Logischer Empirismus
Der logische Empirismus ist eine Wissenschaftstheorie. Der logische Empirismus entstand in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und knüpfte an Auguste Comte, John Stuart Mill, Herbert Spencer, Henri Poincaré und Ernst Mach an. Die im Wiener Kreis vereinten Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler bezeichneten ihre Philosophie auch als "logischen Positivismus", "konsistenten Empirismus" und "Neopositivismus".
Als Programm und Ziel des 'Wiener Kreises' galt die Herausbildung einer Einheitswissenschaft, in der alle Wissenschaftsdiziplinen mit einer Einheitssprache vereinigt werden sollten.
Wiener Kreis
Definition des "Gegebenen"
Heute ist es üblich, Neopositivismus als Sammelbezeichnung für alle Gedankensysteme zu verwenden, in denen die philosophischen Probleme als unwissenschaftliche und sinnlose Scheinprobleme angesehen werden und davon ausgegangen wird, dass das einzige, wovon die Menschen Erkenntnisse erlangen könnten, das "Gegebene" sei. Dabei wurde zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes unter dem "Gegebenen" verstanden. Anfangs ging man davon aus, dass es alles unmittelbar Beobachtete sei. Heute bezeichnen die meisten Neupositivisten mit diesem Wort alles das, was im Gegenstandsbereich irgendeiner Einzel- oder Querschnittswissenschaft liegt. Insofern wäre einerseits der Empiriokritizismus, aber andererseits auch die Analytische Philosophie, die im Anschluss an die späten Schriften von Ludwig Wittgenstein entstanden ist, dazu zu zählen.
Unter logischem Empirimus wird darum heute meist nur noch die den Bemühungen des 'Wiener Kreises' nahestehende, an die Methoden der Logik orientierte Linie im Positivismus verstanden.
Gründung des Wiener Kreises
Als Begründer der Wiener Kreises gilt Moritz Schlick, der 1922 auf den ehemals für Ernst Mach eingerichteten "Lehrstuhl für Philosophie der induktiven Wissenschaften" berufen wurde. In Wien gab es bereits eine logische und positivistische empiristische Tradition. Schlick gelang es noch 1922, einen Kreis von Gelehrten und Studenten um sich zu versammeln, deren philosophisches Interesse sich besonders auf die erkenntnistheoretischen und logischen Probleme richtete, die es mit den Gültigkeitsgründen der Wissenschaften zu tun haben.
Schlicks Habilitationsschrift über das Wahrheitsproblem, seine philosophischen Analysen der Relativitätstheorie und sein Hauptwerk, die "Allgemeine Erkenntnislehre" (1918), prädestinierten ihn zum Leiter des Kreises. Die Mehrheit der Mitglieder besaß eine abgeschlossene mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung. Durch die persönliche Bekanntschaft Schlicks mit Max Planck, Albert Einstein und David Hilbert kam es zu einem engen Kontakt zwischen dem Kreis und diesen hervorragenden Gelehrten.
Mitglieder des 'Wiener Kreises' und anderer Gruppen
Dem Wiener Kreis gehörten u.a. an: Gustav Bergmann, Rudolf Carnap, Herbert Feigl, Philipp Frank, Kurt Gödel, Hans Hahn, Bela Juhos, Felix Kaufmann, Victor Kraft, Karl Menger, Heinrich Neider, Otto Neurath, Friedrich Waismann, Walter Hollitscher und Edgar Zilsel. Es bildeten sich bald einige vom 'Wiener Kreis' abhängige Kreise in Berlin und Lemberg (Lwow) heraus.
In Berlin waren es vor allem Kurt Grelling, Walter Dubislav, Carl Gustav Hempel, Richard von Mises und Hans Reichenbach, die den Kontakt suchten. Die bedeutendsten Mitglieder der polnischen Logikerschule waren: Jan Lukasiewicz, Stanislaw Lesniewski, Alfred Tarski, Leon Chwistek, Kasimierz Ajdukiewicz und Tadeusz Kotarbinski. In Skandinavien wurde der logische Empirismus vor allem von Eino Kaila, Arne Naess, A. Petzäll und Jorgen Jorgensen aufgegriffen.
Gleichzeitig gab es verwandte Bestrebungen innerhalb des behavoristischen und logischen Pragmatismus in den USA, so z.B. bei Charles William Morris, Willard Van Orman Quine und Ernest Nagel. Die Analytische Philosophie in England geht nicht nur auf Ludwig Wittgenstein und H. Moore zurück, sondern auch auf S. Stebbing, Gilbert Ryle, R.B. Braithate, J. Wisdom und Alfred Ayer, die eng mit dem 'Wiener Kreis' verbunden waren.
Ferner gab es Verbindungen nach Frankreich und nach Prag. Die Prager "Filiale" wurde von Philipp Frank und Rudolf Carnap (ab 1931) geleitet.
Herausbildung des logischen Empirismus
Entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung des logischen Empirismus übten vor allem drei Werke aus:
- die "Allgemeine Erkenntnislehre" von Moritz Schlick
- die "Principia mathematica" von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell
- der "Tractatus Logico-Philosophicus" von Ludwig Wittgenstein
Die Phase der Entstehung des logischen Empirismus war dadurch gekennzeichnet, dass die Mitglieder des Kreises noch von den verschiedensten philosophischen Positionen aus argumentierten. Felix Kaufmann war stark beeinflusst durch Edmund Husserls Phänomenologie. Hans Hahn tendierte zum phänomenologischen Empirismus Machs (siehe Machismus), während Schlick und Reichenbach die Existenz einer Realität außerhalb des menschlichen Bewusstseins anerkannten.
Auswahl der Methodik
Das gemeinsame Bemühen bestand in der Errichtung einer "wissenschaftlichen Weltauffassung". Die Ignoranz gegenüber einer bereits existierenden wissenschaftlichen Philosophie ist von den Vertretern des logischen Empirismus niemals aufgegeben worden. Die Garantie für die Wissenschaftlichkeit der neuen Weltauffassung und die Vermeidung jeder Metaphysik sollte in der ausschließlichen Verwendung von Methoden der mathematischen Logik liegen.
Anfangs verstand man unter Metaphysik jede Philosophie, die Methoden und Argumente verwendet, die nicht den Einzel- und Querschnittswissenschaften entstammten. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts ging man mehr und mehr dazu über, darunter jedes Gedankensystem zu verstehen, das dem Zweck dient, weltanschaulich bedeutsame Aussagen zu begründen. 1929 entstand die so genannte Programmschrift "Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis".
In ihr wird das Anliegen des logischen Empirismus formuliert:
- Die Begründung weltanschaulicher Aussagen soll nicht nur so wissenschaftlich als möglich erfolgen, sondern es sei die Aufgabe des Kreises, die weltanschaulichen Aussagen der Philosophie überhaupt zu eliminieren. Jede weltanschauliche Position impliziere einen unwissenschaftlichen, metaphysischen Standpunkt. Im logischen Empirismus sollen keine eigenen philosophischen Thesen mehr aufgestellt werden.
Konstruktion von Sinnkriterien
Somit wird die Philosophie auf die Einstellung zur Wissenschaft reduziert. Von Wittgenstein wird der Gedanke übernommen, dass die Philosophie keine Wissenschaft sei, die eigene Aussagen aufstellt, also Erkenntnisse über einen eigenen Gegenstandsbereich gewinnt. Philosophie sei lediglich eine Tätigkeit, die den Sinn von Sätzen anderer Disziplinen klärt. Daher wurden im 'Wiener Kreis' verschiedene Sinnkriterien" entwickelt.
Diese sollten vor allem die Entscheidung darüber ermöglichen, ob ein Satz überhaupt sinnvoll und damit legitimer Bestandteil einer Wissenschaft sei oder nicht. Mit der Konstruktion entsprechender Sinnkriterien seit dem Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts war die Herausbildung des logischen Empirismus abgeschlossen. Die verschiedensten entwickelten Sinnkriterien waren stets so beschaffen, dass sie spekulativ-idealistische und materialistische Aussagen gleichermaßen als sinnlos verwarfen.
Reduktion der Aussagen
Der 'Wiener Kreis' stellte sich nach außen als objektiv "neutral" heraus. Jedoch existierten bei den meisten logischen Empiristen in verdeckter Form die verschiedensten philosophischen Standpunkte. So findet man z.B. bei Wittgenstein (der selber aber kein Mitglied im 'Wiener Kreis' war) einen deutlichen Hang zum objektiven Idealismus, während Schlick und Reichenbach es als selbstverständlich betrachteten, dass die Gegenstände auch außerhalb des Bewusstseins existierten.
Entsprechende Aussagen wurden jedoch als empirische und nicht als philosophische Aussagen begriffen. Dass es keine philosophischen Aussagen geben könne, wurde wie folgt begründet:
- Es gibt Urteile, die unabhängig von aller Erfahrung, d. h. a priori gelten. Diese sind analytisch. Alle Urteile, die sich auf Erfahrungen stützen, d. h. die Urteile a posteriori, sind synthetisch. Alle apriorischen Urteile werden in der Mathematik und Logik behandelt. Sie sagen nichts über die Wirklichkeit aus. Dagegen gehören alle aposteriorischen Urteile zu den Naturwissenschaften. Sie allein vermitteln den Menschen Wirklichkeitserkenntnisse. Eine Verbindung zwischen beiden Wissenschaftsarten sei angeblich nur im logischen Empirismus möglich, da er (wie jeder Empirismus) davon ausgeht, dass alle Erkenntnisse aus den Sinneswahrnehmungen stammen, aber zugleich die Methoden zur Ordnung des Sinnesdatenmaterials aus den analytischen Wissenschaften nimmt. Wenn es nun noch eine spezielle philosophische Wissenschaft von der Wirklichkeit gäbe, dürften deren synthetischen Urteile nicht wie die der Naturwissenschaften a posteriori sein, sondern a priori.
Damit ergaben sich aber für den 'Wiener Kreis' erhebliche Probleme der Darstellung der eigenen Aussagen. Da es nun für die Mitglieder des 'Wiener Kreises' keine synthetischen Urteile a priori gab, konnte es für sie auch unmöglich eine spezielle philosophische Wissenschaft geben.
Forderung nach Klarheit der Sprache
Alle philosophischen Problemstellungen beruhten nach Ansicht der Vertreter des logischen Empirismus auf Sprachverwirrungen, die durch die Unzulänglichkeit der Umgangssprache entstehen. Anfangs widmete man sich deshalb vor allem der Syntax, da besonders Carnap im Anschluss an Wittgenstein annahm, dass philosophische Probleme dadurch entstünden, dass in der Umgangssprache Zeichenreihen gebildet werden, die grammatisch einwandfrei und dennoch sinnlos sind.
Man wollte eine Grammatik entwickeln, die nur noch sinnvolle Sätze zulässt. Da sich aber alle echten philosophischen Probleme in der entstehenden Sprache nicht formulieren ließen, musste der Versuch scheitern. Danach bezog man in Anlehung an Wittgenstein die Bedeutung der Wörter in den Problemkreis mit ein (Wittgenstein hat sich später selber von dieser Konzeption wieder gelöst). Die Methode wurde aus dem "Tractatus" entnommen:
Logischer Atomismus
- Jeder sinnvolle Satz lässt sich in Elementarsätze analysieren, die aus Namen bestehen. Die Bedeutung des Namens ist der Gegenstand. Er muss einfach und unzerstörbar sein, weil nur so die Bedeutung des Namens gesichert werden kann: "Was die Namen der Sprache bezeichnen, muß unzerstörbar sein: denn man muß den Zustand beschreiben können, in dem alles, was zerstörbar ist, zerstört ist" (in: Philosophische Untersuchungen, § 55). Die Gegenstände bilden die letzten Bestandteile aller Welten.
Die Linie Carnaps: der Physikalismus
Carnap vertrat mit Schlick die konsequenteste wissenschaftliche Position und Konzeption, so dass sich diese als repräsentativ für den Wiener Kreis darstellen lässt. Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ging Carnap zum so genannten "Physikalismus" über. Er wollte die "Einheitswissenschaft" mit Hilfe einer "physikalischen Universalsprache" begründen.
Aussagen als Protokollsätze
Sämtliche Aussagen der Wissenschaft seien im Prinzip in Protokollsätze über physikalsiche Sachverhalte übersetzbar. Zugleich wurde eine Neubestimmung des Gegenstandes der Philosophie vorgenommen. Die Philosophie sei nicht die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen des Seins und Bewusstseins, sondern sprachanalytische Tätigkeit.
Das rationale Anliegen Carnaps, die Suche nach Kriterien des Wissenschaftlichen, führte ihn zunächst zu der These, Aussagen über subjektive Erlebnisse seien stets in intersubjektiv nachprüfbare Strukturaussagen übersetzbar (das so genannte Extensionalitätsprinzip).
Damit ist nach Carnap der geforderte intersubjektive (d.h. objektive) Charakter wissenschaftlicher Aussagen garantiert. Es erwies sich jedoch, dass dieser Ansatz in eine Sackgasse führt. Wenn die Wissenschaft auf Aussagen über unmittelbar Gegebenes reduziert wird, kann sie weder Gesetzesaussagen noch Prognosen liefern.
Die radiale Kehrtwende
Somit musste Carnap eine radikale Kehrtwendung vollziehen, indem er erklärte, nicht die individuelle Erfahrung selbst, sondern die sprachlichen Mitteilungen selbst konstituierten die Wissenschaft:
- Intersubjektiv sei eine Sprache, wenn sie einem konventionell festgelegten Regelsystem, der logischen Syntax der Wissenschaftssprache, entsprechen würde.
Dabei erhob sich jetzt aber die Frage, ob die Syntax als Basis wissenschaftlicher Kontrolle ihrerseits auch noch der wissenschaftlichen Kontrolle unterliegt. Er bejahte diese Frage zunächst, indem er nachzuweisen versuchte, dass die Metatheorie (siehe auch: formalisierte Theorie) einer formalen Sprache vollständig dieser Sprache selbst angehören kann.
Kurt Gödel zeigte jedoch, dass in einer solchen "eindimensionalen" Sprache zwangsläufig unentscheidbare Sätze auftreten, und Alfred Tarski begründete die Notwendigkeit, im Hinblick auf formale Systeme zwischen verschiedenen Sprachstufen zu unterscheiden (siehe semantische Stufentheorie). Das bedeutet, dass die Syntax einer Sprache nicht uneingeschränkt auf sich selbst anwendbar ist und kein hinreichendes Kriterium für den wissenschaftlichen (intersubjektiven) oder nichtwissenschaftlichen Charakter sprachlicher Mitteilungen sein kann.
Hinwendung zur Dualität sprachlicher Ausdrücke
Über verschiedene Zwischenstufen gelangte Carnap zu der Auffassung der Zweidimensionalität oder Dualität sprachlicher Ausdrücke:
- Die Intension repräsentiert die logische, die Extension repräsentiert die faktische Dimension des sprachlichen Ausdrucks
Damit aber stellte sich sogleich die nächste Frage: die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Extension und Intension, von Wissen und Wirklichkeitsgeltung, so dass Carnap zu einer neuen Lösung über dieses "Induktionsproblem" kommen musste.
Darstellung einer "induktiven Logik" bei Carnap
Carnap legte seiner "induktiven Logik" einen Wahrscheinlichkeitsbegriff im Sinne des Bestätigungsgrades von Hypothesen zugrunde. Ist nach dem Bestätigungsgrad einer Hypothese gefragt, so geht es nach Carnap darum, die Bedeutung der Hypothese mit der Bedeutung der verfügbaren Erfahrungsaussagen zu vergleichen:
- Die Ermittlung eines Bestätigungsgrades läuft auf einen Vergleich zweier Intensionen hinaus und ist damit ein "rein logisch-semantisches" Problem.
Allerdings gelang es Carnap auch mit diesem erweiterten Ansatz nicht, die Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit zu schließen bzw. ein tragfähiges allgemeines Kriterium der Wissenschaftlichkeit von Aussagen zu formulieren.
Kritik am 'Wiener Kreises' als allgemeiner Konzeption
Carnap hat wie kein anderer des 'Wiener Kreises' die einschlägigen konzeptionellen Ansätze und Thesen zur Wissenschaftbegründung stets mit bemerkenswerter Konsequenz und Entschlossenheit ausgeführt und damit die latent vorhandenen inneren Widersprüche des, empiristischen und positivistischen Denkens expliziert und deutlich werden lassen.
Sein konstruktiver Beitrag zum philosophischen Erkenntnisfortschritt liegt weniger auf philosophisch-erkenntnistheoretischem und allgemeinmethodologischem Gebiet, sondern besteht in seinen logischen, syntaktischen und semantischen Spezialuntersuchungen.
Literatur
Achinstein, P. und Barker, The legacy of Logical Positivism, Baltimore: The John Hopkins Press, 1969.
