Mündliche Überlieferung
Mündliche Überlieferung bezeichnet Geschichten, Legenden und Traditionen die von Generation zu Generation weitererzählt werden und erst in jüngerer Zeit niedergeschrieben wurden. Besonders in der gesellschaftlichen Unterschicht, die nicht schreiben konnte oder in entsprechenden Kulturen, bilden mündliche Überlieferungen einen großen Teil der Geschichte.
Um sicherzustellen, dass mündliche Überlieferung die Zeiten überdauert, kann man verschiedene Methoden verwenden. Man kann wichtige Erzählungen in Rituale einbauen, die sich dann den Beteiligten besonders ins Gedächtnis einprägen. (Ein banales Beispiel ist die jährliche Verlesung der Weihnachtsgeschichte im Gottesdienst). Hilfreich ist auch die Gedichtform, weil Reim und Versmaß verhindern, dass einzelne Wörter leicht vergessen und verändert werden können. Allerdings werden gerade Gedichte aktuellen Bedürfnissen bewusst angepasst.
Man geht davon aus, dass große Teile des Alten Testamentes mündlich überliefert wurden, bevor man sie aufschrieb.
In Deutschland entstanden in der Romantik die beiden wichtigsten Sammlungen mündlich überlieferter Texte: Die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm und "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Bei beiden Werken ist allerdings zu beachten, dass die Herausgeber ihre Quellen nach ihren Bedürfnissen bearbeiteten. In den 60er Jahren gab Peter Rühmkorf seine Sammlung Über das Volksvermögen heraus, in dem er mündlich überlieferte Aphorismen, Gedichte und Abzählreime sammelte. Rühmkorf betonte dabei die derbe, brutale und sexuelle Seite dieser Überlieferung.
In der Geschichtswissenschaft kann mündliche Überlieferung wichtig sein, für Zeiten und Kulturen, in denen es keine schriftliche Überlieferung gibt. Dann muss der Historiker versuchen, den "wahren Kern" in Sagen und Legenden zu finden.
Oral history
Der englische Ausdruck für mündliche Überlieferung "oral history" bezeichnet eine bestimmte Methode der Geschichtswissenschaft, die seit den 1960er Jahren auch in Deutschland angewendet wird. Seit damals erforschen Historiker auch die Alltagsgeschichte von Personen aus der Unterschicht. Über diese Menschen gibt es zwar auch schriftliche Quellen, wie Musterungsakten, Kirchenbücher, Wanderbücher von Gesellen, Prozessakten und andere amtliche Dokumente, die aber nur zu besonderen Gelegenheiten entstehen. Durch mündliche Befragung von Betroffenen, hoffen die Historiker Aufschluss über den Alltag in der Vergangenheit zu erhalten. Durch Interviews will er erfahren, was die Menschen jenseits der politischen Ereignisse wirklich bewegte.
Diese Art der Geschichtsforschung muss sehr sorgfältig eingesetzt werden, da die Ergebnisse immer im Zusammenhang mit der Wahrnehmung gedeutet werden müssen. Bereits im Vorfeld muss geklärt werden, welche Erkenntnisse gewonnen werden können. Genaue Namen und Daten sind häufig mit Fehlern behaftet, Stimmungen, Meinungen, Gefühle oder der Informationsstand von Personengruppen können dafür sehr gut ermittelt werden. (Streitfall: Kenntnis über den Holocaust)
Ein Pionierwerk der oral history ist die von Lutz Niethammer herausgegebene Studie über "Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet"(Niethammer, Lutz. "Die Jahre weiß man nicht wo man die heute hinsetzen soll." Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebeit 1930-1960. Band 1.).
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Kategorie:Geschichtswissenschaft
