Nazarenische Kunst

thumb|Nazarenisches Fresko im Speyerer Dom Als Nazarenische Kunst wird eine romantisch-religiöse Kunstrichtung bezeichnet, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von deutschen Künstlern in Wien und Rom entstand und sich der Erneuerung der Kunst im Geist des Christentums aus der Wiederentdeckung alter italienischer und deutscher Kunst heraus widmete.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Anfänge und der Lukasbund

thumb|Selbstporträt Friedrich Overbeck, 1840 Die Kunstrichtung wurde von Studenten, die ab 1804 an der kaiserlichen Wiener Kunstakademie studierten, ins Leben gerufen. Die Ausbildung an der von Friedrich Heinrich Füger geprägten Akademie folgte einem strengen Lehrplan. Die technischen Aspekte der künstlerischen Fertigkeit hatten Vorrang vor dem künstlerischen Ausdruck. Bei den Themen orientierte man sich, der damaligen klassizistischen Auffassung folgend, streng an antiken Vorbildern.

Einige Akademiestudenten vermissten bei dieser Ausbildung etwas ihrer Ansicht nach Wesentliches: Man lernt einen vortrefflichen Faltenwurf malen, eine richtige Figur zeichnen, lernt Perspektive, Architektur, kurz alles - und doch kommt kein richtiger Maler heraus. Eins fehlt ... Herz, Seele und Empfindung, schrieb der 19-jährige Friedrich Overbeck 1808 in einem Brief an seinen Vater. Eine Gruppe von Studenten, unter ihnen Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Josef Sutter, Josef Wintergerst, Josef Hottinger und Ludwig Vogel, suchten jeder für sich, aber in regem gemeinsamen Austausch neue Wege. Vier von ihnen, nämlich Overbeck, Pforr, Hottinger und Vogel, gründeten am 10. Juli 1809 gemeinsam mit weiteren Künstlern den Lukasbund. Dieser Name wurde gewählt, weil der Evangelist Lukas als Schutzpatron der Maler gilt.

Obwohl in technischer Hinsicht von der Akademieausbildung geprägt, entfernten sich diese Künstler inhaltlich rasch von den durch die Akademie vorgegebenen Themen. Im Einklang mit den romantischen und pietistischen Idealen jener Zeit fanden sie den von ihnen angestrebten Ausdruck in romantischen und sehr ausgeprägt in religiösen Themen. Ihre künstlerischen Vorbilder suchten sie im Spätmittelalter, beispielsweise in Albrecht Dürer und in italienischen Malern aus der Zeit vor Raffael wie Fra Angelico und Giotto.

Der künstlerische Gegensatz zur Akademieausbildung führte schließlich zum offenen Konflikt. 1809, im Jahr der Gründung des Lukasbundes, wurden die vier Lukasbrüder förmlich von der Akademie ausgeschlossen.

Die Künstlerkolonie in Rom

thumb|Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1811 1810 verließen Franz Pforr, Friedrich Overbeck, Ludwig Vogel und Josef Hottinger Wien, um nach Rom zu ziehen und dort ihre italienischen Vorbilder studieren zu können. Sie bezogen Quartier im leer stehenden Franziskanerkloster Sant'Isidoro und führten ein künstlerisches Außenseiterleben. Eine Theorie besagt, dass die Bezeichnung Nazarener auf die spottlustigen Römer zurück zu führen sei: Alla Nazarena nannten sie die wallende Haartracht der Künstler, die man sich in etwa so vorstellen kann wie Albrecht Dürers Frisur auf seinem berühmten Selbstbildnis von 1500.

Die Gruppe bekam Zulauf. In den Jahren 1811 - 1816 stießen Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Johannes Veit, Peter von Cornelius, Franz Ludwig Catel, Joseph Anton Koch, Wilhelm von Schadow und Carl Philipp Fohr zu ihr. Ein Teil dieser Männer zog jedoch eine lockere künstlerische Verbundenheit dem klösterlichen Leben in Sant'Isidoro vor. Ihre Themen fanden die Maler in Porträtkunst, in religiösen Szenen und in der Landschaftsmalerei. In letzterer taten sich vor allem Schnorr von Carolsfeld und Carl Philipp Fohr hervor.

Die neue Kunstgattung errang ihren Durchbruch und öffentliche Anerkennung durch zwei Großaufträge: 1815 - 1817 entstanden die Freskenzyklen in der Casa Bartholdy, der Residenz des preußischen Generalkonsuls Bartholdy. 1817 - 1827 entstanden im Auftrag des Marchese Massimo, einem Mitglied des römischen Hochadels, die Fresken in seiner römischen Stadtresidenz Villa Massimo.

Weitere Entwicklung in Wien

thumb|Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Hochzeit zu Kana, 1819 In Wien, ihrem Ausgangspunkt, hatte die neue künstlerische Bewegung es schwerer, sich durchzusetzen. 1812 zog der Lukasbruder Joseph Anton Koch von Rom nach Wien um. Er fand Aufnahme in einen Zirkel romantisch gesinnter Bürger und Künstler, unter ihnen Wilhelm von Humboldt und seine Frau Karoline, Joseph von Eichendorff, Clemens und Bettina Brentano, und einen Kreis junger Maler, die sich im Hause der Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel trafen. Gestützt durch Aufträge aus diesem Umfeld, entstanden eine ganze Reihe von Landschaftsbildern mit religiösen Themen, insbesondere durch Ferdinand Olivier und Julius Schnorr von Carolsfeld.

Trotz der Unterstützung durch das romantisch gesinnte Bürgertum traf die Bewegung im offiziellen, staatlich dominierten Kunstbetrieb auf scharfe Ablehnung. 1812 wurde Fürst Metternich zum Kurator der Wiener Akademie ernannt. Diese sah sich weiterhin den Idealen der klassizistischen Kunst verpflichtet, und der in allen Dingen politisch denkende Metternich sah in der Kunst eine Domäne des Staates und jeglicher Abweichung von der offiziellen Linie bereits Ansätze von Geheimbündelei.

Bereits 1815 begannen sich die Wiener Lukasbrüder wieder zu zerstreuen. Ferdinand Olivier scheiterte 1816 mit einer Ausstellung an der beißenden Kritik seitens der Akademie: man nannte seine Kunstauffassung rücksichtslos, ihn selbst einen Sonderling, einen Don Quichote, einen Manieristen, der von der Natur abweiche. Ludwig Schnorr von Carolsfeld bewarb sich 1818, nach Friedrich Heinrich Fügers Tod, auf die Direktorenstelle an der Akademie und fiel mit dieser Bewerbung durch.

Erst ab 1830, als sich der romantische Nationalismus als politische Einstellung im gesamten deutschen Sprachraum durchsetzte, konnte die nazarenische Kunst, von Bayern und Preußen ausgehend, auch an ihrem Entstehungsort Wien wieder Fuß fassen.

Durchbruch in Deutschland und Niedergang

Der Durchbruch der Nazarener zu öffentlicher Anerkennung in Deutschland begann 1818 mit einem Besuch des bayrischen Kronprinzen Ludwig in Rom. Der Kronprinz trat mit den Nazarenern in Verbindung und war besonders von Peter von Cornelius beeindruckt. 1819 berief er diesen auf eine Lehrstelle an der königlichen Akademie in München.

Wenige Jahre später waren die Direktorenstellen an den Akademien in Düsseldorf, in Berlin und in Frankfurt am Main mit Nazarenern besetzt. Diese zogen ihrerseits einen großen Kreis von Schülern heran. Ihren Höhepunkt fand die Bewegung etwa um 1830.

Um diese Zeit herum hatte sich der Lukasbund schon fast aufgelöst: Dadurch, dass alle führenden Mitglieder auf Stellen nach Deutschland berufen worden waren, ging die Keimzelle in Rom und damit der enge Zusammenhalt der Gruppe verloren.

Der anschließende Niedergang wurde durch innere und äußere Gründe verursacht. Zum einen verengte sich der künstlerische Horizont bei vielen Nazarenern auf ausschließlich religiöse Themen, während zuvor historische Themen, Landschaften und Porträts einen wichtigen Anteil am Gesamtwerk hatten. Die thematische Behandlung geriet immer häufiger süßlich-penetrant. Ein äußerer Grund für dieses Abgleiten ins rein Religiöse waren die Revolutionen von 1830 und 1848 und die damit verbundene Polarisierung innerhalb der Romantik zwischen Religiosität und politischem Sturm und Drang. Ein weiterer Grund war die preußische politische Dominanz ab 1848, verbunden mit einer aggressiven Kulturpolitik Preußens: Der preußische Kulturkampf richtete sich gegen alle Strömungen, die mit römisch-katholischen Geisteshaltungen verbunden waren, und drängte die Nazarener aus den öffentlichen Einrichtungen wieder heraus.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Nazarener vom Impressionismus mit seinen revolutionären neuen Auffassungen überstrahlt. Das Kunstideal der Nazarener hatte sich inhaltlich verbraucht und war zur Schablone herab gekommen. Die gesamte Kunstrichtung wurde gering geschätzt und geriet in Vergessenheit. Davon waren auch ihre frühen Protagonisten, die hervorragende Maler und zu ihrer Zeit mutige Neuerer waren, betroffen. Erst spät im 20. Jahrhundert, ab den 1970er Jahren, kam es zu einer Neubewertung des künstlerischen Historismus des 19. Jahrhunderts und in diesem Zusammenhang zu einem erneuten Interesse an nazarenischer Kunst.

Der Name Nazarener im stilkundlichen Sinn wurde wahrscheinlich erst im Nachhinein geprägt. Zum ersten Mal in schriftlicher Form findet er sich 1891 in den Jugenderinnerungen des Malers Wilhelm von Schadow. Ob der Begriff tatsächlich in Rom geprägt und als Spottbegriff in der Blütezeit des Lukasbundes verbreitet war, ist ein nicht geklärtes Gerücht.

Merkmale nazarenischer Kunst

In einer Hinsicht gleicht die nazarenische Kunst der klassizistischen Schule, aus der sie sich entwickelt hat: Die klare, konturierte Form hat Vorrang vor der Farbe, das Zeichnerische hat Vorrang vor dem Malerischen. Vorherrschendes Kompositionselement ist die menschliche Figur.

Die Farben haben vor allem die Funktion, die Szene zu verinnerlichen und zu vergeistigen. In warmem, pastelligem Schmelz werden Figuren und Landschaft miteinander verbunden. Besonderen Wert wird auf die Lichtführung gelegt, die zu den zentralen Figuren hinleitet. In vielen nazarenischen Bildern ist sie das einzige dramatische Element in einer Bildkomposition, die im übrigen von tiefer Ruhe, Innerlichkeit und Ernst bestimmt ist. Diese Feierlichkeit entrückt Szenen, die thematisch sehr alltäglich scheinen, ins Überirdische. Die luftigen, durchsichtigen Blautöne des Barock-Klassizismus, welche die Szene in allegorische Ferne entrücken, sind tabu. Die geringe räumliche Tiefenwirkung und das Vermeiden greller Farbkontraste unterstützen die Feierlichkeit. Sie sind äußere Merkmale, die die Nazarener mit ihren mittelalterlichen Vorbildern verbinden.

thumb|Friedrich Overbeck: Porträt Franz Pforr, 1810 Der Gesichtsasudruck der dargestellten Figuren ist ernst und verinnerlicht; man sieht kein einziges heiteres oder gar lachendes Gesicht. Auffällig sind die weichen, glatt rasierten Gesichtszüge der Männer. Auch in dieser Hinsicht ist die nazarenische Kunst mittelalterlichen Vorbildern ähnlich. Dies gilt auch für die nazarenische Proträtkunst. Mit ernsten, großen Augen schaut in den Porträts, die Friedrich Overbeck 1810 von seinem Freund Franz Pforr gemalt hat, der Porträtierte den Betrachter an.

Die Erotik wird als Thema in der nazarenischen Malerei fast völlig ausgeklammert. Die Menschen auf nazarenischen Bildern sind meist völlig bekleidet, auffällig oft in wallende Gewänder mit starkem Faltenwurf und klassizistischer Anmutung. Darstellungen fast nackter Körper, wie in Friedrich Overbecks 1920 vollendetem römischen Monumentalfresko Olindo und Sophronia auf dem Scheiterhaufen, sowie die Aktbilder von Julius Schnorr von Carolsfeld, sind absolute Ausnahmen.

Nazarenische Künstler

Nazarenische Kunstausstellungen

Eines der Zentren der Kunst der Nazarener ist heute das Behnhaus des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Lübeck, Overbecks Heimatstadt.

Aktuell, ab dem Frühsommer 2005, zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main eine [http://www.schirn-kunsthalle.de/index.php?do=exhibitions_detail&id=56&lang=de Ausstellung] über die Nazarener.

Literatur

See also: Nazarenische Kunst, 10. Juli, 1500, 1804, 1808, 1809, 1810, 1811, 1812, 1813