libri quattuor, pr. II). In dieser Tradition sind auch die Stoiker, Epikureer und Lukrez als Naturalisten aufzufassen.
Zur Entstehung der ersten Formen des philosophischen Naturalismus
Der Naturalismus als philosophische Strömung entstand im 17. und 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Herausbildung des Deismus und als Gegenreaktion auf den Supranaturalismus der christlich-mittelalterlichen Tradition. Georg Friedrich Meier definiert die naturalisische Auffassung wie folgt:
"Ein Naturalist leugnet überhaupt alle übernatürlichen Begebenheiten in der Welt"(in: Metaphysik, IV, 1759)
Bei Rudolf Eucken findet sich in seiner Schrift "Geschichte der philosophischen Terminologie" (1879, Neuauflage: 1960) der Hinweis auf Jean Bodin (1529/1530 - 1596), der einen Naturalisten danach definiert, der die natürliche Erkenntnis als primäre Erkenntnis im Denken erklärt. Eugen Kühnemann beschreibt in seiner Herausgabe "Schillers philosophische Schriften" das gegensätzliche Verhältnis des Idealismus zum Naturalismus:
"Der Gegensatz ist schon im Theoretischen wichtig genug. Hier sieht der Naturalismus im Erkennen nichts als die aus der Erfahrungsschulung sich natürlich ergebende Gestaltung unserer Vorstellungen. Der Idealismus aber erweist die - ganz abgesehen von jeder subjek- tiven Entwicklung - objektiv und notwendig aber logisch gültigen Ideen. In der Lehre vom sittlichen Leben aber kommt der Gegensatz der Ansichten eigentlich zum Austarg. Der Naturalismus sieht auch in den sittlichen Gebilden nur eine irgendwie geartete Gestaltung des natürlichen Geschehens".
Zur neuen Belebung des Naturalismus mit Beginn der Renaissance
Mit der Renaissance erlebt der Naturalismus einen neuen Auftrieb durch die Naturphilosophie. Hier ist u.a. Giodarno Bruno und Giulio Cesare Vanini mit seiner Schrift De admirandis naturae reginae deaeque mortalium arcanis libri quatuor 1616, (Die wunderbaren Geheimnisse der Natur, der Königin und Göttin der Sterblichen, vier Bücher). Unter gewissen Einschränkungen kann man auch Thomas Hobbes, Spinoza und Pierre Gassendi unter den Naturalismus einordnen. Denis Diderot definiert unter Naturalist die Bezeichnung gleich Materialist, Atheist und Spinozist. Und Holbach erklärt zum Menschen: L'homme et l'ouvrage de la nature (in: Système de la nature, ou, des Loix du monde physique et du monde morale, 1783).
Zu den Richtungen des theologischen Naturalismus
Bei John Toland findet man einen naturalistsich geprägten Pantheismus. Naturalistische Ansichten und Auffassungen terten bei Goethe in seiner Weltanschauung und bei Herders Betrachtungen zwischen der Entwicklung der Natur und der Geschichte auf. Sie alle eint als gemeinsame Grundlage das im 17. und 18. Jahrhundert vorherrschende Naturverständnis. Dabei bildete sich sogar ein theologischer Naturalismus heraus. Der entschiedene Vertreter dieser Richtung ist Ludwig Feuerbach. Für ihn erscheint die Natur als Inbegriff des Wirklichen. Die Natur bringt den Menschen hervor, denn sie ist die Basis des Geistes. Und die Lösung der Menschenprobleme sah er im Heil der Natur, zu dem der Mensch zurückkehren muß: Die Rückkehr zur Natur ist allein die Quelle des Heils. Die Richtung des ethischen Naturalismus ist bei Friedrich Nietzsche ausgeprägt, der die Herrenmoral als die natürliche Moral auffaßt. So es es dem Starken ermöglicht, das Moment des Auslebens der Persönlichkeit zu vollziehen.
Zu den entschiedenen Gegnern des Naturalismus
Gegner des Naturalismus sind die Idealisten, Neukantianer und Spiritualisten. Entschiedener Gegner des Naturalismus ist Rudolf Eucken. Die Kritik am Naturalismus besteht darin, daß er ihn als eine der Lebensanschauung, als Syntagenem, auffaßt. Das Subjekt werde im Naturalismus vernachlässigt, obwohl es doch Voraussetzung sei. Auch sei das Geistige gegenüber der Natur herausgehoben, gegenüber der Natur neu (in: R. Eucken, Grundlinien einer neuen Lebensanschauung, 1907). .
Zu naturalistischen Richtungen in der Soziologie
In der Soziologie bildete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich eine Richtung heraus, die die gesellschaftlichen Prozesse für das Ergebnis physikalischer, biologischer u.a. "ewiger" Naturgesetze hielt. Sie bezeichnete sich als naturalistisch. Im 20. Jahrhundert bekannte sich eine Reihe von amerikanischen Philosophen zum Naturalismus, so die Pragmatisten Sidney Hook, Clarence Irving Lewis, die kritischen Realisten Georges Santayana und Charles August Strong, Durant Drake und Roy Wood Sellars, die objektiven Idealisten Frederick Woodbridge, Marvin Lou Cohen, Ernest Nagel, Willard Van Orman Quine u.a. Hier wird deutlich sichtbar, daß sich unter der Bezeichnung des Naturalsimus verschiedene Strömungen subsumieren lassen.
Zur Begründung sogenannter naturalistischer Theorien
Auch in der neueren Ethik werden Konzeptionen, die moralische Ideen mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Daten oder Tatsachen des sozialen Lebens begründen wollen, als naturalistische Theorien bezeichnet, so bei George Edward Moore und John Dewey. Selbst im Pragmatismus gibt es einen Bezug zum Naturalismus, weil dort die Natur als einzige Realität anerkannt wird. Jedoch beruht bei ihm die Erfahrung nur auf dieser anerkannten Realität, welches aus der Gleichsetzung von Natur und Erfahrung resultiert.
