Nord-Süd-Konflikt
Mit dem Begriff Nord-Süd-Konflikt bezeichnet man folgende eng zusammenhängende Konflikte:
- die Auseinandesetzung der früheren Kolonialmächte mit ihren Kolonien, als in diesen Unabhängigkeitsbestrebungen aufflammten (1940-1975), siehe auch Entkolonisierung
- der darauf folgende wirtschaftliche Konflikt zwischen den sogenannten Industrieländern und den Entwicklungsländern: Von seiten der Entwicklungsländern wird der Vorwurf erhoben, die Industrieländer nutzten ihre wirtschaftliche Macht, um die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von ihnen zu festigen, beziehungsweise billige Preise und Löhne zu ihren Gunsten auszunutzen. Siehe dazu auch Neokolonialismus und Globalisierung.
Der Begriff rührt von der Tatsache her, dass die Mehrheit der Industrieländer und früheren Kolonialmächte auf der Nordhalbkugel der Erde liegen, während die Entwicklungsländer und früheren Kolonien meist auf der Südhalbkugel zu finden sind.
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Geschichte des Nordsüdkonfliktes
Die politische Entkolonisierung
Der Nord-Süd-Konflikt begann in den 40er Jahren mit den aufflammenden Unabhängigkeitsbestrebungen in den asiatischen Kolonien Großbritanniens, wie Jordanien, Indien etc. Darauf folgten in den 50er, 60er und 70er Jahre die Unabhängigkeitskriege in Afrika. Erst Anfang der 80er Jahre war dieser Prozess der politischen Entkolonisierung im Großen und Ganzen abgeschlossen, heute gibt es nur noch wenige und vergleichsweise unbedeutende Kolonien. Der Kalte Krieg beeinflusste diesen Prozess, da in mehreren Fällen seitens der USA und der UdSSR versucht wurde, die neu unabhängig gewordenen Staaten in ihren Block zu integrieren. Viele der neuen Staaten reihten sich jedoch in die in den 60er Jahren entstandene Bewegung der blockfreien Staaten ein, die jede Einflussnahme seitens der Ost-West-Mächte zurückwiesen.
Wirtschaftlicher Nordsüdkonflikt
Das wirtschaftliche Element tauchte schon kurz nach den Unabhängigkeitsbestrebungen der früheren Kolonien auf. Viele Ressourcen, vor allem Rohstoffe wie Erdöl, waren nach wie vor in den Händen der Kolonialmächte, was in einigen Fällen zu Verstaatlichungen führte, in anderen Fällen jedoch die wirtschaftliche Abhängigkeit der Kolonien von ihren vorherigen Kolonialmächten weiterhin garantierte.
Das entscheidende Element war jedoch das Handeln der multinationalen Konzerne, die in vielen Fällen die günstigen Preise in den Entwicklungsländern insgesamt (also nicht nur in den ehemaligen Kolonien) ausnutzten, um sich billige Rohstoffe und billige Arbeitskraft zu sichern. Diese Konzerne waren meist in den Industrieländern beheimatet, lagerten aber bestimmte Bereiche in die Entwicklungsländer aus, wobei dies meist die Bereiche waren, die einerseits arbeitsintensiv sind, andererseits keine besonderen Bildungsanforderungen stellen (z.B. die Beschäftigung von Näherinnen für Modekonzerne oder das Pflücken von Kaffeebohnen). Dabei kam es immer wieder zu Konflikten wegen den Arbeitsbedingungen, die meist deutlich unter dem Niveau der Industrieländer lagen und lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne und teilweise Kinderarbeit einbezogen. Zudem gab es in einigen Fällen auch ökologische Probleme, etwa die Verschmutzung des Wassers einiger Flüsse in Nigeria seitens der Ölkonzerne, oder die Bildung von landwirtschaftlichen Monokulturen.
Ein weiteres Problem ist die in vielen Fällen fehlende Diversifizierung der Wirtschaft in den Entwicklungsländern. So ist in vielen Fällen der primäre und der tertiäre Sektor (also Rohstofförderung und Dienstleistungen) praktisch für die ganze Wirtschaftskraft der Länder verantwortlich, während der sekundäre Sektor, die Industrie, stark unterentwickelt ist. So kommt es oft zu Abhängigkeit der Wirtschaft der Entwicklungsländer von Importen von industriellen Produkten aus den Industrieländern.
Dieses Phänomen der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den multinationalen Konzernen aus den Industrieländern wird heute mit dem Begriff Neokolonialismus (auch Neoimperialismus) bezeichnet, was sich auf die wirtschaftliche Ausbeutung dieser Länder bezieht, die in vielerlei Hinsicht den Bedingungen in der Kolonialzeit ähnelt.
In einigen Fällen wurde seitens kritischer Bewegungen versucht, Standards für einen "fairen Handel" (Fair Trade) einzuführen, diese blieben jedoch meist Randerscheinungen, die auf die realen Bedingungen nur wenig Einfluss hatten.
Widerstand und Anti-Globalisierungs-Tendenzen
Besonders seit den 1980er Jahren regte sich in den Entwicklungsländern aktiver Widerstand gegen diese wirtschaftliche Ausbeutung seitens der multinationalen Konzerne. In vielen Ländern wurden etwa hohe Barrieren für die Ansiedlung ausländischer Konzerne gesetzt, beziehungsweise versucht, mit Hilfe von Importrestriktionen die Entwicklung eigener Industrien zu fördern. Dies war nicht immer erfolgreich, dennoch gibt es Länder wie etwa Südkorea, die durch solche Maßnahmen einen starken Entwicklungsschub hatten. Andererseits versperren sich viele Staaten durch solche Maßnahmen den Vorteilen des internationalen Handels.
Ein anderes Element war das Aufkommen der sogenannten Globalisierungskritiker, die mit weltweiten und lokalen Aktionen versucht, die Bevölkerung auf das Phänomen des Neokolonialismus und auf die negativen Begleiterscheinungen der Globalisierung aufmerksam zu machen.
Es bleibt anzumerken, dass der wirtschaftliche Nordsüdkonflikt bisher nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt hat. Dennoch sehen viele Kritiker den Neokolonialismus als eine der Hauptursachen für das Wiederaufflammen des Terrorismus in den 1990er Jahren und im beginnenden 21. Jahrhundert.
Siehe auch: Kolonialismus, Imperialismus, Anglozentrismus
