Neuscholastik

Die Neuscholastik bezeichnet einen Sammelbegriff für die innerhalb der katholischen Kirche im Rückgriff auf die mittelalterliche Scholastik von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart entwickelten philosophisch-theologischen Lehren. Der Begriff der Neuscholastik wurde wahrscheinlich 1862 von Jakob Frohschammer und Alois Schmid geprägt. Die Neuscholastik ist die Fortsetzung der Scholastik über die Reformation hinaus. Das erste System der katholischen Neuscholastik wurde durch den Jesuiten Franciscus Suárez um 1600 vollendet.

Inhaltsverzeichnis

Zu den Entstehungsmomenten am Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Neuscholastik ist die streng konservative Richtung innerhalb der neueren katholischen Philosophie. Sie entwickelte sich im engsten Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen der Folgen des Ersten Weltkriegs. Der Aufschwung der Neuscholastik erfaßte selbst Kreise, die ihr bis dahin ablehnend gegenüber gestanden hatten. So traten zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Philosophieprofessoren Dietrich von Hildebrand (1881-1943), Siegfried Behn (1884-1970) und Max Ettlinger (1877 - 1929) zum Katholiszismus über. Namhafte katholische Philosophen wie Alois Dempf (1891-1982) bezeichneten bereits in dieser Zeit das Erstarken der katholischen Philosophie als Ausdruck der "äußeren und inneren Not der Zeit".

Zu einigen inhaltlichen Momenten der Neuscholastik

Das zentrale Anliegen der verschiedenen Gruppierungen der Neuscholastik ist dasselbe wie das der mittelalterlichen Scholastik: philosophische, d.h. rationale Begründung der kirchlichen Dogmen, Versöhnung von Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft, Kampf gegen alle "progressiv-sozialphilosophischen" Ideen, insbesondere gegen des philosophischen Materialismus und des wissenschaftlichen Atheismus. Ihren Anfangspunkt im deutschen Raum hat die Neuscholastik in der Mitte des 19. Jahrhunderts und steht in engstem Zusammenhang mit den restaurativen Tendenzen der damaligen Zeit. Wichtige Vertreter im deutschen Sprachraum, die an die spanische und italiensiche Scholastik anknüpften, waren Joseph Kleutgen, Matthias J. Scheeben, Constantin von Schaezler u.a.

Zu den Vorreitern der Wiederbelebung der scholastischen Tradition

Im Kampf gegen diese Bewegungen haben unter Anknüpfung an eine nie ganz abgebrochene scholastische Tradition katholische Philosophen und Theologen in verschiedenen europäischen Ländern

die ersten Ansätze zur Wiederbelebung der scholastischen Philosophie unternommen. Im Laufe der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts wurden diese Ansätze ausgebaut, wobei sich die Neuscholastik immer deutlicher als eine Bewegung gegen das fortwirkende progressive Erbe der klassischen bürgerlichen Philosophie und vor allem gegen die sich ausbreitende sozialistische Bewegung entwickelte. In Deutschland trug besonders der Kulturkampf zur Stärkung der Neuscholastik bei. Nach der Jahrhundertwende, vor allem jeweils nach den beiden Weltkriegen, gelang es der Neuscholastik, die bis dahin auch von bürgerlichen Strömungen heftig angefeindet worden war, ihre Außenseiterstellung zu überwinden und zu einer der einflußreichsten Richtungen innerhalb der modernen Philosophie zu werden.

Zur Förderung der Neuscholastik durch den Vatikan

Die Neuscholastik ist von Anfang an durch den Vatikan gelenkt und gefördert und ihre Durchsetzung zuweilen auch erzwungen worden. Die vielfältigen Eingriffe der Kurie (1) gipfeln in der Enzyklika Aeterni patris aus dem Jahre 1879, in der die Philosophie des Thomas von Aquin zur offiziellen Lehre der katholischen Kirche erklärt wurde; sie sind aber auch später mehrfach in diesem Sinne wiederholt worden (siehe (1)). Die letzte bedeutende Stellungnahme, in der die Neuscholastik offiziell empfohlen wurde, stellte die Enzyklika Humani generis von Pius XII. aus dem Jahre 1950 dar. Inhaltlich bedeutete die Restauration der mittelalterlichen Scholastik durch die Neuscholastik im Wesentlichen ein Zurückgehen auf die Lehre von Thomas von Aquin dar (siehe Thomismus), daneben auf die von Augustinus, Bonaventura, Duns Scotus (Skotismus, Frantiskanerschule) und Francisco Suarez (Suarezianismus).

Zum Grundstock der Lehren der Neuscholastik

Da der Neuthomismus bei weitem die einflußreichste und von der Kirche am meisten unterstützte Gruppierung innerhalb der Neuscholastik ist, wird diese vielfach - jedoch unzulässigerweise - mit jenem identifiziert. Obwohl die Neuscholastik auf Grund dieser Umstände wie auch auf Grund bestimmter Modernisierungsbestrebungen, die teilweise recht weitreichend sein können, nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert (bis dahin war die Neuscholastik ausgesprochene Repristination) eine gewisse Spannungsbreite aufwies, gibt es doch einen bestimmten Grundstock an Lehren, der es gestattete, die Neuscholastik als eine einheitliche Strömung anzusehen. Im Selbstverständnis der Neuscholastik werden diese Lehren etwa dahingehend zusammengefaßt:

"Bei allen diesen Denkern findet sich ein gewisses Depositum von philosophischen Lehren,
 das sie zusammenhält: Es gibt Wahrheit überhaupt und gibt ewige Wahrheiten; das Erken-
 nen des Menschen schließt den modus cognoscentis ein, wird aber dadurch nicht zu rei-
 ner, relativistischer Subjektivität; es ist vielmehr das Sein selbst erkennbar und hat einen
 objektiven Charakter; es läßt sich analysieren in geschaffenes und ungeschaffenes Sein,
 in Substanz und Akzidenz, Wesenheit und Dasein,  Akt und Potenz, Ur-
 bild und Abbild, in die Schichten des körperlichen, lebendigen, seelischen, geistigen Seins;
 die Seele des Menschen ist immatriell, substantiuell und unsterblich; dadurch unterscheidet
 sich der Mensch wesenhaft vom Tier; Sittlichkeit, Recht und Staat richten sich nach ewigen
 Normen; und die erste Ursache allen Seins, aller Wahrheit und Werte ist der transzendente 
 Gott.
 
 In der Einzeldurchführung gibt es eine große Variationsbreite, wie man das an den bekann-
 ten Kontoversen sehen kann, z.B. um die Deutung des Unterschiedes des geschaffenen und 
 ungeschaffenen Seins (ens a se und ens ab alio, Urbild und Abbild), um das Verhältnis
 von göttlicher Ursächlichkeit und menschlicher Freiheit (Thomismus und Molinismus), um das 
 geistige Erkennen (Anstraktion und Intuition), um die Universalien (ante oder post 
 res), um die Wertung der Seelenkräfte (Intellektualismus oder Voluntarismus), um
 die Begründung der Ethik (theonome oder teleologische Ethik oder Wertlehre)... Trotzdem 
 ist die Grundhaltung immer irgendwie getragen vom Geiste der platonisch-aristotelischen 
 Philosophie und ihrer Metaphysik der Wesenheiten, Formen und Ideen"(in: (2))              
 

Zu den Hauptvertretern der Neuscholastik

Als Hauptvertreter der Neuscholastik sind anzusehen:

1. Logik und Erkenntnistheorie

2. Metaphysik und Ontologie

3. Naturphilosophie

4. Ethik und Gesellschaftslehre

5. Ästhetik

6. Religionsphilosophie

7. Geschichte der Philosophie

8. Marxismuskritik

Zu einigen Lehrwerken und Quellen zur Scholastik

Als repräsentattive Darstellung der Neuscholastik, wobei gleichzeitig auch ihre Entwicklung Berücksichtigung findet, können gelten:

Ein Gemeinschaftswerk, das die neuscholastische Philosophie in einfacher und gedrängter Form auf neuerem Stand wiedergibt, ist das Buch von

Literatur


Weblinks


Siehe auch Scholastik, Thomas von Aquin, Maritain, Franciscus Suarez, Thomismus, Neuthomismus

See also: Neuscholastik, 1600, 1862, 1877, 1879, 1881, 1884, 1891, 19. Jahrhundert, 1929